Immer noch die Auserwählten?

Ratgeber-Glauben

Sind die Juden auch heute noch „Gottes auserwähltes Volk“?

Pater Hans Peters SVD aus: Stadt Gottes September 2007

Ja, die Juden sind heute noch Gottes auserwähltes Volk. Dabei ist aber von vornherein eine Differenzierung angebracht: Das auserwählte Volk ist nicht einfach identisch mit dem Staat Israel, wenn auch die Mehrheit der Bürger dieses Staates zu diesem auserwählten Volk gehört. Die Eindeutigkeit der Antwort ist insofern von großer Bedeutung, als das Vergessen dieser Auserwählung mit eine der Ursachen war, warum es im Laufe der Geschichte immer wieder zu Judenpogromen kam bis hin zur Katastrophe des Holocaust. Der Antisemitismus, der immer wieder in der Kirche Raum gewann, hat damit zu tun, dass diese Wirklichkeit vergessen und verdrängt wurde, so auch die Herkunft Jesu, der Gottesmutter Maria und der Apostel aus dem jüdischen Volk. In dieser Vergesslichkeit und Verdrängung gibt es in der Tat eine Mitschuld der christlichen Kirchen an jener Entwicklung, die zum Holocaust führte. Papst Johannes Paul II. hat das mit dem großen Schuldbekenntnis des Jubiläumsjahres 2000 deutlich gemacht.

Eine eindeutige theologische Klärung hat das II. Vatikanische Konzil geliefert in seiner Dogmatischen Konstitution über die Kirche. Es spricht von der Erwählung dieses Volkes und sagt dazu, dass „die Gaben und Berufung Gottes nämlich ohne Reue sind“ (16). Dazu beruft sich das Konzil auf den Römerbrief, in dem Paulus über das jüdische Volk sagt: „Unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“ (Röm 11,29).

Das veränderte Verhältnis der Kirche lässt sich symbolisch an der Veränderung der Karfreitagsfürbitte für die Juden festmachen. In der vorkonziliaren Liturgie wurde „pro perfidis Judaeis“ gebetet, das man vereinfacht mit „perfiden Juden“ übersetzen konnte. Auch wurde bei dieser Bitte das übliche Knien unterlassen zur Erinnerung an die verhöhnende Kniebeuge „durch die Juden“ in der Passion Jesu, wobei es sich in diesem Fall nicht um Juden gehandelt hat, sondern um römische Soldaten.

Die heutige Fürbitte betet darum, dass Gott das Volk der Juden „in der Treue zu seinem Bund bewahren möge“, dass es „zur Fülle der Erlösung gelangt“ und so „das Ziel erreichen möge, zu dem Gottes Ratschluss es führen will.“ Die Kirche hütet sich also davor, selbst zu bestimmen, worin Weg und Fülle der Erlösung Israels und das Ziel des Ratschlusses Gottes besteht. Sie bittet ausdrücklich nicht um Bekehrung der Juden, sondern erkennt deren eigenen Weg zum Heil an. Hier kommt uns eine ganz andere Welt entgegen, in der Antisemitismus keinen Platz hat, aber auch nicht Judenmission, sondern hier geht es um geschwisterliche Partnerschaft, die das Geheimnis der jeweiligen Berufung respektiert.

In stadtgottes Dezember 2007, Seite