Ich kann nicht richtig bereuen

Ratgeber-Glauben

Als ich gestern von der Bußandacht nach Hause ging, kam mir plötzlich die Frage in den Kopf: Hast du denn deine Sünden überhaupt richtig bereut? Denn ohne echte Reue hat auch eine Bußandacht doch überhaupt keinen Sinn. Nur Pflichthandlungen und -worte – ist das nicht zuwenig?

Pater Eugen Rucker SVD aus: Stadt Gottes Mai 2007

Sie haben, ehrlich gesagt, auch mir aus der Seele gesprochen. Ich tröste mich mit zwei Antworten: Reue ist zunächst einmal Wille und kein Gefühl. Gefühle sind innere Beschaffenheiten, die kommen und gehen. Stimmungen erleidet man; man kann alle Faktoren, die sie erzeugen, nie ganz durchschauen. So kann man sich auch Reuegefühle nicht ankommandieren oder aus dem Gotteslob herausbeten.

Mit dem Wollen ist es aber ganz anders. Was ich will, kann ich jederzeit frei bestimmen, in welcher Umwelt ich mich auch befinde und trotz aller belastenden körperlich-seelischen Befindlichkeiten. Ich gehe in die Bußandacht, weil ich will. Und ich will, weil in mir etwas sagt: Das tut dir gut; das ist für dich besser, als zu Hause zu bleiben und Fernsehen zu gucken. Was besagt: Ihre Reue lag in Ihren Beinen, die Sie zum Gang in die Kirche bewegt haben, gegen das schwere Gewicht des „Fleisches“, das wir alle so gut kennen. Mehr konnte man von Ihnen nicht verlangen.

Und doch ist damit nicht alles gelöst und vollkommen gottgefällig. Es bleibt ein Unbehagen, nicht von der Sorte der quälenden Skrupel oder der blinden Ängste, die unser Leben manchmal bedrücken und verfinstern, sondern ein Unbehagen, wie man es verspürt, wenn man vom Selbsterhaltungstrieb oder Selbstheilungstrieb gemahnt wird, eine ungesunde Lebensweise aufzugeben, also ein Unbehagen, das zum Guten führt, zu einem inneren Zustand, den man eigentlich herbeisehnt. Kürzlich las ich vom heiligen Ansgar, dass er sich sein Leben lang danach sehnte, wegen seiner Sünden weinen zu können. Und dann wurde ihm ein Jahr vor seinem Tod die „Gabe der Tränen“ gegeben. Ein Block (des Stolzes) hat sich in ihm gelöst, und ihm wurde die Gnade zuteil, seine wahre Gestalt vor Gott zu sehen, deren Erbärmlichkeit ihn nicht nur in die Knie zwang, sondern angesichts der Liebe seines Gottes Tränen in die Augen lockte. Obwohl Jesus kein Sünder war, widersprach Er dem reichen Jüngling: „Was nennst du mich gut? – Gott allein ist gut!“ (Mk 10,18), und suchte Seinen guten Vater nächtelang auf den Bergen.

Wenn mir die Leute manchmal etwas schenken wollen, sage ich: Bitte beten Sie um meine Bekehrung! Und dann muss ich fast immer ihr Lachen korrigieren und beteuern: Es ist mir ernst mit dieser Bitte. – Sehnen Sie sich nicht auch oft nach diesem großen Reinigungsfeuer, das in Ihnen dieses kleine klebrige Ich mit Stumpf und Stiel ausbrennen möge?

Wenn wir also wieder einmal eine gefühlsarme aber willensstarke Reue in Worten ausdrücken, können wir in Klammern beifügen: Und gib mir bald eine Reue, die mich ganz ergreift. Gib mir bald eine Reue, die „mich mir nimmt und ganz Dir zu eigen gibt“ (Bruder Klaus), die mich tiefer erfasst als jedes irdisch-weltliche Bedauern – weil ich zu ahnen beginne, was Deine Liebe zu mir bedeutet.

In stadtgottes Dezember 2007, Seite