Bibeltexte abschwächen?

Ratgeber-Glauben

Ich habe den Eindruck, dass unsere Kirche heute oft der Versuchung erliegt, klare Aussagen biblischer Texte abzuschwächen oder zu relativieren, um niemanden vor den Kopf zu stoßen. Aber Gott ist doch die Wahrheit selbst, dann sind doch seine Worte auch wahr, oder?

Pater Hans Peters SVD aus: Stadt Gottes November 2007

Ein Blick in die Geschichte lehrt uns, dass bisweilen das, was man für eine klare Aussage der Bibel hielt, sich im Nachhinein doch als sehr zeitbedingte Auffassung zeigte. Man denke nur an den Fall Galilei oder daran, als man meinte, darüber streiten zu müssen, ob die Welt nun wirklich in sieben Tagen entstand. In beiden Fragen hat man die Eigengesetzlichkeit biblischer Texte, die uns nicht über naturwissenschaftliche Vorgänge belehren wollen, nicht beachtet. So stellt sich auch hier wieder die Frage: Wie ist mit biblischen Texten umzugehen? Gott ist die Wahrheit, aber er hat uns diese Wahrheit auf eine menschliche Art und Weise mitgeteilt, sodass diese Wahrheit nicht einfach offen daliegt, für jeden einsichtig, sondern sie will in diesen menschlichen Ausdrucksweisen gesucht und entdeckt werden. In der Bibel kommt zwar Wort Gottes zu uns, aber die Wörter der Bibel sind nicht einfach eins zu eins die Wörter Gottes, so als hätte Gott sie uns diktiert. Auffallend ist doch, dass wir in der Liturgie sagen: Wort Gottes, aber wir sprechen nie von den „Wörtern“ Gottes. Und sie existieren nie ohne die konkrete Situation des Zuhörers. Der geschriebene Text als solcher ist eigentlich nie fertig, sondern er kommt zum Leben in denen, die ihn hören und ihm in ihrem Leben Raum geben. Das heißt: Das eigentliche Wort Gottes ist das, was sich im Leben der Menschen „ereignet“. Das Leben der Heiligen ist da noch das konkreteste Wort Gottes. Moderne Bibelwissenschaften können einen da vor Verkürzungen, Missverständnissen und Kurzschlüssen bewahren. Wer sich daher intensiver mit der Bibel auseinandersetzen will, um sie für sein persönliches Leben fruchtbar zu machen, ihren Reichtum zu entdecken, für den werden solche Grundkenntnisse sehr hilfreich sein. Zugleich wird man jedoch auch sagen dürfen: Jeder Christ darf auf eine sehr einfache, fast möchte ich sagen, naive Weise die Bibel lesen und für sich seine Schlussfolgerungen daraus ziehen, sich erbauen und erschüttern, stärken und trösten lassen. Unter einer Bedingung: Dass er bereit ist, seine Einsicht und Erfahrung immer wieder in den größeren Zusammenhang der Erfahrung der Gemeinschaft der Glaubenden zu stellen, seine Erfahrungen erweitern zu lassen und auch hinterfragen zu lassen. Ein einfacher Umgang ohne alle Bibelwissenschaft und theologische Reflexion wäre, sich zu sagen: „So verstehe ich es im Moment“, „das sagt es mir jetzt“ – und dies konsequent zu leben, in der Bereitschaft, immer noch dazulernen und umlernen zu können und zu wollen.

In stadtgottes Dezember 2007, Seite