Wo sind die vielen Seelen?

Ratgeber-Glauben

Wie muss man sich das denn vorstellen: Wo sind die Seelen von Milliarden von Menschen? In welchem Himmel halten sie sich auf?

Pater Hans Peters SVD aus: Stadt Gottes Oktober 2007

Eine einfache, ehrliche Antwort: Wir können es uns – fast – gar nicht vorstellen. Aber da liegt auch zugleich die Gefahr, nämlich dass etwas, das wir uns gar nicht vorstellen können, bedeutungslos wird für unser Leben. Wenn wir keine Bilder, Visionen für den Himmel mehr haben, werden wir bald auch keine Bilder, Visionen für diese Erde mehr haben, denn Himmelsvisionen haben immer auch etwas mit irdischen Visionen zu tun, sagen sie doch, wie wir uns gutes Leben im besten Sinne des Wortes vorstellen, ein Leben, von dem schon hier auf Erden etwas sichtbar werden soll. Allerdings müssten wir auch die Bereitschaft mitbringen, uns von oben und unten zu verabschieden, von einem begrenzten Raum oder einem lokalisierbaren Ort. Mir gelingt noch am ehesten ein Zugang über die Kunst, Musik und Literatur. Wenn wir Musik hören, die uns weinen lässt vor Glück, wenn uns ein Kunstwerk so berührt, dass wir uns fast nicht von seinem Anblick trennen möchten, wenn wir ein Gedicht lesen, es hören oder uns selbst aufsagen und uns erfüllt ein tiefer innerer Trost, dann sind wir auf einer Spur, die in uns eine Ahnung von Schönheit und Gutheit inmitten all der furchtbaren Dinge unseres Lebens und dieser Welt vermittelt. Oder wenn wir nach einer langen Krankheit wieder genesen sind, nach einer endlos scheinenden Depression auf einmal wieder Licht sehen, wenn in einer völlig verfahrenen Situation sich plötzlich die Möglichkeit der Vergebung und Versöhnung auftut: Da ist immer wieder diese Ahnung von etwas, das mehr ist als das, was wir im Moment erfahren und von dem wir sagen möchten: „Verweile doch, du bist so schön.“ Wenn es eine Antwort auf ein „Wo“ des Himmels gibt, dann wären es solche Erfahrungen, sehr konkret und doch darüber hinaus weisend. Die Offenbarung des Johannes in ihren letzten Kapiteln mit ihren wunderbaren überwältigenden Bildern von der großen Gemeinschaft im Himmel, aufgezeichnet für eine Gemeinde, die von den weltlichen Bedrängnissen und Katastrophen heimgesucht unangefochten wurde, ist ein Versuch, das Unbeschreibliche in menschliche Bilder zu übertragen. Sie sollen ihre tröstende und ermutigende Kraft damals wie heute in Menschen entfalten. Die Malerei des späten Mittelalters mit ihren Marienbildern und einer Heerschar Heiliger und Engel um sie herum, alle diese Bilder liegen nicht so verkehrt, weil sie etwas von einer versöhnten, allumfassenden Gemeinschaft sagen, etwas, was hier auf Erden oftmals nicht gelingt, und wo wir doch den Eindruck haben, dass es das wäre, was wir so dringend nötig haben. Zugleich werden wir in aller Demut sagen: Und es wird noch ganz anders sein, noch viel mehr, noch schöner, noch unbeschreiblicher. Ohne Kunst würde es mir schwer fallen, mir irgendeine Vorstellung vom Himmel zu machen. Ob der moderne „Run“ auf so manche große Kunstausstellung sich auch so erklären lässt, dass Menschen, in deren Leben Gott, Glaube und Kirche keine große Rolle spielen, hier doch – unbewusst – etwas vom Himmel zu erahnen beginnen?

In stadtgottes Dezember 2007, Seite