Wann entstand die Seele?

Ratgeber-Glauben

Wenn man davon ausgeht, dass der Mensch sich aus dem Tierreiche entwickelt hat, wann hat er seine unsterbliche Seele bekommen?

Pater Hans Peters SVD aus: Stadt Gottes Dezember 2007

Auf diese Frage kann weder die Naturwissenschaft noch die Theologie eine eindeutige Antwort geben. Wir wissen es einfach nicht. Das menschliche Leben hat sich in einem Millionen Jahre langen Prozess entwickelt. Auch wenn wir heute davon ausgehen können, dass sich der Mensch nicht vom Affen entwickelt hat, so haben beide, Mensch und Affe, doch eine gemeinsame Wurzel. Immer noch wird diese Tatsache von vielen Menschen mit Hinweis auf biblische Berichte bestritten. Mit den biblischen Berichten kann man zu der Frage nach dem Zeitpunkt überhaupt nichts erfahren, sie existierte für die Verfasser der Bibel nicht. Der Entwicklungsprozess bestand in einer immer weiteren Differenzierung, in einem Sich-Auseinanderentwickeln der verschiedenen Pflanzenund Tierarten. Der Glaube an einen Schöpfergott besagt, dass hinter der Entwicklung, wie sie sich im Evolutionsprozess abzeichnet, nicht blinder Zufall, sondern ein göttlicher Wille steht. Aber hier sind wir auf der Ebene des Glaubensbekenntnisses, das sich nicht naturwissenschaftlich beweisen lässt. Für den Glaubenden kann die Evolution ein Hinweis sein auf einen Schöpfergott, für einen Nichtglaubenden bleibt alles auf der Ebene des Zufalls, wenn auch die Tatsache, dass das Leben sich gerade so und nicht anders mit dem heutigen Menschen als Ergebnis entwickelt hat, zu denken gibt, zugleich aber nichts beweist im strengen Sinn des Wortes. Vom Glauben her wird man sich einen „Entwicklungsschritt“ vorstellen müssen, in dem dieses Wesen Selbstbewusstsein, Wissen um Gut und Böse, Gestaltungsdrang erworben hat. Der Besitz einer unsterblichen Seele bedeutet auch, eine Gottesbeziehung zu haben, um die das Geschöpf im Unterschied zum Tier weiß. Eine solche Gottesbeziehung ist aber etwas, das weder das Geschöpf von sich aus herstellen, noch sich von selbst aus der geschaffenen Materie entwickeln kann, sondern von Gott selbst dem Geschöpf geschenkt werden muss. Dieser Schöpfungsakt als Selbstmitteilung Gottes muss im Laufe der Evolution irgendwann stattgefunden haben. Den Zeitpunkt können wir nicht nennen. Wenn die Naturwissenschaften aufgrund bestimmter Kriterien davon ausgehen, wann wir es mit einem Menschen zu tun haben, dürfte dies ein Hinweis darauf sein, dass wir es mit einem Menschen mit einer unsterblichen Seele zu tun haben. Die biblischen Erzählungen geben uns keinerlei Auskunft über die natürliche konkrete Entwicklung des Menschen, geschweige denn über einen Augenblick, von dem an wir es mit einem Menschen in unserem Sinne zu tun haben. Das Interesse der biblischen Erzählungen ist nicht Erklärung eines naturwissenschaftlichen Vorganges, sondern sie wollen den Menschen ihrer Zeit helfen, sich selbst besser zu verstehen, das Geheimnis von Gut und Böse, mit dem Leiden in ihrem jetzigen Leben fertig zu werden und ihr Leben aus dem Glauben an einen Schöpfergott zu gestalten, an einen, der hinter all diesen oftmals so schwer verständlichen.

In stadtgottes Dezember 2007, Seite