Ich kann nicht das „Vaterunser“ beten!

Ratgeber-Glauben

Ich bin über 70, habe drei Kinder und hatte einen guten Mann. Aber ich habe noch heute einen furchtbaren Zorn auf meinen Vater. Er war äußerst streng zu uns Kindern und seiner Frau. Wie oft hat er mich wegen der kleinsten Fehler brutal vermöbelt. Ich hatte eine schreckliche Angst vor ihm. Das wirkte sich auch auf meinen Glauben aus. Ich konnte noch nie wirklich das „Vaterunser“ beten.

Pater Franz-Josef Janicki SVD aus: Stadt Gottes Oktober 2007

Das ist bis heute so. Dass beim „Vaterunser“ immer wieder das Bild ihres gewalttätigen Vaters auftaucht, kann ich gut verstehen. Die ersten Erfahrungen mit unseren Eltern prägen ja unser Verhalten zum Leben überhaupt und wirken sich auch aus in unseren Bildern von Gott. So sehr Sie durch das gewalttätige Verhalten Ihres Vaters tief verletzt wurden, gibt es dennoch in der menschlichen Psyche so etwas wie Urbilder des „Vaters“ und auch der „Mutter“, die positiv besetzt sind und deswegen als „liebenswürdig“ entdeckt werden können. Vermutlich sind sie der unbewusste Grund dafür, dass Sie selber den Mut fanden, eine Familie zu gründen und dort ein anderes Vater- und Mutterbild in die Realität umzusetzen versuchten. Auf die Kraft dieser positiven Urbilder sich immer wieder einzulassen, sie bewusst in sich hineinfallen und leben zu lassen, setzt die heilenden Kräfte frei, nach denen Sie sich sehnen und die vielleicht auch dazu führen, die Wut auf Ihren Vater zu vermindern und ihn in Ihrer Gottesbegegnung allmählich zu „vergessen“. Vielleicht hilft Ihnen auch der Gedanke, dass der Begriff „Vater“ auf Gott angewandt ein Ähnlichkeitsbegriff ist. Er entfaltet nur dann seine wahrhafte Bedeutung, wenn alle Ne-gativerfahrungen menschlicher Vaterschaft aus ihm herausoperiert und alle Positiverfahrungen unendlich überschritten werden. An dem, was Sie erfahren haben wird wieder einmal deutlich, wie sehr die menschlichen/unmenschlichen Erfahrungen zum Schicksal des Glaubens werden können.

In stadtgottes Dezember 2007, Seite