Ewige Bindung – eine Illusion?

Ratgeber-Glauben

Warum nimmt die Kirche lebenslange Bindungen (Ehe, Ordensprofess und Priesterweihe) an? Sicher können Gelübde vielen eine Hilfe sein. Aber wie viel mehr Menschen müssen bald einsehen, dass sie überfordert sind mit einer „ewigen Bindung“.

Pater Hans Peters SVD aus: Stadt Gottes November 2008

Viele gescheiterte „lebenslange“ Bindungen konfrontieren uns fast täglich mit dieser Frage. Oftmals ein Grund, sich gar nicht erst darauf einzulassen, sondern lieber „einfach so“ zusammenzuleben und zu schauen, ob es und wie es geht. Bewusst wird die Möglichkeit offen gelassen, sich auch wieder zu trennen.

Was wir sicherlich ehrlich sagen müssen, ist, dass heute eine lebenslange Bindung allein schon von der Zeit her eine viel größere Herausforderung darstellt als bei früheren Generationen. Die Menschen werden älter. Wenn früher eine lebenslange Bindung oftmals „nur“ 20 Jahre bedeutete, so sind heute Goldjubiläen fast selbstverständlich geworden. Früher waren Goldjubilare wirklich alte Leute, heute sind sie oftmals noch rüstige Senioren, die durchaus am sozialen Leben aktiv teilnehmen. Die längere Lebenszeit birgt also auch ein eigenes Krisenpotential für lebenslange Bindungen.

Dennoch hält die Kirche an lebenslangen Bindungen fest. Für die Ehe fühlt sich die Kirche auch gebunden durch das eindeutige Jesuswort: Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen (Mt 19,6). Der Grund dafür liegt im Glauben an die bedingungslose lebenslange Zusage Gottes, den Menschen sein ganzes Leben hindurch mit seiner Liebe zu begleiten. Christlicher Glaube geht davon aus, dass Gott den Menschen an seinem lebenslangen bedingungslosen Ja teilhaben lässt und ihn so fähig macht, solche Bindungen einzugehen und zu leben.

Diese theologische Einsicht wird von allen Liebenden bestätigt, die den tiefen Wunsch haben, ja selbstverständlich davon ausgehen, dass ihre Liebe „ewig“ währt. Für eine kirchlich gültige Eheschließung ist solche Bereitschaft zu lebenslanger Bindung „bis der Tod euch scheidet“ sogar die Voraussetzung für das Zustandekommen einer gültigen Ehe. Irgendwie spürt jeder: Eine Bindung von vornherein nur auf Zeit anzulegen, widerspricht einem innersten Verlangen des Menschen.

Dass Bindungen scheitern und dann gelöst werden, kann ja nicht Grund dafür sein, grundsätzlich alle Bindungen auf Lebenszeit infrage zu stellen. Dagegen würden sich alle Menschen, die in guten lebenslangen Bindungen leben oder gelebt haben, mit Recht wehren.

Zugleich ist es aber heute aufgrund der vielen gescheiterten Bindungen Aufgabe der Kirche, gerade diesen Menschen ihre besondere pastorale Zuwendung zu schenken. Geschiedene und auch Geschieden-Wiederverheiratete müssen in der Kirche einen angemessenen Platz haben, wie auch immer.

Die orthodoxe, das heißt rechtgläubige, Kirche bietet immer auch die Möglichkeit einer kirchlichen Wiederverheiratung nach entsprechender Bußzeit. Sie versucht so, bei aller Hochachtung des Wortes Jesu von der Unauflöslichkeit der Ehe einen Weg zu finden, wie Menschen mit ihrem Scheitern als Christen und Mitglieder der Kirche angemessen leben können und so auch nicht für immer vom sakramentalen Leben der Kirche ausgeschlossen bleiben müssen.

In stadtgottes Dezember 2008, Seite