Sind die Wunder so geschehen?

Ratgeber-Glauben

Was ist von den Wundern Jesu zu halten? Sind sie wirklich so geschehen, wie es in den Evangelien steht? Was sollen sie uns sagen?

Pater Hans Peters SVD aus: Stadt Gottes Juli 2008

Jesus hat Wunder gewirkt, vor allen Dingen Dämonen ausgetrieben und Kranke geheilt. Er will sie als Zeichen der nahegekommenen Gottesherrschaft verstanden wissen (Lk 11,20). Bei den Dämonenaustreibungen geht es darum, dass Menschen wieder „Herr im eigenen Haus“ werden und so ein selbstbestimmtes Leben führen können. In heutiger Zeit könnte man die Befreiung von allen Arten offener und geheimer Manipulation, durch die Menschen fremdbestimmt werden, als solche Dämonenaustreibungen ansehen. Die Manipulation durch geschickte Werbung ist dabei die am häufigsten anzutreffende Art der Fremdbestimmung. In der Verkündigung des Reiches Gottes wird der Mensch von allen ihn fremdbestimmenden Kräften befreit, sodass er zu seiner wahren glaubenden Selbstverwirklichung finden kann. In den Wunderheilungen geht es darum, Menschen, die auf die eine oder andere Art von der vollen Teilhabe am sozialen Leben ausgeschlossen sind, wieder gemeinschaftsfähig zu machen und ihnen den ihnen zustehenden Platz im Leben und in der Welt zurück- oder ganz neu zu geben. Im Reich Gottes hat jeder seinen ihm eigenen Platz. Im Zusammenhang mit der Reich- Gottes-Predigt sind diese Wunder Jesu so zu verstehen, dass der Mensch durch sie ganz zu sich und zu angemessener Beziehung zu anderen findet, und zwar aus der Kraft des durch Jesus gesprochenen Wortes Gottes. Für die biblischen Schriftsteller stand deshalb nicht die Durchbrechung eines Naturgesetzes im Vordergrund – die waren damals auf weite Strecken noch gar nicht bekannt –, sondern der Erweis der Kraft Gottes. So gibt es auch im Alten Testament kein ausdrückliches Wort für Wunder, sondern es spricht eher von Machttaten Gottes, wobei auch die reiche Ernte so eine Machttat Gottes sein kann. Wir sollen zum Staunen und zur Dankbarkeit Gott gegenüber geführt werden. Vor diesem Hintergrund bekommen auch die „Naturwunder“ Jesu ihre Bedeutung: Brotwunder, Weinwunder, Wandel auf dem See und andere. Hier haben wir es eher mit verdeutlichenden Zeichen zu tun, die uns hinter die Dinge führen wollen, die eine tiefere Aussage über das Reich Gottes vermitteln wollen, wobei wir aber nicht genau erfahren, wie etwas vor sich gegangen ist und was wir uns, was den konkreten Ablauf der Dinge betrifft, darunter vorstellen müssen. Beim Stillen des Sturms (Mk 4,35) soll zum Beispiel deutlich werden, dass der historische Jesus von Nazareth identisch ist mit dem Schöpfergott, der die Welt geschaffen hat und Herr ist über die Elemente. Beim Wandel auf dem See (Mt 14) ist es möglich, dass der Evangelist eine Auferstehungserfahrung in das irdische Leben Jesu zurückverlegt, um so zu zeigen, dass der irdische und der auferstandene Jesus derselbe sind. Die Totenerweckungen (Mk 5,35) sind die totale Herauforderung zum Glauben an die Auferstehung der Toten, an unsere eigene Auferstehung. Dieser Glaube gründet in der Macht Gottes über den Tod, wie sie in den Totenerweckungen Jesu zeichenhaft zum Ausdruck kommt. So geschieht das eigentliche Wunder im Glauben an die handelnde Anwesenheit Gottes – damals wie heute.

In stadtgottes Dezember 2008, Seite