Ich zweifele – was soll ich tun?

Ratgeber-Glauben

Je älter ich werde, umso mehr Zweifel melden sich bei mir, ob denn alles so ist, was wir glauben. Wie komme ich von diesen Zweifeln los?

Pater Hans Peters SVD aus: Stadt Gottes März 2008

„Wer nie gezweifelt hat, ist auch nicht gereift.“ So lautet eine alte Lebensweisheit. In den Zweifeln, auch in den Glaubenszweifeln, wird uns deutlich, dass unsere Erkenntnis immer eine menschliche begrenzte ist, gerade auch im Glauben. In einer Ideologie darf nicht gezweifelt werden: Der Kommunismus vertrug keine Zweifel, alle Zweifler mussten beseitigt werden oder ihre Meinung wurde mit Gewalt unterdrückt. Der Unterschied zwischen Glauben und Ideologie liegt darin, dass der Glaube den Zweifel zulassen kann im ehrlichen Eingeständnis, dass er sich auf Dinge bezieht, die wir nicht sehen, die nicht einfach zu beweisen sind. Das klassische Beispiel eines Zweiflers in der Bibel ist der Apostel Thomas (Joh 20,24–29). Hier hat aber gerade auch der Zweifler, der noch nicht zum Glauben gekommen ist, uns etwas zu sagen. Auch nach der Auferstehung ist er durch die Begeisterung der Jünger nicht zum Glauben zu überführen. Er bleibt trotz allen Osterjubels bei seiner eigenen ungläubigen Meinung. So wird er einerseits zum Zeugen, dass die Ostererfahrung nicht einfach das Ergebnis einer Gruppenhysterie ist, der der Einzelne sich nicht entziehen kann; andererseits wird er so zugleich aber auch zu einem Menschen, der seinen Eigenstand und seine Selbstständigkeit bewahrt und nicht einfach glaubt, weil „man“ glaubt oder einfach das glaubt, was „man“ glaubt. Das sind Zeichen eines reifen Glaubens. Denn dadurch bekommen Fragen und Zweifel ihren eigenen Platz und ihre eigene Bedeutung. Gerade im Älterwerden kann sogar die Frage auftauchen, ob sich der Versuch, nach dem Evangelium und den Geboten Gottes zu leben, wirklich gelohnt hat. Vieles Vordergründige wird in Frage gestellt, das der Prüfung durch das Leben nicht standhält. Alle diese Fragen, die hautnah bei den Zweifeln stehen, sind erlaubt, sie sind keine Sünden gegen den Glauben. Worauf es ankommt: den Zweifel als den „dunklen Bruder“ des Glaubens anzunehmen. So finden wir zu dem, was Glauben eigentlich ist: Feststehen in dem, was man erhofft, ein Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht (Heb 11,1). Vielleicht lässt die dazu passende Haltung sich noch am ehesten mit den Worten des Mannes beschreiben, den Jesus um der Heilung seines Sohnes willen zum Glauben herausfordert, worauf der Mann antwortet: „Herr, ich glaube; hilf meinem Unglauben“ (Mk 9,24). Wer so versöhnt mit seinem Anteil an Unglauben umgeht und ihm einen Platz einräumt, der ist davor bewahrt, dass Glauben zu einer Ideologie wird, die man anderen aufzwingen und die andere abwerten muss, die diesen Glauben nicht teilen. Er wird so fähig zu echter Toleranz und fähig zum Dialog mit Ungläubigen, da er den Unglauben des anderen als einen Teil des eigenen Lebens erkennt, versöhnlich mit ihm lebt und erst durch ihn hindurch mit Thomas zum Bekenntnis findet: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20, 28).

In stadtgottes Dezember 2008, Seite