Wann ist „Gutes unterlassen“ Sünde?

Ratgeber-Glauben

Zu Beginn der heiligen Messe klagen wir uns an: „Ich habe Gutes unterlassen.“ Wenn ich da anfange nachzudenken, wird mir richtig schwummerig, weil die Möglichkeiten, Gutes zu tun und also auch zu unterlassen, unendlich sind.

Pater Eugen Rucker SVD aus: Stadt Gottes Juni 2009

Im Schuldbekenntnis der Kirche geht es nicht darum, was an Gutem wir hätten tun können, sondern was wir hätten tun müssen. Nehmen wir zum Beispiel einmal das Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren. Hier geht es nicht um ein grenzenloses Meer von theoretischen Möglichkeiten, sondern um einen klar gegebenen Rahmen des Tuns und der Verpflichtung. Nehmen wir dazu das Liebesgebot Jesu in seiner einfachsten Form: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Markus 12,31). Wir fragen uns also: „Wenn ich Vater/Mutter wäre, welches Verhalten könnte ich da mit Recht von meinem Kind erwarten?“ – und versuchen dann, das, was sich uns da zeigt, auf unser Verhältnis zu den Eltern anzuwenden. Hören wir bei dieser Überlegung auf das Urteil unseres Gewissens, wird uns bald klar, welche Rechte Eltern haben und wie wir uns konkret zu verhalten haben. Natürlich gibt es da auch unklare und problematische Fälle, in denen wir schwierige Entscheidungen treffen müssen. Denken wir nur an die Frage, ob wir bejahrte Eltern selbst pflegen oder in ein Heim geben sollen beziehungsweise dürfen. Was aber den Schuldcharakter unseres Handelns angeht, gilt der allgemein gebilligte Grundsatz: Im Zweifelsfall bezüglich einer schweren Verpflichtung kann von schwerer Schuld nicht die Rede sein, wenn man auch das Ideale nicht tut. Die tausend Möglichkeiten freiwilligen Engagements gehören in den Bereich freiwilliger Opferbereitschaft und haben zunächst einmal nichts mit dem Begehen von Sünden zu tun. Und wenn wir die Bereiche unserer Pflichten gegenüber Gott, der Gemeinschaft und uns selbst, nach dem Modell Kinder- Eltern-Beziehung, im Gewissen bedacht haben und uns keiner gravierenden Versäumnisse bewusst geworden sind, können wir uns als frei von schwerer Schuld beurteilen. Mag in uns auch das Gefühl zurückbleiben, vom Ideal, das uns vor Augen steht, noch weit entfernt zu sein.

In stadtgottes Dezember 2009, Seite