Wo ist denn dieser Ort, der „Himmel“?

Ratgeber-Glauben

Im Vaterunser beten wir: „Vater unser, der du bist im Himmel ...“ Wo ist dieser Ort? Und was ist damit gemeint?

Pater Eugen Rucker SVD aus: Stadt Gottes September 2009

Die Ausdrucksweise ist bildlich-symbolisch zu verstehen und nicht als ein Raum über uns. In der Bibel sind Himmel und Gott oft dasselbe. Der Kirchenvater Augustinus machte auf seinem Bekehrungsweg eine entscheidende Entdeckung, über die er in seinen „Bekenntnissen“ schrieb: „Ich folgte der Aufforderung weiser Männer, mich aus der Welt des zerstreuten Vielen außerhalb meiner in mich selbst zurückzuziehen und über das nachzusinnen, was ich bei der Erfahrung der Außenwelt ersehnte, aber nicht gefunden habe. So trat ich in mein Innerstes ein, und dort, in mir selbst, erblickte ich, in der Kraft Deiner (Gottes) Führung, mit den Augen meiner Seele über diesen Augen meiner Seele, über dem Geistigen in mir, ein Licht, das allem Wechsel entzogen und unveränderlich war. Dieses Licht über meinem Denken und Sinnen glich aber keineswegs unserer irdischen Sonne, auch nicht einer noch weit stärker strahlenden Sonne. Nein, dieses Licht über meinen Seelenaugen war etwas ganz, ganz anderes. Es befand sich nicht so über meinem Geist wie etwa Öl auf dem Wasser schwimmt oder wie sich das Himmelszelt über die Erde spannt. Es war viel erhabener; war es doch das Licht, das mich erschaffen hat. Und ich nahm mich als darunter befindlich wahr; bin ich doch von diesem Licht geschaffen.“

Hier erweist sich der „Himmel“ des Vaterunsers als ein Innen, das ganz tief im Seelengrund des Menschen verborgen da ist. Der Eingang in Gottes „Himmel“ zeigt sich so geöffnet – im Innern jedes denkfähigen, demütigen Menschen. Jeder Vernunftbegabte trägt also in sich ein Oben, das mit dem Himmel der Astronomen nicht viel mehr als nur den Namen gemeinsam hat. Dass Jesus bei seinem letzten langen Gebet „seine Augen zum Himmel erhob“, zeigt nur, dass jedes lebendige geistige Geschehen im Menschen auch an seinem Leib sichtbar wird. Beim Betenden bedeutet das Aufblicken: Loslösung des seelischen Haftens am unbefriedigenden Vielen der Welt, die Sehnsucht nach dem Einen, nach dem Ursprung, das Hoffen auf den, der allem überlegen ist.

In stadtgottes Dezember 2009, Seite