Hatte Maria eigenen Willen?

Ratgeber-Glauben

Maria hat zu Gottes Plan Ja gesagt. Ich frage mich: Geschah das aus freiem Willen oder war sie durch die Tatsache, dass sie von der Erbsünde befreit war, von vornherein vorherbestimmt für diese Entscheidung?

Pater Hans Peters SVD aus: März Stadt Gottes 2009

Der freie Wille des Menschen und Gottes Vorsehung – an diesem Problem haben sich Generationen von Theologen die Zähne ausgebissen. Die Mariologie, die Lehre über die Bedeutung der Gottesmutter im Heilsplan, war der Ort, an dem dieses Problem besonders extrem zutage trat. Einerseits müssen wir festhalten, dass Maria wirklich aus freiem Willen Ja gesagt hat, andererseits wird sie gepriesen als die von Anfang an Erwählte. Und sehr wahrscheinlich wird der Lobpreis noch die beste Art und Weise sein, diese scheinbaren Gegensätze zusammenzuhalten.

Maria hat von ihrer Bewahrung vor der Erbsünde nichts gewusst. Unter Theologen ist diese Glaubenswahrheit lange Zeit sehr umstritten gewesen, und so wurde sie ja auch erst sehr spät, nämlich 1854, als Dogma verkündet. Dieser Glaubenssatz will festhalten, dass Maria so offen gegenüber Gott war, dass sie ihr Ja bedingungslos sagen konnte – auch wenn sie Gott nicht verstand. Dennoch musste sie selbst in eigener Verantwortlichkeit ihr Ja sagen.

Diese scheinbaren Gegensätze wurden in der katholischen Theologie thematisiert unter den Stichworten „Verdienst“ und „Gnade“. Verdienst will sagen, dass Gott den Menschen in seiner Freiheit ernst nimmt, ihn wirklich frei handeln lässt und der Mensch mit seinen eigenen Kräften, die nach allen Seiten hin offen sind, sich entscheiden darf und muss. Gnade will sagen, dass im Letzten kein Mensch vor Gott sich rühmen kann, sondern einfach dankbar dafür sein muss, dass Gott „so Großes an ihm/ihr getan hat“, wie es im Magnificat heißt.

Die Gefahr in der Geschichte der Theologie und Spiritualität war immer wieder, einen Akzent besonders zu betonen, wodurch oftmals eine theologische Schieflage entstand. Wurde der Verdienst betont, bestand die Gefahr, dass eine Leis-tungsfrömmigkeit dabei herauskam: Man müsse sich den Himmel verdienen durch möglichst schwere Opfer oder alles Schwere gottergeben hinnehmen. Wurde die Gnade zu sehr betont, bestand die Gefahr, dass der Mensch in seiner Eigenständigkeit und Eigenverantwortlichkeit nicht genügend zum Zuge kam. Mit dem Ergebnis einer passiven Haltung, die nicht mehr selbst das Leben in die Hand nimmt. Frömmigkeit konnte so zum Ersatz für eigenständiges Handeln werden.

Am ehesten hilft hier noch ein Satz aus der Tradition der Wüstenväter weiter: „Der Mensch wird des Weges geführt, den er selbst wählt.“ Zutiefst geht es um das Glaubenswissen, von Gott getragen und aufgehoben zu sein, aber von einem Gott, der den Menschen in sein Eigensein entlässt, ihm sein Eigenes lässt und ihn so als seinen Partner, Freund, Bundesgenossen will. Das kann man nirgendwo so deutlich sehen wie bei Maria.

In stadtgottes Dezember 2009, Seite