Paulusbriefe – alle gefälscht?

Ratgeber-Glauben

Ich habe gelesen, dass viele Paulusbriefe gar nicht von dem Apostel geschrieben wurden, sondern Fälschungen sind. Sein Name wurde missbraucht. Muss ich sie dennoch ernst nehmen?

Pater Hans Peters SVD aus: Stadt Gottes Juli 2009

In der Tat, einige der sogenannten Paulusbriefe stammen nicht von Paulus selbst. Es handelt sich dabei um 2 Thessalonicher, Kolosser, Epheser, 2 Timotheusbriefe, Titus und den Hebräerbrief. Die Verfasser dieser Briefe gebrauchen den Namen und die Autorität des Apostels Paulus, um ihren Briefen eine apostolische Autorität zuzulegen. Für unser modernes Literatur- und Geschichtsverständnis ist dieses Verfahren nur schwer nachzuvollziehen, und auch in der Antike war es nicht unumstritten. Da galt es als mögliche Weise, durch Bezugnahme auf einen „großen“ Namen die Autorität einer Schrift zu unterstreichen. Meistens war aber auch bekannt, dass es sich nicht um den Autor der Schrift handelte. In diesem antiken Kontext stehen zunächst einmal auch die biblischen Verfasser. So ist auch davon auszugehen, dass Moses nicht der Verfasser der fünf Bücher Mose ist, zumindest nicht in der Form, wie sie uns vorliegen. Auch hier wird die Autorität der Gestalt des Mose als Gottesmann gebraucht, der Aug’ in Aug’ mit Gott verkehrte (Ex 33,11), um diese Schriften als Offenbarungen zu qualifizieren. Auch für die Evangelien gilt, dass die Namen der Verfasser nicht identisch sind mit apostolischen Personen, die im Evangelium selbst vorkommen. Die frühen Gemeinden, für die die Evangelien geschrieben wurden, hatten kein besonderes Interesse an einer genauen Bestimmung der Autorenschaft. Nicht der Autor garantierte die Inspiriertheit einer Schrift, sondern der Inhalt, der von der Gemeinde als apostolisch anerkannt beziehungsweise wieder erkannt wurde. Erst später hat man apostolische Namen hinzugefügt, um den Wiedererkennungsprozess auch „apostolisch“ abzusichern. So ist die Frage nach der historischen Verfasserschaft einer Schrift von untergeordneter Bedeutung. Fälschungen wären diese Briefe, wenn sie unter dem Namen des Paulus den wahren apostolischen Glauben verfälschen würden. Aber das tun sie wahrhaft nicht, im Gegenteil. So befremdlich diese Methoden für uns sein mögen, hier wird auch noch einmal deutlich, dass wir Gottes Wort nicht als Diktat aus dem Himmel haben so wie im Islam der Koran, sondern dass Gottes Wort für uns Fleisch geworden ist. Das bedeutet: Gott hat sich ganz auf die Menschen, ihre Sprache und Kultur eingelassen und zu ihnen gesprochen. Unsere Aufgabe ist, immer wieder freizulegen, was Gott denn eigentlich sagen wollte. Und das ist nicht einfach identisch mit dem, was man da „wörtlich“ liest.

In stadtgottes Dezember 2009, Seite