Muss ich Visionen glauben?

Ratgeber-Glauben

Visionen und der Glaube

P. Hans Peters SVD aus: Stadt Gottes Mai 2010

Was die Kinder von Fátima oder Bernadette Soubirous in Lourdes gesehen und erlebt haben – muss ich das glauben?

In allen Religionen und Kulturen gibt es das Phänomen, dass Menschen von sich behaupten, Über- und Aussernatürliches gesehen zu haben. Bei aller kritischen Einstellung ist die grundsätzliche Möglichkeit gottgewirkter Visionen festzuhalten. Gott bedient sich der seelischen und körperlichen Fähigkeiten der Seher, sodass solche Visionen und die oftmals damit verbundenen Botschaften immer auch durch die Persönlichkeit geprägt sind. So sind sie immer auch „gefärbt“ und nie als reine Fotografie des Jenseits anzusehen. Deshalb sind die Visionen der Fátimakinder auch von ihrem Religionsunterricht geprägt. In der Bibel kommen Visionen als besondere Form des prophetischen Offenbarungsempfangs vor, so vor allem in den Berufungsvisionen der Propheten Jesaja (Jes 6) und Ezechiel (Ez 1 u. 8). Das Jesuswort vom Sturz des Satans (Lk 10,18) und das Geschehen bei der Taufe Jesu können als Visionserfahrungen Jesu betrachtet werden. Auferstehungserfahrungen, besonders das Damaskuserlebnis des Paulus, können als Visionen beschrieben werden, auch wenn sie nicht mit späteren nachbiblischen Visionserfahrungen auf eine Stufe gestellt werden dürfen: Sie sind glaubensbegründend, während spätere Ausdruck oder Bestärkung eines schon bestehenden Glaubens sind. Eine besondere Rolle spielt in diesem Zusammenhang die sogenannte „Offenbarung des Johannes“. Sie versteht sich nicht als eine exakte Beschreibung jenseitiger Zustände oder zukünftiger Ereignisse, sondern will in Bildsprache die Auseinandersetzung zwischen Gott und dem Bösen, in die jeder Gläubige gestellt ist, zur Sprache bringen und so in bedrängter Zeit Umkehr bewirken und Trost zusprechen. Bei allem Respekt vor den verschiedenen Visionen der Heiligen muss dennoch festgehalten werden, dass sie nie Wesentliches zum Offenbarungsinhalt hinzufügen. Die inhaltliche Offenbarung im Christentum ist mit dem Ende der apostolischen und unmittelbar nachapostolischen Zeit abgeschlossen. Auch wenn bestimmte Erscheinungen von der Kirche anerkannt sind, so ist damit nicht gesagt, dass alles, was sie betrifft, unmittelbar auf göttliches Einwirken zurückgeht. Eine ausdrückliche Glaubensverpflichtung besteht in keinem Fall, auch nicht der Visionen von Lourdes und Fatima. Visionen mit den damit oftmals verbundenen Botschaften auf sich beruhen zu lassen, ist kein Zeichen mangelnden Glaubens, sondern Ausdruck der Freiheit der Kinder Gottes, die ihren Glauben in der Bibel und in der gelebten Lehrtradition der Kirche begründet sehen.

In Ausgabe 11-2010, Seite