Erlaubt Jesus Gewaltanwendung?

Ratgeber-Glauben

Gewalt in der Bibel und im Glauben

Pater Hans Peters SVD

Uns stört Gewalt bei anderen Religionen. Aber auch in der Bibel gibt es sie, etwa Jesu Wort, dass er das Schwert und nicht den Frieden zu bringen gekommen sei (Mt 10,34).

Das Thema Gewalt kommt in allen Religionen vor – schon deshalb, weil sie von Menschen gelebt werden. Und die sind nun einmal für Gewalt anfällig. Dies tragen sie dann bisweilen auch in ihre Gottesbilder hinein, wodurch der Eindruck entstehen kann, dass Gott Gewalt rechtfertige. Jesus setzt sich ganz eindeutig von jeglicher Gewalt politischer und religiöser Art ab. Das Wort an Petrus bei der Gefangennahme „Stecke dein Schwert in die Scheide“ (Mt 26,52) steht stellvertretend für seine Lebenshaltung. Sein Schwertwort, das in der Eingangsfrage angesprochen wird und noch am ehesten für Gewalt im Namen Jesu angeführt wird, ist eindeutig nicht politisch zu verstehen: Es geht um das persönliche Lebensschicksal des Jüngers. Das Reich Gottes passt nicht einfach in diese Welt. Das kann sich bisweilen bis in die intimsten Familienbande auswirken.

Sicherlich ist an die urchristliche Situation gedacht, wo Kinder sich der christlichen Religion anschlossen, die Eltern aber bei ihrem jüdischen Glauben blieben. Diese konflikthafte schrittweise Trennung von Tempel und Synagoge war prägend für die ers - ten christlichen Generationen. Das Reich Gottes in der Verkündigung Jesu ist nicht einfach „familien-“ oder „gruppenkonform“, ja es ist nicht einmal einfach traditions- oder religionskonform. Mit diesem Konflikt muss immer wieder gerechnet werden, wo Menschen sich radikal auf die Botschaft des Reiches Gottes einlassen. Heute ist das Eintreten für die Menschenrechte so ein Reich-Gottes-Konfliktherd. Wenn Jesus vom Schwert spricht, meint er nicht eines, das Christen führen sollen, sondern das sie erleiden werden. Das Schwert ist nicht in den Händen der Jünger, sondern in den Händen der Gegner.

So waren denn auch die ersten drei Jahrhunderte des Christentums im Wesentlichen eine Zeit des Erleidens von Gewalt, was vor allem in den Christenverfolgungen sichtbar wurde. Erst nach Kaiser Konstantin, als das Christentum im 4. Jahrhundert Staatsreligion wurde, wurde auch für Christen Gewaltanwendung ein Mittel, um religiöse Ansprüche durchzusetzen. Gewisse Bibelstellen mussten dafür herhalten. Auch die christliche Missionsgeschichte ist von Gewalt belastet. Wenn wir Christen uns heute von aller Gewalt distanzieren, ist das Wissen um unsere Geschichte Anlass zur Demut. Wir dürfen dankbar sein, dass unser Religionsstifter in keiner Weise religiöse Gewalt rechtfertigt. Sein Siegeszeichen ist nicht das Schwert, sondern das Kreuz.

In Ausgabe 12-2010, Seite 20