Wollte Jesus eine Religion stiften?

Ratgeber-Glauben

Ist Jesus ein Religionsstifter, der das Christentum begründete? Oder wollte er nur das Judentum reformieren?

Pater Hans Peters SVD

Jesus war Jude, und als solcher wusste er sich zunächst einmal zu seinen eigenen Volksgenossen gesandt, um sie in der Spur Johannes’ des Täufers zur religiösen Erneuerung zu führen. Verschiedene Perikopen in den Evangelien machen das sehr deutlich. Am deutlichsten ist wohl die Begegnung mit der syrophönizischen Frau, einer Nichtjüdin, die Jesus um die Heilung ihrer Tochter angeht: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“ (Mk 7,24–30). So gesehen können wir Jesus zunächst einmal nicht als Religionsstifter bezeichnen. Zugleich aber zeigt sich, dass seine Gottesverkündigung den Rahmen der herkömmlichen jüdischen Frömmigkeit und Theologie seiner Zeit sprengte. 

 

In der gleichen Perikope von der syrophönizischen Frau und ähnlich bei anderen Personen überschreitet Jesus die Grenzen, die ihm von seiner Religion her gesetzt sind: Auch diese Frau und ihre Tochter als heidnische Menschen sind von Gott zum Heil bestimmt. Darin deutet sich an, dass nicht die Zugehörigkeit zum auserwählten Volk Voraussetzung für das Heil ist, sondern dass Gott offen ist für alle Menschen, die sich ihm vertrauensvoll zuwenden. Gott schaut nicht auf die Person und ihre Religionszugehörigkeit, sondern auf das Herz, heißt es später in der Apostelgeschichte, wo die Taufe des Heiden Kornelius begründet wird (Apg 10,34). 

 

Die den herkömmlichen Rahmen sprengende Gottesverkündigung Jesu und die Verweigerung eines Großteils des jüdischen Volkes war für die junge Kirche Bestätigung ihrer Heidenmission. Paulus sollte hier die notwendige theologische Durchdringung und Begründung liefern. Das Wort des Auferstandenen bei Matthäus „Geht zu allen Völkern, macht alle zu meinen Jüngern“ (28,19) bringt dieses neue Bewusstsein am stärksten zum Ausdruck. Insofern ist Jesus durchaus als Religionsstifter anzusehen, weil in seinem irdischen Leben Elemente anzutreffen sind, die sich nach Ostern zu einer neuen Religion entwickeln konnten. 

 

Zwei weitere entscheidende Tatsachen haben durchaus religionsstiftenden Charakter: Da ist einmal die Bestellung des Zwölferkreises mit der besonderen Rolle des Petrus. Und zum Zweiten das Verständnis seines Todes, wie er es im Abendmahl formuliert: als Lebenshingabe „für die vielen“, also „für alle Menschen“. Der Zwölferkreis schließt einerseits an die zwölf Stämme Israels an, weist dann aber auf eine Zukunft, die in der Kirche, im neuen Volk Gottes konkret wird. 

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