Können Sterbegebete den Zorn Gottes besänftigen?

Ratgeber-Glauben

Es heißt, dass bestimmte Gebete für Sterbende den Zorn Gottes besänftigen. Ich fühle mich so schuldig, dass ich gerade im Moment des Todes nicht da war, der Verstorbene allein verschied und nicht in den Genuss dieser Gebete kam.

01.11.2011 | Pater Hans Peters

Eine Erfahrung, die gar nicht so selten vorkommt: Da bemüht man sich monate- und wochenlang um einen Schwerkranken und Sterbenden, hat für ihn gesorgt und ihn gepflegt, und genau im Moment des Todes ist man durch Zufall nicht anwesend; große Schuldgefühle können die Folge sein. Dabei ist es auch eine Erfahrung, dass Sterbende bisweilen genau den Moment abpassen, wo sie allein und ungestört sind, um „das Letzte zu regeln“. Sie wollen nicht immer unbedingt jemand um sich haben, auch nicht sehr nahe stehende Menschen. Natürlich darf niemand im Sterben abgeschoben oder bewusst allein gelassen und verlassen werden, aber eine entsprechende Distanz ist neben der Nähe auch ein Ausdruck des Respektes vor dem Sterbenden ist, der jetzt einen Weg geht, den wir zwar eine Strecke mitgehen können, aber den er zum Schluss ganz allein gehen muss. 

Was den „Zorn Gottes“ betrifft, so kann ein einfacher Befund hilfreich sein: Die Kirche hat bewusst das „Dies irae ...“ (Tag des Zornes ...) aus der Liturgie gestrichen, weil sie in diesem Gebet, das vor allen Dingen den Zorn Gottes zum Inhalt hat, nicht ihren Glauben angemessen wiedergegeben sieht. Natürlich ist der Tod auch der Moment der Wahrheit und des Gerichts; der Mensch wird mit seiner Lebenswahrheit und auch seiner Lebenslüge konfrontiert, und da bedürfen wir alle der Läuterung. Gottes Zorn kommt in der Bibel, vor allen Dingen bei den Propheten, immer dort zur Sprache, wenn es um Sünden der Ungerechtigkeit geht, wenn etwa den Arbeitern nicht der gerechte Lohn gezahlt wird, Witwen nicht beschützt und Schwache ausgenützt werden. In den Fragen der sozialen Gerechtigkeit und der Wahrung der Menschenwürde hat der „Zorn Gottes“ durchaus seinen Platz: Er drückt die Unzufriedenheit Gottes mit dem Lauf der Dinge in dieser Welt aus, wo die Armen unterdrückt und ausgebeutet werden und die Ungerechtigkeit zum Himmel schreit. Sofern wir daran beteiligt sind, trifft uns auch Gottes Zorn. 

So wird zugleich auch deutlich, dass die Quelle des Zornes Gottes seine Liebe ist, die eben nicht weichlich ist, sondern sich leidenschaftlich für das Heil des Menschen im umfassenden Sinne verzehrt. Wenn wir jedoch etwas bei Gott bewirken wollen („den Zorn besänftigen“), dann sicherlich nicht durch bestimmte Gebete, sondern durch Wiedergutmachung, so weit das noch möglich ist, oder durch Reue und Vertrauen auf seine Barmherzigkeit. Wenn bestimmte Gebete als Gebetstexte bei Gott eine bestimmte Wirkung hätten, dann wären wir bei einem magischen Gebetsverständnis angelangt, wo solche Gebete den Wert von Zaubertexten bekommen, die aus sich heraus etwas bewirken. Die „Wirkung“ eines Gebets hängt jedoch nicht von seinem Text ab – und mag er von noch so vielen Heiligen empfohlen worden sein –, sondern allein vom Herzen des Menschen, der bereit ist, Gottes Barmherzigkeit an sich zur Wirkung kommen zu lassen. Die Haltung beim Sterben sollte bei allem ernsten Wissen um die Stunde der Wahrheit in Gottes Gericht also nicht die Sorge sein, wie wir den Zorn Gottes besänftigen, sondern wie wir uns ganz der Barmherzigkeit Gottes überlassen können.

 

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