Verzeihen fällt mir so schwer

Ratgeber-Glauben

Seit jeher quält mich meine Schwester, wo immer sie nur kann, und spielt daei noch die Wohlwollende. Ich kann ihr nicht verzeihen, obwohl mein Beichtvater mahnt: "Du musst nur wollen." Warum fällt mir das Verzeihen so schwer?

Pater Eugen Rucker SVD

Papst Johannes Paul II. sagte einmal, das wesentliche Unterscheidungsmerkmal des Christentums von allen anderen Religionen sei die Feindesliebe. Das Verzeihen fällt uns am schwersten denen gegenüber, für die wir eine Null sind, die uns nicht annehmen, uns nicht achten und ihre Liebe verweigern. Denn unser Leben hängt davon ab, ob und wie wir in einer lebendigen Gemeinschaft vewurzelt sind. Auch der Himmel, den wir als Christen erhoffen dürfen, besteht ja aus nichts anderem als aus einem ewigen Geachtet- und Geliebtsein.

Wenn uns aber das Geliebtwerden verweigert wird, sind wir tatsächlich eine Null. Überraschend radikal bringt die Bergpredigt die Wirklichtigkeit des inneren Angenommenseins von den anderen zum Ausdruck: "Nicht erst dann, wenn ihr jemanden umbringt, verfallt ihr dem Gericht, sondern schon, wenn ihr zornig seid auf einen und wenn ihr ihn spöttisch oder verächtlich anredet." Einen Menschen, der uns nicht achtet und annimmt, als solchen ins eigene Innere aufnehmen wie einen lieben Freund, geht über menschliche Kräfte. Hier scheint kein Friede und keine Freude gedeihen zu können; es drängt sich vielmehr das Wie-du-mir-so-ich-dir auf.

Jesus allein hatte die Gotteskraft, das Wunder der Feindesliebe völlig aufrichtig zu wirken. Man könnte sagen: In dem Augenblick, wo er sagte: "Vater, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun", hat ein für alle Mal Gottes Erlösung die Erde berührt.

An uns ist es, diese Heilung einer Welt ohne Liebe in ihr zu verwurzeln - auch durch das Ernstnehmen der fünften Vater-unser-Bitte. Und wenn es uns noch nicht möglich ist, das "...wie auch wir vergeben unseren Schuldigern" auszusprechen, mag es genügen, als Zeichen unseres ehrlichen guten Wollens, Jesu Worte umzuwandeln und zu bitten: "Und gib auch mir die Kraft, meinen Schuldigern zu vergeben."

In , Seite 25