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Liebe Freunde der ANREGUNG

wie schon angekündigt soll hier nun der 2. Teil des Artikels über Mons. Oscar Arnulfo Romero folgen, der ein wenig das spirituelle Leben dieses Mannes des Evangeliums beleuchtet.


ANHALTENDES BETEN

Er selbst erwähnte eher, zumal in seinem Tagebuch, die Konstante seines Lebens. Dessen Grundkonstante war zuallererst der treue Gott, den Romero oft biblisch »Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs« nannte, und damit die Reihe unausgesprochen ergänzte »… und unseres Volkes … und meiner selbst«. Das dokumentieren seine Predigten und Ansprachen. Sie sind bewahrt in den Tonbändern, die Freunde Romeros am Tag nach seiner Beerdigung an Prälat Emil Stehle übergaben, den damaligen Geschäftsführer von Adveniat. Adveniat übersetzte Auszüge daraus und half, das Lebenszeugnis und das Glaubenszeugnis des Märtyrerbischofs hierzulande bekannt zu machen. 

Die zweite Konstante seines Lebens war – inmitten so vieler Aufbrüche – sein Beten. In seinem Hirtenbrief vom 6. August 1979 stellt sich Oscar Romero die Frage, wie es gelingen kann, die im selben Jahre in Puebla von der Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe beschlossenen Leitlinien zu verwirklichen. Es ist bemerkenswert, was er an erster Stelle nennt: »anhaltendes Beten«. In diesem »anhaltenden Beten« gründen die vier Eckpfeiler der Pastoral in seinem Erzbistum, die er anschließend benennt:

  • Festhalten an den Grundsätzen und Wahrheiten des Evangeliums
  • Große Achtung vor der Vielfalt der Entscheidungen und Charismen
  • Hingabe und Opfergeist
  • Treue zur Hierarchie und Sinn für Zusammenarbeit

So lebhaft aus seinem Beten seine Marienfrömmigkeit spricht (das zeigt sein
Tagebuch, das zeigen seine Predigten) – die tiefste Quelle ist seine Christusmystik. 

Das war Oscar Romeros größte Sehnsucht: sich in Christus zu versenken, leibhaftig zu erfahren, dass ER, wie das Johannesevangelium bezeugt, die Quelle des ewigen Lebens ist (Joh 4,14), und ihm dann nachzufolgen. Oscar Romero hätte gezögert, sich als Mystiker zu bezeichnen. Doch er war einer, insofern er jenen zweifachen Weg mitvollzogen hat, wie ihn die großen Mystiker des Mittelalters gegangen sind: Meister Eckhart, Johannes Tauler und Heinrich Seuse. Der erste Teil des Weges ist – in den Worten von Dorothee Sölle – die Hinreise: aus dem Alltag in die Gotteserfahrung. Das Glück der Hinreise bewegt den Mystiker zur Rückreise zurück in die Bewährung im Alltag. 


CHRISTUS ZUERST

Das ist die eigentliche Antwort auf die eingangs zitierte Frage an Oscar Romero, wie er es schaffe, mit Todesdrohung zu leben, die »Lösung« des Rätsels seines Lebensweges: Sein Leben begann nicht mit der Rückreise. Seine Rückreise in der Nachfolge des Gekreuzigten schöpfte Mut und Kraft aus der Hinreise. Nicht lange vor seiner Ermordung zog sich Oscar Romero einige Tage in Exerzitien zurück. Es war, so schrieb Norbert Arntz, »eine Art Gethsemane-Erfahrung«. So wie Jesus betete auch er, dass dieser Kelch an ihm vorübergehen möge. Doch dann, im Blick auf den Gekreuzigten, vermochte er den Kelch anzunehmen und die Nachfolge zu vollenden. 

»Einzutreten in die Herrlichkeit: das eigentliche Ziel der Befreiung«, hatte Oscar Romero 1977 in seinem Tagebuch notiert.

Michael Huhn, Auszug aus: OSCAR ROMERO – EIN LEHRER DES BETENS, ADVENIAT Blickpunkt Lateinamerika, Sonderausgabe 2015, S. 8f

Ihnen allen einen guten Monat der Mission

Für das Redaktionsteam

P. Karl Jansen SVD


 
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