3. Adventssonntag (A)

Predigtimpuls

„Freuen soll sich das dürre Land und blühen“ (Jes 35,1)

1. Lesung: Jes 35,1-6a.10
2. Lesung: Jak 5,7-10
 Evangelium: Mt 11,2-11

 

Der Bedarf nach einer heilen Welt

In dem schönen Psalm 85 heißt es von der messianischen Zeit: „Gerechtigkeit und Friede küssen sich; der Herr spendet seinen Segen, und unser Land gibt seinen Ertrag“ (Ps 85,11-13).Die Zeit des Messias wird nicht nur durch Frieden, Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit gekennzeichnet sein, wie wir am ersten und zweiten Adventssonntag gehört haben, sondern auch durch eine von Gott gesegnete ertragreiche Erde, eine heile Welt. In der ersten Lesung des heutigen dritten Adventssonntags geht es u. a. auch um die Welt um uns herum, um das also, was wir „Umwelt“ nennen. Wir sind uns bewusst, wie bedroht unsere Umwelt ist und wie sehr wir eine heile Umwelt brauchen, um glücklich leben zu können. Es ist nicht nötig, konkret zu werden, um die Folgen von menschlich verschuldeter Umweltzerstörung zu schildern: Klimaveränderung, Ausbreitung der Wüsten, BSE, Balkansyndrom, Ozonlöcher, usw. Aber sollte ausgerechnet die alte Bibel eine Antwort auf diese hochaktuellen Probleme haben? Kennt sie diese Probleme überhaupt?

 

Die Stimme der Bibel

Die Autoren der biblischen Texte kannten unsere heutigen Umweltprobleme selbstverständlich noch nicht. Deshalb können sie auch keine konkreten Lösungen für sie anbieten. Trotzdem ist die Stimme der Bibel im Chor der Stimmen mitzuhören, die sich zu diesen Problemen melden und kompetente Lösungen anbieten. Warum? Weil die Bibel grundsätzliche Aussagen macht, die es für unseren Umgang mit der Welt zu beachten gilt.

Grundsätzlich gilt dies: für die biblischen Autoren ist unsere Welt Gottes gute Schöpfung. „Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“ (Gen 1,31). Für die Bibel ist es auch selbstverständlich, dass die Menschen nicht das Recht haben, die gute Schöpfung zu zerstören. Sie müssen sie vielmehr pflegen und bewahren. „Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaue und bewahre“ (Gen 2,15). Natürlich ist unsere Erde kein Garten Eden. Das weiß auch die Bibel. Aber sie weiß auch, dass dieser Zustand etwas mit menschlichem Fehlverhalten zu tun hat. „Um deinetwillen ist der Erdboden verflucht“, sagt Gott dem Adam (Gen 3,17). Unsere modernen Umweltprobleme führen uns zu einem tieferen Verständnis dieses Kausalzusammenhangs, den die alte Bibel herstellt!

Wie das Fehlverhalten des Menschen nicht ohne Einfluss auf seine Umwelt bleibt (dies können wir aus Erfahrung bestätigen), so wird auch das dem Menschen verheißene Heil, Wirkung auf die gesamte Schöpfung haben. „Der Nichtigkeit wurde das Geschaffene unterworfen ... auf die Hoffnung hin, dass auch das Geschaffene selbst befreit werden wird von der Knechtschaft der Verderbnis zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Rom 8,19-2 1). Die erste Lesung des heutigen dritten Adventssonntags hat etwas mit dieser gleichen Hoffnung zu tun. 

 

Heimkehr

Unsere Lesung verheißt die Heimkehr der im Exil zerstreuten Israeliten nach Jerusalem. „Die Befreiten des Herrn werden heimkehren und nach Zion kommen mit Jauchzen, ewige Freude über ihrem Haupte; Freude und Wonne werden bei ihnen einkehren, und Leid und Seufzen werden fliehen“ (Is 3 5, 10). Das wird durch ein Eingreifen Gottes geschehen: „Siehe da euer Gott! Rache zu üben, kommt er, es kommt die Vergeltung Gottes, er selbst kommt und hilft euch“ (Is 35,4). Diese Aussicht soll den Zerstreuten Mut machen: „ Stärket die schlaffen Hände und festigt die wankenden Knie! Saget zu denen, die verzagten Herzens sind: Seid getrost, fürchtet euch nicht! Siehe da euer Gott!“ (Jes 35,4). Die Erwähnung von „Rache“ in diesem Zusammenhang der Erlösung hat nichts mit Emotionen zu tun. Es handelt sich um eine juridische Aussage, die sagen soll, dass in der Heilszeit alles erlittene Unrecht wiedergutgemacht werden wird. Ja, auch alles unschuldig erfahrene Leid wie Blindheit, Taubheit, Stummheit, Lähmung, wird geheilt werden. „Alsdann werden die Augen der Blinden aufgeschlossen, und die Ohren der Tauben werden aufgetan. Alsdann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird jauchzen“ (Jes 35,5-6). Ja, mehr noch: die wegen des Fehlverhaltens des Menschen von Anbeginn unwirtliche Schöpfung wird ebenfalls heil werden. „In der Wüste brechen Wasser hervor und Bäche in der Steppe“ (Jes 35,7). 

 

Ein Märchen?

Ist das nicht pure Poesie? Und klingen diese hochpoetischen Verheißungen nicht wie ein Märchen? Ja. Aber dieses „Märchen“ soll Wirklichkeit werden! Jesus ist gekommen, „damit er die zerstreuten Kinder Gottes in Eins zusammenbrächte“ (Joh 11,52). Und als Johannes der Täufer ihm die Frage stellt: „Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“, da antwortet Jesus, indem er u. a. auch Worte aus unserer Lesung zitiert. „Blinde werden sehen, Lahme werden gehen und Taube werden hören“ (Mt 11,5). Wir glauben, dass Jesus der verheißene Messias ist und dass mit seinem Kommen die messianische Heilszeit begonnen hat. Die im Exil der unwirtlichen Welt lebenden Kinder Gottes, Juden und Heiden, führt er in der messianischen Heilsgemeinde zusammen. Sie ist unsere „Heimat“. Ja, aber – wird sofort der Einwand lauten – es gibt weiterhin Behinderte und eine zerstörte Umwelt. Das stimmt. Und trotzdem können wir nicht leugnen, dass sich etwas mit dem Kommen Jesu verändert hat. 

 

Jesu Geist ist am Werk

Wir nehmen uns der Behinderten an und helfen ihnen. Wir schützen und bewahren unsere Umwelt vor Verschmutzung und Zerstörung. Warum tun wir das eigentlich? Hier ist Jesu Geist am Werk. Dieses helfende und bewahrende Handeln gibt es in manchen nichtchristlichen Gesellschaften nämlich nicht. In einigen traditionellen afrikanischen Gesellschaften z. B. lässt man behinderte Kinder sterben, weil man Angst hat, dass ihre Behinderung etwas mit bösem Zauber oder Dämonen zu tun hat. In der Nazigesellschaft sollten Behinderte auch kein Recht auf Leben haben. Wo dem Geist Jesu in einer menschlichen Gesellschaft kein Raum mehr gegeben wird, gehen nicht nur Lebenswerte, sondern geht das Leben selbst verloren. Die Stichworte „Abtreibung“, „Embryonenverarbeitung“, „Euthanasie“ mögen genügen, um anzudeuten, was gemeint ist. 

 

P. Dr. Dieter Skweres SVD