2. Fastensonntag (A)

Predigtimpuls

Zum Segen für alle Völker

1. Lesung: Gen 12,1-4a
2. Lesung: 2 Tim 1,8b-10
Evangelium: Mt 17,1-9

 

Menschen des Alten Bundes -unsere Vorbilder?

Mit diesem Sonntag treten wir in die 2. Fastenwoche ein – wir gehen Ostern entgegen, dem christlichen Fest unserer Erlösung. Ostern ist unser Ziel; im Blick auf dieses größte Festunserer Erlösung bereiten wir uns vor, überdenken und erneuern unser Christsein! Kann uns dabei eine Gestalt aus dem Alten Bund hilfreich, womöglich sogar Vorbild sein? Die Frage ist sicher berechtigt. Wir glauben Abraham zu kennen aus dem Religionsunterricht; viele Geschichten und auch Bilder erinnern uns an ihn. Manchen unter uns erscheint er als sehr vertraut. Vor allem für die Menschen des Alten Bundesvolkes war und ist er das große Vorbild des Glaubens. Als „Sohn Abrahams“ bezeichnet zu werden, war und ist für gläubige Juden ein besonderer Ehrentitel!

Auch Jesus verwendet diesen Ehrentitel – ausgerechnet für einen Zöllner, Zachäus. Als er bei ihm die Bereitschaft zur Umkehr und zu einem neuen Anfang erkennt, ordnet er ihn ein bei den „Söhnen Abrahams“. Hier trifft er bei einem Sünder, besser: bei einem Suchenden so viel Glauben und Vertrauen, so viel Bereitschaft zur Umkehr und zur Nachfolge an, dass er ihm – trotz der Proteste der frommen Pharisäer – diesen ehrenvollen Titel zuerkennt. (Vgl. Lk 19)

Auch Paulus und die junge Kirche greifen ganz selbstverständlich Abraham als Vorbild des Glaubens auf, durch den Glauben findet er in eine enge Freundschaft mit Gott. Im 4. Kapitel des Römerbriefes setzt sich Paulus mit dem Glauben Abrahams auseinander, ebenso setzen sich der Hebräer-, der Jakobus- und der 1.Petrusbrief mit Abraham und seinem Glauben als Modell für unser christliches Glauben auseinander.

 

Abraham hört Gottes Ruf

Doch bleiben wir heute bei der eben gehörten Lesung: Da wird uns aufgezeigt, wie Abraham (hier heißt er noch Abram!) Gott erfährt: zuerst als den souveränen, fordernden Gott, der von ihm verlangt: „Zieh weg aus deinem Land...“ Aus seiner vertrauten, heimatlichen Umgebung soll er fortgehen in ein fremdes Land, das Gott ihm zeigen wird – eine Zumutung!

Doch Abraham erlebt Gott nicht nur als Befehlenden, der blinden Gehorsam verlangt, sondern zugleich als den, der ihm Zukunft eröffnet, eine Zukunft, die den Aufbruch lohnt: er soll Vater eines großen Volkes werden, und sein Name wird groß werden. Und Gott verheißt ihm seinen Schutz und Segen.

 

Einen Namen haben

Name ist in der Welt der Bibel mehr als Etikett, mehr als bloße Benennung: der Name ist ein Teil der Persönlichkeit, er offenbart etwas vom Wesen eines Menschen, er ist ein Stück von ihm selber. Daher kann man auch bei seinem Namen gerufen werden. Und ein „großer Name“ ist nicht nur weithin bekannt, hinter dem großen Namen steht auch eine große Persönlichkeit, die man schätzt und sogar bewundert und sich zum Vorbild nimmt.

 

Segen empfangen – Segen sein für andere
Gott verheißt dem Abraham seinen Segen. Was ist daran so wichtig und erstrebenswert? Segen bedeutet Schutz und Begleitung Gottes, Gott weiß sich verpflichtet, ein behutsames Auge auf Abraham zu werfen. „Segen, das bedeutet Lebenskraft, Vitalität“, sagt die Benediktinerin Sr. Benedikta Ströle. „Segen kann nur empfangen werden in der Begegnung mit dem Quell des Lebens.“ Und dieser Quell des Lebens ist der „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“, der Gott Israels. Dieser selbe Gott holt nach unserem christlichen Verständnis durch Jesus Christus und durch die Kirche die ganze Welt in die Gemeinschaft seines Segens zurück.

In diesen weiten Horizont stellen uns die biblischen Namen in unserem christlichen Gottesdienst, und sie sind deshalb nicht zu ersetzen, wenn es ums Ganze geht: um Welt und Mensch und Gott und damit um den Sinn des Lebens. Wo dieser Sinn gesucht wird, wird „Segen“ gefunden, wo er verneint wird, da ist „Fluch“, d.h. Abkehr vom Lebenssinn und vom Leben überhaupt. Die Drohung des Fluches bedeutet also nicht etwa die Rache eines beleidigten Herrschers, sondern deutet einfach an, wie menschennah und menschenwürdig der Heilsweg Gottes ist, und wie töricht es wäre, ihn abzulehnen. Und Gott spricht dem Abraham zu: „Ein Segen sollst du sein.“ Durch Abraham sollen auch andere zur Segensfülle Gottes finden, durch sein Vorbild wie durch seinen Glauben, d.h. sein Suchen nach der Nähe und Freundschaft Gottes.

 

Ein Blick auf das Evangelium

Hier soll uns auch ein Blick auf das heutige Evangelium dienlich sein: Die Apostel dürfen Jesus im hellen Licht schauen, ein Licht, das sie blendet und geradezu „umwirft“. Und wie selbstverständlich redet er mit Mose und Elija, dem großen Gesetzgeber Israels und dessen größtem Propheten, der seinem Volk den Glauben an den einen Gott gerettet hat. Der HERR im Licht, mitten unter den Großen Israels – ER ist der „neue Segen“, der Quell, von dem uns Segen und Heil kommt. ER hat unmittelbar Teil an der Lebensfülle des Vaters und gibt sie uns weiter. Mit dieser Erfahrung sollen die Jünger den Herrn auf seinem Weg nach Jerusalem begleiten, wo sich sein Leben vollenden wird in Tod und Auferstehung. So werden auch die Jünger des Herrn aus ihrer Sicherheit herausgerufen, müssen sie hinter sich lassen und aufbrechen. Das ist notwendig, damit sie der HERR in Gottes Zukunft führen kann wie einst den Abraham.

 

Erschließung des Gottesbildes

Schauen wir noch einmal zurück auf den Weg, den wir mit diesen Gedanken gegangen sind! Auf diesem Weg entfaltet sich uns ein wesentlicher Teil des biblischen Gottesbildes: Gott fordert, d.h. wir ahnen etwas von seiner souveränen Größe, die solche Forderungen stellen darf. Gott mutet uns Menschen etwas zu, weil ER uns etwas zu-traut! ER holt uns so herein in seine Partnerschaft, ja: in seine Freundschaft. Das stellt ER uns unter Beweis durch seine Verheißungen und durch seinen Schutz und Segen. Wer sich auf IHN einlässt, bekommt teil an Seiner Lebensfülle, aus der er lebt und die er an andere weiterschenkt und ihnen so zum Segen wird.

 

Wir sind auf dem österlichen Weg

Liebe Gemeinde! Kann das, was wir jetzt an biblischen Erfahrungen bedacht haben, nicht auch ein wichtiger Fingerzeig sein für unseren österlichen Weg?
Fastenzeit – österliche Bußzeit – Fasten und Buße tun – hat das nicht auch etwas zu tun mit neuem Aufbruch, Ostern als Ziel anzustreben? Es kann uns ja nicht nur um die kurze Feier eines Festes gehen. Ostern feiern bedeutet: sich seines österlichen Christseins neu bewusst werden, sich auf die Erlösung, auf Gottes Lebensfülle einzulassen, die uns in Christus eröffnet ist und uns immer neu erschlossen wird.

Abraham ist auf den Ruf Gottes hin aufgebrochen, er hat Heimat, vertraute Umgebung, Verwandte und Freunde zurückgelassen, um diesem Ruf zu folgen. Sein Aufbruch, seine Entscheidung, sich von Gott führen zu lassen, war die Voraussetzung, dass GOTT ihn in Seine Zukunft führen konnte und ihn an Seinem Bund, an Seiner Freundschaft, an seinem Leben teilhaben lassen konnte. Ob so ein „Aufbruch“, ein Loslassen-können von manchen Abhängigkeiten und vom Haben-müssen, und solch eine bewusste Entscheidung für Gott nicht auch für unseren österlichen Weg wichtig sein kann, um uns von Gott in eine neue Freiheit, in die Weite Seines neuen Lebens führen zu lassen? Es wäre auf jeden Fall einen Versuch wert. Amen.

 

Pfr. Hermann Seeger