3. Sonntag im Jahreskreis (A)

Predigtimpuls

Für die, die im Dunkeln der Trauer sind, Licht sein

1. Lesung: Jes 8,23b-9,3 
2. Lesung: 1 Kor 1, 10-13.17
Evangelium: Mt 4,12-23

 

Der Winter ist Lebensraum für die Trauernden.

Was in der Fülle des Sommers verborgen bleibt, enthüllt die kalte Jahreszeit: Leben heißt auch, zur Ruhe zu kommen, Abschied zu nehmen.

Nicht jeder sieht die Blätter gerne fallen. Ihr wildes Treiben im Herbstwind ist wie das Chaos, dass die Trauer im Herzen weckt. Der Baum im Winter, der seine nackten Äste zum Himmel reckt, erinnert an die Hilflosigkeit, mit der uns der Tod dastehen lässt.

Lieber haben wir es mit dem Frühling zu tun, mit Anfängen, Aufbrüchen und Aufstiegen. Das ist angenehm aufregend. Neues zu schaffen weckt die ganze Phantasie: Lebensgestaltung als Aufbauarbeit. Jung, dynamisch und konstruktiv muss der Mensch sein. Mit Ende, Abbruch und Abstieg lässt sich keine Werbung machen.

Wohin dann aber gehen, wenn einen das Dunkel und die Trauer mit ganzer Wucht überfällt?

In der Verkehrung der Seligpreisung Jesu heißt es für die plötzlich Betroffenen: Ohnmächtig sind die Trauernden – sie sitzen im Dunkeln und finden keinen Lebensraum. Ich habe zum Beispiel mit Eltern gesucht, wo sie den Leichnam ihres Kindes in unserer Stadt waschen, ankleiden und schmücken können. Fehlanzeige. Ich habe mit Ehepartnern gesucht, wo sie die Tage nach dem Tod des Partners bei ihm sein, mit ihm wachen können. Fehlanzeige. Öffnungszeiten, ängstlich-unsinnige Vorschriften und Unwissenheit aus Mangel an Erfahrung behindern den, der plötzlich in Trauer fällt.

Seine Liebe und den Schmerz, mit dem die Liebe nun ins Leere greift, kann der Trauernde nicht ausdrücken. Er sitzt daheim im Zimmer und fühlt sich im Schattenreich des Todes; selbst die Formalitäten, die zu erledigen ihn in Bewegung setzen würden, hat er an Bestattungsinstitute delegiert. Wie aber soll sich die im Todesschreck erstarrte Seele denn lösen, wenn nichts zu tun bleibt?

 

In solchen Zeiten der Verzweiflung taucht plötzlich die Idee auf:

Die Kirche könnte ein Ort sein, an dem mir ein Ausweg gezeigt wird. Eine Ahnung wird konkret: Die hoffentlich unverschlossene Kirchentür wird geöffnet, die Stille und die Helle des Raumes genossen. Mir begegnen in meinem Alltag immer wieder Menschen, die in der Kirche einen Lebensraum für ihre Trauer entdeckt haben. Ich denke darüber nach, wie wir das heute noch lebendiger machen können, was in der Bibel steht: Das Volk, dass im Dunkeln sitzt, sieht ein helles Licht. Unsere Gemeinde kann dieses Licht ausstrahlen, das Menschen gerade in der dunkelsten Lebenserfahrung, der des Todes, lichtvolle Hoffnung gibt: Wir haben die offene Stille von Kirchhof und Kirche anzubieten, in der man des Verstorbenen gedenken und für ihn beten kann. Vielleicht wäre ein Fürbittbuch sinnvoll; eine Eintragung darin zeigt Gott und den Menschen, was der Verstorbene einem bedeutet hat. Wichtig auch: Die Möglichkeit, für ihn hier eine Kerze zu entzünden und ihm dabei zu wünschen, sein Lebenslicht möge von Gottes Ewigem Licht aufgenommen werden. Und haben wir nicht die alte Tradition, um das Gebet für ihn bei der Messfeier zu bitten und dabei eine Gabe für die Arbeit der Kirche abzugeben? Auch gibt es Gebetszeiten, die wie Auffangbecken sind für verstummte Trauernde: Einfach teilnehmen – Laudes, Rosenkranz und Vesper beten und den Verstorbenen von den anderen vor Gott tragen lassen, wenn einem das eigene Gebet nicht gelingen will.

 

Alle, die trauend im Dunkeln sitzen, –

sie finden inmitten der Stadt einen Lebensraum. Sie sind uns willkommen, die Grund zum Weinen haben. Wir sprechen mit Jesus: Kommen Sie heraus aus der Einsamkeit Ihrer Wohnungen. Versuchen Sie auf unserem Boden einige Schritte aus der Erstarrung heraus. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Die Hoffnung auf die Auferstehung ermutigt zur Trauer, die Ausdruck der Liebe ist. Wer mit Leib und Seele trauert, hat mit Leib und Seele geliebt. Wer vor Gott mit Leib und Seele klagt und trauert, dankt Ihm damit von ganzem Herzen für den, der einem nun entrissen ist.

Wir sind die Gemeinde dessen, der schon damals die Menschen aufhorchen ließ. Und wir sind auch immer selber Trauernde – denn wer hätte nicht einen alten oder einen neuen Verlust zu beklagen. Was uns bewegt, ist die Einladung, diesem Jesus hinterher zu gehen. Ihm nachzufolgen in den lichtvollen Raum seiner Weite auf Gott hin. Gelingt es uns, werden wir selber zu einem Lebensraum, in dem jene aufatmen können, denen das Glauben können abhanden gekommen ist. Es wird ihnen leichter, als sei ihnen das Tragholz der Trauer und die Last des Lebens zwar nicht abgenommen, aber erleichtert durch Mittragende in der Gemeinde Jesu.

 

Br. Paulus Terwitte OFM CAP