2. Adventssonntag (B)

Predigtimpuls

Advent – Zeit der guten Nachrichten

1. Lesung: Jes 40,1-5.9-11
2. Lesung: 2Petr 3,8-14
Evangelium: Mk 1,1-8

 

Advent – Zeit der guten Nachrichten

1. Katastrophen – Herausforderungen zur Hoffnung.
Das Wort „Katastrophe“ begleitete über Wochen im August dieses Jahres die
Nachrichten im Fernsehen, im Radio, in den Zeitungen: Flutkatastrophe,
Hochwasserkatastrophe, Umweltkatastrophe usw. Tausende von Menschen wurden zu Gefangenen von Regenfällen, Überschwemmungen und Deichbrüchen. Menschen mussten erleben, wie in wenigen Stunden ihre Wohnungen und Häuser, ihr Hab und Gut vernichtet wurden. Bei vielen machten sich Verzweiflung und Resignation breit. Menschliches Können stieß an seine Grenzen. Es fehlte aber auch nicht an Hoffnung und Zuversicht, an Worten und Taten der Ermunterung, was den Betroffenen gut tat und ihnen Wege in die Zukunft wies.

Auch die heutige Lesung aus dem Buch Jesaja ist in eine Katastrophenzeit hineingesprochen: Israel lebte damals seit etwa 50 Jahren im Exil (586-538), in der Fremde. Es war heimatlos, gefangen und unterdrückt. Nur mehr die alten Leute kannten die Herrlichkeit des Tempels aus eigener Anschauung. Resignation hatte viele erfasst. Die Hoffnung auf eine Wende, auf Heimkehr und Neubeginn war bei vielen geschwunden. Es kamen Zweifel an der Macht Jahwes, ihres Gottes, auf. Es wurden Fragen nach der Tragfähigkeit und Sinnhaftigkeit ihres Glaubens und ihrer Glaubenstradition aufgeworfen. Die augenscheinliche Überlegenheit anderer Religionen und Kulturen bedrängte die Frommen Israels. Das jüdische Selbstverständnis, die eigene Identität wurde in Frage gestellt.

Sind das nicht heute auch unsere Fragen? Geraten wir Christen in Deutschland und in Europa nicht in die Minderheit wie Israel im Exil, so dass sich auch bei uns ein Pessimismus breit macht, der gierig die schlechten Nachrichten und negativen Schlagzeiten über die Kirchen aufgreift und verbreitet? Scheint nicht auch uns die Zugehörigkeit zur christlichen Glaubensgemeinschaft eine Belastung zu werden? Ist nicht auch unserem Gott seine Selbstverständlichkeit verloren gegangen? Ist nicht auch unser Christsein, unsere religiöse Identität, zutiefst erschüttert? Fließen die anderen Religionen und Weltanschauungen nicht auch in das umfassende Meer der Gottesherrschaft ein? In letzter Zeit wird des Öfteren in religiöser Literatur das babylonische Exil als Paradigma gewählt, um eine theologische Lagebeschreibung der Gegenwart zu geben (z. B. Hermann Pius Siller: Das babylonische Exil – eine theologische Lagebeschreibung).

2. Worte des Trostes – Worte des Herzens.
Während des babylonischen Exils wurde in die Katastrophenstimmung von
Untergang und Auflösung (Deutero-) Jesaja gesandt, um aufzurichten, um Mut zu Propheten, der schon 200 Jahre vorher gelebt hatte, um so seiner Botschaft mehr Autorität und Kraft zu geben. Für mich ist der Beginn der heutigen Lesung ein menschlich recht ansprechender Text. Er fühlt sich in die Verzagten und
Niedergebeugten ein: „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. Redet
Jerusalem zu Herzen und verkündet der Stadt, dass ihr Frondienst, ihre Sklaverei, ihre Gefangenschaft, zu Ende geht, dass ihre Schuld beglichen ist!“ Jesaja selbst gibt eine Umschreibung für das, was trösten meint: zu Herzen reden, das Innerste eines Menschen ansprechen, ihn in seiner Tiefe berühren.

Das Wort „trösten“ ist im Deutschen sprachlich verwandt mit „trauen“ – fest
werden – und „treu“ – zuverlässig, wahr sein. Echter Trost setzt in der Tiefe des
Menschen an. Er hilft, die Wahrheit des Lebens wahrzunehmen und dieser Wahrheit zu vertrauen. Auf sie kann man bauen. Das gibt Boden unter die Füße. Trösten ist somit ein zuverlässiges Dasein und Eintreten für andere, sodass sie „getrost“ – sicher – sein können. Zu Herzen wird nur sprechen können, was auch von Herzen kommt. Die Botschaft des Jesaja kommt vom Herzen Gottes, der wie ein guter Hirt für sein Volk sorgt (Jes 40,11). Er nimmt sich seines Volkes an.

Wir Menschen bedürfen des Trostes, vor allem in Not, Gefahr und Verlassenheit. Es gibt viele Wege, um Trost zu vermitteln: Worte können Trost spenden. Mit Gesten der Zuwendung kann Trost geschenkt werden: z. B. über das Haar streicheln, in die Arme nehmen. Taten der Hilfe bringen Trost. Jesaja tröstet, indem er nicht nur die bedrängende und bedrückende Situation des Augenblicks sieht, sondern er blickt auf Gott und sucht die Lage des Volkes von diesem Blick auf Gott her zu sehen und zu deuten, d.h. im Lichte des Glaubens, im Lichte der Überlieferungen seines Volkes. Die aber sagen: Gott hat sich im Laufe der Geschichte immer wieder als unser Gott erwiesen, als einer, der da ist, der hilft, der sorgt, der rettet. Jesaja will dem Volk dadurch zu Herzen reden, dass er versucht, den verschütteten Glauben wieder freizulegen. Er will das Volk aus Müdigkeit und Resignation herausführen, damit es wieder im Horizont der großen Verheißungen Gottes leben kann. Jesaja möchte eine Blick-Wende einleiten: Starrt doch nicht auf die Gegenwart, den Augenblick! Blickt auf, richtet euren Blick ins Weite. Haltet Ausschau nach dem Kommenden. Gottes Herrlichkeit wird sich offenbaren (Jes 40,5). „Seht da ist euer Gott!“ (Jes 40,9). Er lässt euch nicht im Stich! „Fürchte dich nicht!“ (Jes 40,9) Gott schenkt Zukunft. Er gibt Freiheit und Heimat. Jesaja vertraut seinem Gott und sieht daher mehr als alle Realpolitiker. Er eröffnet den Verzagten einen Horizont voll Hoffnung. Er macht empfindsam dafür, dass „die Wirklichkeit gotthaltig ist“ (H. P. Siller).

Dieses Tun verdient den Namen: „trösten“. Es ist alles andere als eine hilflose
Vertröstung: „Halb so schlimm!“ „Es wird schon werden!“ „Kopf hoch!“ Der Trost
des Jesaja ist Trost von Gott her, Trost aus der Tiefe, Trost aus der Wahrheit des
Glaubens. Dieser Trost ist begründet in der Treue Gottes. Davon ist Jesaja überzeugt,
davon ist er begeistert und möchte auch andere dafür entflammen. Das gibt ihm die Kraft, neue Zukunft zu verheißen und dem Leben eine neue Dimension zu geben: Gott steht zu seinem Volk! Damit hat es Bestand.

3. Advent – Erweiterung des Lebenshorizontes
Wir leben zwar in keiner politischen Gefangenschaft, aber dennoch erleben wir uns in vieler Hinsicht als Gefangene. Wir fühlen uns gefangen, eingeengt durch
Angst, durch Schuld, durch mangelnden Mut, durch Erfolglosigkeit. Wir sind
Gefangene des Leistungsdenkens, Gefangene des vorweihnachtlichen Stresses,
Gefangene von Krankheiten und Gebrechen. Oder wie viele sind von der Situation der Kirche bedrückt; sie sind Gefangen der negativen Nachrichten über die Kirche und sind erblindet für das viele Gute, das durch die Kirche und in der Kirche geschieht. Das kann niederdrücken, den Schwung lähmen, die Begeisterung erstarren lassen, ähnlich wie es das Volk Israel in der Gefangenschaft durchlitten hat. Wie leicht drängt sich dann auch bei uns die Frage auf: „Wo bist du Gott? Hast du uns vergessen? Hast du uns im Stich gelassen?“ – Trösten bedeutet: einander Gutes zumuten, einander Gutes tun. In Ps 128,2b stehen die schönen Worte: „Gut darfst du es haben!“ (Übersetzung von Buber). Es ist gleichsam ein Wunsch: gut mit sich selbst umzugehen; sich im Vertrauen auf Gottes Treue Gutes zumuten.

Als Jesus den Jüngern von seinem Abschied sprach, und die Jünger von einem
Bangen um die Zukunft gepackt wurden: wie soll es weitergehen, wenn er nicht mehr in unserer Mitte ist, da verheißt Jesus ihnen einen anderen „Tröster“, den
Heiligen Geist, der ihnen zu Herzen reden und ihnen Mut machen wird. Dieser
Tröster, dieser „Mutmacher“ ist für uns da. Er ermöglicht Hoffnung und Zukunft.
Ein Christ versteht sich daher nicht aus dem Jetzt heraus, sondern aus der Zukunft, die in Gottes Händen liegt und die Gott einmal heraufführen wird. Daher begegnet uns Gott „eher in den Brüchen der Geschichte als in einer aufsteigenden Entwicklungslinie. Wer auf Gott hofft, der glaubt an das Leben gerade da, wo Entwicklungen zu Ende gehen. Gott hat Türen, wo wir Wände sehen und Einwände haben, wo wir Mauern sehen und mauern möchten“ (F. Richardt).

Ein Vergleich drängt sich auf: Was der Sauerstoff für unsere Lunge, das bedeutet die Hoffnung für unser menschliches Leben. Wir wissen, Sauerstoffmangel bewirkt Erstickungsgefahr. Mangel an Hoffnung, bringt auch die Menschen in eine Atemnot, die wir Verzweiflung nennen. Dies ist eine Lähmung der seelisch-geistigen Spannkraft durch ein Gefühl der Nichtigkeit, der Sinnlosigkeit. „Der Vorrat an Sauerstoff entscheidet über das Schicksal allen Lebens, aller Organismen, der Vorrat an Hoffnung entscheidet über das Schicksal der gesamten Menschheit.“ (Emil Brunner).

Der Advent ist die Zeit, um in uns wieder die Hoffnung zu beleben, um uns wieder in den Weit-Blick einzuüben, um das künftige Heil in die gegenwärtige
Situation hereinleuchten zu lassen. Dieser Hoffnung dürfen wir die Wege ebnen.
Umkehr bedeutet: den Weg ins Herz finden, zum eigenen, zu dem der Mitmenschen, auch zum Herzen Gottes. Wo wir zu Herzen reden, werden wir Boten guter Nachrichten: ermöglichen wir Versöhnung, beseitigen wir Missverständnisse...

Wir können zu Herzen reden durch die Hoffnung, die in uns lebt. Ein Midrasch vergleicht Israel im Exil mit einer umgefallenen Parfumflasche, die so erst ihren Duft verströmen konnte.


 

P. Dr. Werner Prawdzik SVD