Aschermittwoch

Predigtimpuls

Ausnahmezeit

Lesung: Joel 2,12-18
oder: 2Kor 5,20-6,2
Evangelium: Mt 6,1-6.16-18


Ausnahmezeit

Anhalten, sicher stellen
Wenn im Flugzeug die Schrift aufleuchtet „fasten seat belt“, wird nicht darauf hingewiesen, dass es sich um einen Billigflug handelt und es nichts zu essen gibt, sondern dass man angeschnallt bleiben soll, damit man bei Turbulenzen nicht umherfliegt. Ein deplatzierter verspäteter Faschingsscherz? So ist es nicht gemeint. Der Hinweis passt zum Ernst der beginnenden Fastenzeit. Das Wort „fasten“ hat sich aus der Wurzel „fest“ entwickelt, die soviel wie „hart, dicht, dauerhaft, kräftig“ bedeutet.

Die „fasten“-Aufforderung in englischer Sprache besagt: Schau dass du fest sitzest – aus Sicherheitsgründen. „Es muss feste Bräuche geben“, belehrt der Fuchs den kleinen Prinzen in Saint Exupery’s Büchlein, damit tiefe Beziehungen wachsen können. Es muss Ausnahmezeiten geben zu bestimmten Anlässen, mit bestimmten Festlichkeiten. An die muss man sich halten, wenn nicht alles in der Banalität des alltäglichen Lebens untergehen soll. Man weiß sonst am Ende nicht mehr, wer man eigentlich ist.

Zeit des Fastens ist Zeit des Anhaltens, der Standortsicherung, der Vergewisserung. Einstmals hat man sie durch Regeln verminderter Nahrungsaufnahme gestaltet und sich streng daran gehalten. Es ging weder um wonniges Wohlfühlen (wellness) noch um schlanke Linie (das mag Kollateral-Nutzen gewesen sein), sondern um Festhalten an der Würde des Menschen, die ja auch durch schlampigen Lebensstil und persönliche Schuld beschädigt werden kann. Und es ging um die Besinnung auf die Bestimmung des Menschen, die über die biotopische Beheimatung hinausgeht. Der Mensch ist nicht geboren, damit er produziere und das Produzierte dann wieder konsumiert. Das braucht er natürlich auch, um überhaupt leben zu können. Das hat er grausam gut gelernt. Immer schneller und in endlosen Mengen vermag er in unseren Breiten herzustellen, was oft über alle Bedürfnisse hinausgeht. Man muss neue Bedürfnisse wecken. Wehe, die Nachfrage lässt nach, dann kommt unsere Wirtschaft ins Schlingern: Arbeitsplätze sind gefährdet, das soziale Netz reißt. Aus allen Kanälen dröhnt – in platter Direktheit und in einschmeichelnden Verführungen – die Botschaft: Leute konsumiert! Ihr müsst es tun, auch wenn euch zum Kotzen ist. Von Kindsbeinen an wird der Konsumbürger auf raffinierteste Weise auf das große Fressen vorbereitet. In Bahnhöfen, Bussen Straßenbahnen rollen Reklame-Videos ab. Die großen Verkehrsadern sind flankiert von Mammutplakaten und Leuchtschriften in stumpfsinniger Wiederholung, unsere Briefkästen quellen über von Sonderangeboten.

Prophetische Wachsamkeit
Mag sein, dass der Einzelne sagt: Das alles rührt mich nicht an. Ich praktiziere
kritischen Konsum und genieße in Dankbarkeit. Gut gebrüllt Löwe! Vielleicht aber wird dir bewusst, wie konsumabhängig du bist, wenn du dir einmal vornimmst, mit einer knappen Summe bis zu einem bestimmten Termin auszukommen. Und dabei sich vor Augen halten, dass es bei allzu vielen Menschen vorne und hinten nicht reicht, so sehr sie sich auch einschränken.

Wo Menschen miteinander leben, organisieren sie einen Markt, wenn man ihnen
die Freiheit lässt. Das gehört zum Menschen dazu, etwas herzustellen und auszutauschen zum gegenseitigen Vorteil, wenn nicht Monopolmächte die Freiheit beschneiden. Was sich bei uns als Marktwirtschaft der Konsumgesellschaft herausbildet, ist einseitig am Profit orientiert und trägt verhängnisvolle Widersprüche in sich: Es wird Überfluss produziert ebenso wie Sinnlosigkeit. Phantastische Gesundheitssysteme – zur Zeit fragwürdig wegen Unbezahlbarkeit – können entwickelt werden und zugleich werden neue Volkskrankheiten gezüchtet. 60 Prozent der US-Amerikaner sollen gesundheitsgefährdend übergewichtig sein. Wir Deutsche sind zehn bis zwanzig Prozentpunkte dahinter. Diabetes, Herzinfarkt, Suchterkrankungen, Unfruchtbarkeit nehmen zu.

Kapital saugt Kapital an, saugt Kapitalschwächere aus. Die Spannung zwischen maßlosem Luxus und Verelendung spaltet die menschliche Gesellschaft, schürt Gewaltbereitschaft. Oft stehen hinter Kriegen massive wirtschaftliche Interessen. Demütigungen durch wirtschaftliche und militärische Übermacht bereiten den Boden für Terrorismus. Diese moderne Pest ist gerade dabei, uns einzuholen. Während ich diese Gedanken niederschreibe, laufen die Vorbereitungen für einen Krieg gegen den Irak auf vollen Touren. Wer weiß, wie der drohende Militärschlag die Welt verändert, was an städtebaulicher und seelischer Kultur in Schutt und Asche gefallen sein wird, wenn dieser Text gedruckt erscheint. Wer weiß wohin es uns schleudert.

„Fasten seat belt“ – sitzt du gut und fest? Fastenzeit ist Zeit, anzuhalten und sich
zu vergewissern, was einen denn halten kann, wenn der gewohnte Lauf der Dinge
erschüttert wird. Nicht nur mal eben in einer besinnlichen Stunde, sondern für längere Zeit, auf ein Ziel hin, nämlich auf die Feier des Gedenkens, dass der Tod nicht das Letzte ist, dass man beim Verlust von allem die Chance zum Neuanfang hat. Es ist sinnvoll, dieses andauernde Vergewissern fest zu machen an „festen“ selbst gesetzten Einschränkungen. Es geht nicht um Miesmachen, sondern um Besinnung auf Sinn und Würde des eigenen menschlichen Daseins. Dieses „fasten“ ist freilich eine ernste Sache, denn unser Leben ist gefährdet. Die orientierungslose Spaßgesellschaft hat auf Dauer nichts zu lachen.


P. Dr. Gerd Birk SVD