2. Fastensonntag (B)

Predigtimpuls

Der Berg der Offenbarung

1. Lesung: Gen 22,1-2.9a.10-13.15-18
2. Lesung: Röm 8,31b-34
Evangelium: Mk 9,2-19

Der Berg der Offenbarung

Der Überraschungseffekt
Das hätte ich sehen mögen, mag vielleicht mancher denken, wie die Apostel sich bei diesem Überraschungseffekt im ersten Moment verhalten haben. Die plötzliche Lichtfülle in nicht zu beschreibender Weise wie etwa, wenn wir ein großes Feuerwerk erleben und die Ausrufe des Erstaunens gar nicht enden wollen.

Und dann die Reaktion des Petrus: „Herr, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen...“ (V 5). Erinnert das nicht auch an eigene Erfahrung? Etwa, wenn wir im Urlaub mit den Eltern z. B. an einem schönen Ferienort waren und am liebsten gar nicht wieder nach Hause wollten, und wir aus dieser Begeisterung heraus sagten: „Papa, hier bleiben wir!“ Ich meine, es ist wichtig, dass wir uns dieses emotional-existentielle Betroffen-Sein der Apostel deutlich machen.


Der Stellenwert                                                                                                                 Wenn wir nach dem Stellenwert fragen, sollten wir bedenken, wo die Erzählung von der Verklärung Jesu im Evangelium steht. Es geht das Messiasbekenntnis des Petrus voraus (vgl. 8,29). Ebenso folgt die erste Ankündigung vom Leiden, Sterben und der Auferstehung Jesu. Wie sehr Petrus nichts davon verstanden hat, wird deutlich, als er Jesus diesbezüglich Vorwürfe macht und Jesus ihn zurechtweisen muss mit den Worten „Weg mit dir, Satan!“(8,33). Es folgen noch Worte Jesu über Nachfolge und Selbstverleugnung, und erst dann kommt unser Bericht.


Der Bericht                                                                                                                            Er beginnt nicht so neutral, wie wir gehört haben: „In jener Zeit... führte Jesus Petrus, Jakobus und Johannes auf einen hohen Berg“. Nein, es steht dort: „Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg“ (V 2). Die Datierung „sechs Tage danach“ ist nicht unwichtig. Sie ist Hinweis auf die heilsgeschichtliche Bedeutung; so heißt es im Buche Exodus: „Die Wolke bedeckte den Berg sechs Tage lang. Am siebten Tage rief der Herr mitten aus der Wolke Mose herbei“ (Ex 24,16f). In der Verklärungserzählung wird offensichtlich auf diese Offenbarung Bezug genommen. Gott stellt den neuen Mose, den Messias vor. Er ist nach Leiden und Tod am siebten Tage glorreich aus dem Grab auferstanden.

Der Berg ist ein weiterer wichtiger Hinweis für Offenbarungen Gottes. Auf dem Berge Sinai offenbarte sich Gott dem Mose. Vom Berge herab schloss Gott mit dem Volk seinen Bund. Gott ließ Mose den Berg besteigen, um ihm die gesamten Kult- und Rechtsvorschriften des Bundesschlusses mitzuteilen. Ähnlich führt Jesus hier drei Jünger auf einen „hohen Berg“. Durch die ganze Darstellung entsteht eine Atmosphäre des Exklusiven, des Geheimnisvollen, so als ob man eine Offenbarung, ein „epiphaniales Geschehnis“ erahnen könnte. Hinzu kommt noch, dass eine Wolke genannt wird, „die einen Schatten auf sie warf“. Wolke, das ist das bevorzugte Symbol dafür, dass Gott gegenwärtig ist, wie es beim Bundesschluss am Sinai schon geschah und sich an vielen Stellen der hl. Schrift findet. „Im Schatten der Wolke“ sein kann dann nur bedeuten, ganz in die Gegenwart des sich offenbarenden Gottes eingebunden zu sein.


Die Offenbarung
Das Zentrum der Offenbarung ist die Lichtgestalt Jesu. Wie in einer Metamorphose geschieht hier göttliche Offenbarung an Jesus für die Jünger. Diese Metamorphose ist eine Vorwegnahme der Verwandlung zur himmlischen Auferstehungsherrlichkeit wie sie z. B. auch Paulus anspricht in 1 Kor 15,51f. Die weißen Gewänder, „wie sie kein Bleicher auf Erden machen kann“ (V 3b), sind Ausweis himmlischer, d.h. jenseitiger Herrlichkeit. Die Stimme aus der Wolke ist gewissermaßen die Besiegelung dessen, was in der Erscheinung sichtbar wurde und bekräftigte damit, was schon bei der Taufe Jesu zu hören war (vgl. Jes 42,1). Mit dieser Offenbarung ist jeder Zweifel an der Messianität Jesu beseitigt.

Elija und Mose
Noch ein Wort zu Elija und Mose. Sie sind beide Prototypen für den Messias. Elija wanderte bis zum Gottesberge Horeb (vgl. 1Kön 19). Er wird als Vorläufer des Christus-Menschensohnes ausgelegt. Mose wird in der jüdischen Tradition eine feste Beziehung zum Messias zugeschrieben. Elija und Mose sind bereits entrückt, sind nicht mehr in dieser Welt, Jesus aber ist noch in der Diesseitigkeit. Das Miteinanderreden zeigt aber, dass Jesus eine feste Beziehung zur jenseitigen Welt der Herrlichkeit bei Gott hat.

Und wir?
Ob es uns nicht geht wie dem Petrus, der sich wohl mehr aus Verlegenheit zu Wort meldet? Die Jünger waren total überfordert. Nicht zuletzt deswegen verbot ihnen Jesus, von dem Erlebten zu erzählen „bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei.“ (V 10) Ihre Reaktion, dass „sie einander fragten, was das sei: von den Toten auferstehen“, macht das überdeutlich. Aber wir dürfen als sicher annehmen, dass gerade dieses Wort ihnen geholfen hat, Jesus Schritt für Schritt in seiner ganzen Offenbarungsfülle näher zu kommen.

Darum geht es auch für uns. Gerade die österliche Bußzeit gibt uns dazu eine gute
Gelegenheit. Am letzten Sonntag hörten wir, dass Jesus nach einem Fasten von 40 Tagen vom Teufel versucht wurde. Welch ein Gegensatz zum heutigen Evangelium! Dort die Wüste der Versuchung und hier der Berg der Verklärung. Ob es uns in unserem Leben, in unserem Glaubensleben manchmal ähnlich geht? Es gilt, den Spannungsbogen auszuhalten. Aber nicht nur das: Gerade in solchen Situationen sind wir angesprochen, sein Buch in die Hand zu nehmen, seinem Wort und damit ihm zu folgen. Wir sind aufgerufen, uns von ihm an die Hand nehmen zu lassen und mit ihm zu wandern bis zum „Gottesberge Horeb“.

 

P. Ferdinand Demes SVD