3. Fastensonntag (B)

Predigtimpuls

Eine Frage der Existenz

1. Lesung: Ex 20,1-17
2. Lesung: 1Kor 1,22-25
Evangelium: Joh 2,13-25

Eine Frage der Existenz

Von außen ...
Das Evangelium regt mich an, über den inneren Menschen nachzudenken. Sicher wird anfangs eine konkrete Szene geschildert, die an einem bestimmten Ort
geschieht (V 13-17). Die folgenden Verse aber legen es nahe, dieses äußere
Geschehen auf die innere Existenz des Menschen hin zu deuten und auf seine
Beziehung zu Gott, bzw. auf die Beziehung Gottes zum Menschen.

Das Evangelium beginnt mit der Schilderung der Reaktion des wutentbrannten
Jesus gegenüber den Verkäufern, die die Opfertiere für das Passahfest im Tempel verkaufen. Er ist empört darüber, dass an einem heiligen Ort Geldgeschäfte betrieben werden; dass Ruhe und Heiligkeit dieses Ortes gestört werden; dass die Verkäufer jede Ehrfurcht und jede Achtung verloren haben und nur der Profit zählt. Jesus hat regelrecht gewütet. Man stelle sich vor, wie er die Geißel geschwungen und die Händler aus dem Tempel gejagt, wie er die Tische der Geldwechsler umgestoßen hat. Für die Händler (und die Käufer?) scheint das Geschäft im Vordergrund zu stehen. Sie scheinen jegliches Gefühl für das Heilige, für den Heiligen verloren zu haben.

Und, wie um das Ganze auf die Spitze zu treiben, antwortet Jesus auf die Frage
nach seiner Vollmacht dies zu tun mit Worten, die eigentlich gar niemand verstehen kann, die sogar seine Jünger erst nach seiner Auferstehung einzuordnen wussten. Die Tiefe der Aussage Jesu bleibt den Menschen verschlossen. Vielleicht konnten sie ihn nicht verstehen, weil sie zu vordergründig gedacht haben, ja ihre ganze Lebenshaltung im Vordergründigen verhaftet war. Sie haben den transzendenten Bereich vernachlässigt. Ihre Beziehung zu Gott war verflacht. Daher haben sie nichts Falsches darin gesehen, den Tempel als Markthalle zu benutzen.

Dieses Erlebnis ist an Jesus nicht spurlos vorübergegangen. Zwar wirkte er während der Zeit des Passahfestes zahlreiche Zeichen in Jerusalem, und es kamen auch viele Menschen zum Glauben an ihn, aber er vertraute sich ihnen nicht an. Er misstraute ihnen, die nur aufgrund der Zeichen an ihn glaubten und hielt daher seine wahre Person, seine wahre Bestimmung vor ihnen verborgen! Jesus öffnete sich nicht für sie, da er sie kannte. Man könnte auch sagen: Er wusste, was er von ihnen zu halten hatte. Vielleicht ahnte er schon jetzt, dass sie ihn töten würden, wenn er bekennen, sich offen zu sich selbst und seinem Vater bekennen würde. Die Menschen waren äußerlich vielleicht bereit für ihn, weil sie Zeichen von ihm gesehen hatten. Aber die innere Bereitschaft, sich auf ihn als Person einzulassen war noch nicht da. Wie auch die Szene im Tempel zeigt, sind die Menschen zu sehr auf das Vordergründige, das Sichtbare, den schnellen Erfolg aus, der sich in Zeichen, in Offensichtlichem verbuchen lässt.

In all dem ist jeder angefragt, der glaubt. Die Zusammenhänge mögen andere sein, aber letztlich ist jeder gefragt, ob er im Vordergründigen hängen bleibt, nur aufgrund von offenkundigen Zeichen glaubt oder ob er sich mit seinem tiefsten Inneren auf diesen Gott einlässt und ihm Vertrauen schenkt, obwohl er nichts sieht.

Wie steht es z.B. mit meiner Beziehung zu heiligen Orten? Sind Kirchen Kunstwerke, Museumsstücke, die es lohnt zu besichtigen oder möchte ich in ihnen den Heiligen erahnen? Halte ich mich in Kirchen auf, weil es für mich nichts als leere Pflicht ist oder weil ich Gott begegnen möchte? Findet Gott in mir einen Menschen, der sich auf Sein Geheimnis einlassen will, der Ihm folgt, auch wenn er Ihn nicht versteht? Findet Gott zu mir möglicherweise keinen rechten Zugang, weil ich es verlernt habe, hinter die Dinge zu schauen? ...

... nach innen
Von Friedrich D. E. Schleiermacher stammen die Worte: „Sorge nicht um das, was kommen mag, weine nicht um das, was vergeht; aber sorge, dich nicht selbst zu verlieren, und weine, wenn du dahintreibst im Strome der Zeit, ohne den Himmel in dir zu tragen.“ Mir scheinen diese Worte auf die beschriebenen Fragen zuzutreffen: Es geht um das Bemühen, den Kontakt zu sich selbst und zu Gott nicht zu verlieren. Wer sich an das Äußerliche und Vordergründige verliert, wer sich an anderes und andere verliert, kann nicht bei sich selbst sein, wird dahintreiben im Strom der Zeit und letztlich auch Gott verfehlen. Gott erschließt sich nicht im Vordergründigen, sondern nur durch den Blick dahinter, durch den Blick mit den inneren Augen hinter den Horizont. Der Mensch ist mit Gott, Gott ist mit dem Menschen in dessen innersten Existenz verbunden und kann letztlich nur im eigenen Inneren erfahren werden. Einer, der das zutiefst nachvollzogen hat, der seine innigste Verbundenheit mit Gott erkannt und empfunden hat, war Rainer Maria Rilke. Er hat diese Erfahrung in einem Gedicht eingefangen:

Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehen,
wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
und ohne Füße kann ich zu dir gehen,
und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
und wirfst du in mein Hirn den Brand,
so werd ich dich auf meinem Blute tragen.

Möglicherweise hat dies alles auch noch eine andere Dimension. Einer möchte glauben, möchte vertrauen, möchte das Heilige erfahren, möchte Gott lieben – aber da ist nichts als Leere, Unfähigkeit, all dies zu tun. In einem Menschen ist eine große Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe, aber er verspürt keine Antwort auf seine Sehnsucht. Da ist nur Einsamkeit und Dunkel. Solche Gottesferne hat auch die französische Mystikerin Marie Noël (1883-1967, Auxerre) erfahren. In einem Gebet der Erschöpfung hat sie gebetet: Diese Tage, an denen ich gedrückt, schwerfällig, niedrig, irdisch bin, unfähig, das Unsichtbare zu ergreifen... Dann kann ich eine Katze oder einen Hund lieb haben, aber nicht Gott. Ich habe nichts mehr, um ihn mir vorzustellen. Dann ist es eine große und harte Mühe, Gott zu danken und alles, was nicht für die Sinne existiert, was man nicht sieht, treu zu betrachten; zuzuhören, wo man nichts hört, das zu lieben, was gar nicht ist als nur in dieser Seele, in der nichts mehr ist. In solchen Situationen mag dies die einzige Hoffnung sein: Wenn ich mich heute umwende, um zurückzuschauen, so sehe ich, wie ich durch meine traurigen Jahre, meine geduldigen Finsternisse, bis zum Ende immer, o mein Gott, von deinen Händen wie eine Gelähmte getragen wurde auf göttlicher Straße.“ (Marie Noël).

 

Barbara Gollwitzer, Pastoralreferentin