Schulabschlussgottesdienst

Predigtimpuls

Zeit der Entdeckungen

Pythagoras, der älteste und berühmteste griechische Mathematiker, soll einmal dem Weisheitsgott Apollo 800 Ochsen geopfert haben, aus lauter Freude und Begeisterung darüber, dass er, halb studierend, halb spielend, das Gesetz entdeckt hatte, das nach ihm benannt ist und den deutschen Schülern gewöhnlich im 9. Schuljahr erklärt wird. Sein Staunen war so groß, weil es ihm beim Spielen im Sand am Boden mitten aus Staub und Schmutz und Vergänglichkeit als etwas Ewiges entgegengetreten war.

Auch dem Physiker Albert Einstein soll die Vision seiner Relativitätstheorie nicht
am Schreibtisch gekommen sein, sondern als er am Wochenende in seinem Boot
über einen der Berliner Seen spazieren fuhr.

Und Watson, der Entdecker der Mikro-Struktur der Chromosomen, also der stofflichen Träger der Vererbung, soll die entscheidende Einsicht in der Straßenbahn bekommen haben, wo er sich an einem Griff über sich fest halten musste, der an zwei beweglichen Lederriemen aufgehängt war, die sich beim Gebrauch drehten, so wie die Riesenmoleküle der DN in den Chromosomen. Was er unterm Elektronenmikroskop nicht hatte sehen können, zeigte sich ihm in der Londoner Straßenbahn.

Als Kapellmeister Leopold Mozart, der Vater des vierjährigen Wolfgang, eines Morgens vom Frühdienst heimkam, fand er sein Söhnchen, auf einem Papier kritzelnd, in seinem Zimmer. Weil der den Federhalter immer bis auf den Grund des Tintenfasses eintauchte, also noch nicht wusste, dass man ihn nur ein ganz klein bisschen eintauchen darf, war das Papier voll von Klecksen. Schon wollte der Vater dem Wolfgangerl, dem unverbesserlichen Lausbuben, die Leviten lesen, da schaute er auf das hinter den Klecksen Geschriebene. Er schaute und schaute – und dann kamen ihm die Tränen in die Augen: Der Knirps hatte den Beginn eines Konzertes mit sechs Stimmen entworfen, das so schwierig war, dass es kaum aufgeführt werden konnte. Der Vierjährige hatte über seiner ersten Komposition gesessen. Er hatte frei und wollte halt spielen.

Große Entdeckungen und Erfindungen werden oft im Zustand völliger äußerer
Entspannung, im Halbschlaf, beim Ausruhen möglich.

Das gilt auch im Religiösen. Als die Familie Jesu in Nazaret eine Woche Urlaub machte und nach Jerusalem wallfahrtete, um dort Ostern zu feiern, entdeckte der
zwölfjährige Sohn im Tempel seinen eigentlichen Vater, von dem Josef nur der
Schatten war: Er vergaß das Essen, seine Eltern und Verwandten, seine Heimat und die Rückkehr dorthin. Die Größe Gottes, seines Vaters, hatte sein Herz ganz erfüllt. Auch Ihr, liebe Schülerinnen und Schüler, wechselt jetzt von den Schulbänken über in die Freiheit, in die Welt des Spielens und Wanderns. Bindet euch nicht wieder an vorgekaute Programme und Mattscheiben-Aufregungen. Bleibt innerlich frei und wach. Und jeder wird seine kleinen Entdeckungen und Erfindungen machen und vielleicht sogar Gott finden, wie Jesus, der Zwölfjährige.

 

P. Eugen Rucker SVD