Predigtimpuls
Kirche als Gebäude – Kirche als lebendige Gemeinschaft
1. Lesung: Ez 47,1-12
2. Lesung: 1Kor 3,9-17
Evangelium: Joh 2,13-22
Zum Kantilieren des Evangeliums: www.stuerber.de
Heute folgen wir nicht der gewohnten Leseordnung, wir verlassen auch die Reihe der Sonntage im Jahreskreis. Statt dessen feiern wir Kirchweihe. Nicht unserer Kirche, sondern der ältesten Kirche Roms, die zur Mutter aller Kirchen wurde.
Werfen wir einen Blick zurück in die Geschichte. Kaiser Konstantin schenkte dem Bischof von Rom eine Residenz auf dem Lateranhügel. Dort errichtete er auch die erste Basilika mit dem Baptisterium, sie ist seither die Mutter aller Kirchen des katholischen Erdkreises. Um 324 n.Chr. wurde sie geweiht und, weil der Kaiser dort getauft wurde, Johannes dem Täufer gewidmet.
In späterer Zeit wurde der Evangelist Johannes Patron der Basilika, Jahr und Tag sind nicht mehr bekannt. Zum Gedenken an die Kirchweihe wurde irgendwann im 11. Jahrhundert der 9. November festgesetzt. Fällt der Weihetag auf einen Sonntag, wie heute, hat die Weihe der Mutterkirche Vorrang.
Mutter aller Kirchen
Hinter diesem Titel ist ein Bild zu denken, eine Mutter von ihren Kindern umgeben. So ähnlich dachte man sich die im gesamten römischen Reich zerstreuten Kirchen um die Mutterkirche geschart. Eine örtliche Kirche konnte nur überleben und nicht zu einem exotischen Relikt herabsinken, wenn sie in einem großen Verband zu Hause war. Jesus kannte auch diese Gefahr, deshalb mahnte er in seinen Abschiedsreden nachdrücklich zur Einheit. Die Apostel widmeten vom ersten Augenblick der jungen Gemeinde nach Ostern ihre Sorge der Einheit in der Gemeinde und im Bekenntnis. In späteren Perioden legten die Bischöfe der Nachbargemeinden einem neu gewählten Bischof die Hände auf, um die Einheit zu bekunden. Zur Wahrung der Einheit gab es viele Initiativen bis zu gemeinsamen Versammlungen der Bischöfe (Synoden). Dem Bischof von Rom wurde, weil sich dort die Gräber der Apostel Petrus und Paulus befanden, von allen Bischöfen der damaligen Welt der oberste Rang zuerkannt. Das Wort „Jurisdiktionsgewalt“ war noch nicht bekannt, aber die Autorität des Bischofs in Rom zur Wahrung der Einheit im Glauben stand außer Zweifel.
Die Lateranbasilika, die Kirche des Bischofs von Rom, war das äußere sichtbare Symbol aller Ortskirchen, sozusagen das einigende Band.
Die Christen wussten immer um ihren geistlichen Mittelpunkt, deswegen strömten im Laufe der Geschichte ununterbrochen Pilger aus allen Teilen Europas zu den Grabstätten des Petrus und Paulus. Diese Pilgerströme hielten das Band der Einheit der Christen, die verschiedensten Stämmen und Ethnien angehörten, aufrecht. Die Lateranbasilika war von Beginn an die Mutterkirche und Mutter aller örtlichen Kirchen des damaligen Erdkreises.
Mutter aller Kirchen heute?
Heute steht diese Mutterkirche wieder in unserem Festkalender. Doch die katholischen Christen sind sich bewusst, dass sie zu Rom als ihren Bezugspunkt gehören.
Mutterkirche macht bei uns wenig Sinn. Wenn unser Blick nach Rom geht, erblickt er nicht die Lateranbasilika, sondern an erster Stelle den Bischof von Rom, den Papst. Im Altertum und im Mittelalter verehrten die Pilger die Stätten der Apostel, um eine Audienz beim Bischof suchten sie nicht an. Heute wollen die „Pilger-Touristen“ unbedingt den Papst sehen, alle anderen Sehenswürdigkeiten sind hintangestellt.
Die Lateranbasilika ist eine wunderbare Kirche neben vielen anderen, freilich mit den gewaltigen Ausmaßen und der Pracht des Petersdoms kann sie nicht mithalten. Er hat den Vorrang, schließlich wird für ihn sogar der sogenannte „Peterspfennig“ in unseren Kirchen eingesammelt. Historisch Versierte wissen noch, dass der Lateran der eigentliche Sitz des Papstes ist, aber Zuschauer im Fernsehen erfahren, dass der Papst nur symbolisch vom Lateran Besitz ergreift.
Unsere Liturgie hält noch an diesen uralten Traditionen fest und am heutigen Sonntag werden auch wir daran erinnert. Nostalgie ist nicht angebracht, wohl aber ein sehr wichtiger Aspekt erinnert: die Kirchweihe.
Unsere Kirche
Das Wort „Kirch-Weihe“ bedeutet Widmung einer Kirche an einen (heiligen) Patron. Weihe gilt in erster Linie Personen, während Segnung „Dingen“ (Fahrzeuge), „Räumen“ (Kirchen, Plätzen...) oder Lebewesen (Tiere) besser entspricht. Beim Segen bitten wir Gott, seinen liebenden Blick auf unsere dingliche Welt zu richten. Der Segen und die Widmung an einen Patron nimmt den Raum der Kirche aus dem alltäglichen Gebrauch heraus. In der Kirche versammelt sich die Gemeinde zum Gebet, feiert Gottesdienste und Sakramente, bekennt ihren Glauben. Die Kirche bleibt ein besonderer Ort, auch wenn neben den Sakramenten „säkulare“ Feste (zu denken an die Synagoge) wie Gedenken an Hochzeit, Geburtstag, Tod oder eben Jubiläen gefeiert werden. So begleitet die Kirche als Mittel- und Sammelpunkt der Gemeinde die Menschen von der Taufe an durch das ganze Leben bis in den Tod. Seelsorger können bestätigen, dass ein solcher Raum schon durch die Füße, die ihn betreten, noch mehr durch ihr Gebet und die Gottesdienste zu einem heiligen Ort und Platz der Kraft wird. Ein Seelsorger pflegte einige Jahre nach der „Kirchweihe“ zu sagen, die Kirche sei jetzt „eingebetet“, jetzt sei die Kraft, die in ihr da ist und von ihr ausgeht, zu spüren.
Geht der Blick über die eigene kleine Kirche hinaus, wissen wir uns mit vielen Menschen, die an ihrem je eigenen Ort beten und feiern, verbunden. Einzelne Kirchen werden wie zu einer Perlenkette.
Kirche ist mehr als ein Bau
Das Zweite Vatikanische Konzil hat diese Dimension treffend beschrieben: Die Kirche ist ein „soziales Gefüge“, das der Heilige Geist durchwirkt und die Mitglieder zur inneren Einheit verschmilzt.
„Soziales Gefüge“ bedeutet eine sichtbare Gemeinschaft von Menschen und meint auch die Kirche als Ort. Das Wirken des Geistes durchdringt die Getauften und verbindet sie und verschmilzt sie zu einer Einheit, einem gemeinsamen Leib.
Das bedeutet aber, dass es eine rein äußere Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Getauften nicht geben kann. Was an unserem Taufbrunnen in der Kirche geschieht, ist wirkungslos, wenn sich die Heranwachsenden nicht auch innerlich dazu bekennen und dazugehören wollen. Geschieht dies nicht, bleiben sie Nummern in der Statistik. Christen werden wir, wenn die innere Begegnung mit Christus erfolgt, wenn wir zum bekennenden Glauben vorstoßen.
Nochmals gilt unser Blick über den eigenen Horizont hinaus. Gemeinden mit solch überzeugten Christen sind wie ein Mosaiksteinchen im großen Mosaik der Weltkirche. Es macht daher Sinn, wenn die Christen in einer weltweiten Gemeinschaft auch um ihren Mittelpunkt wissen. Ein solcher Mittelpunkt ist der Papst. Die Liturgie legt uns nahe, dass wir uns auch die Mutter aller Kirchen, die älteste Ortskirche in Rom, die Lateranbasilika, in Erinnerung rufen. Wir tun gut daran, uns heute an unsere eigene Kirche, in der wir uns als Getaufte und Bekennende versammeln, zu erinnern und sie zu schätzen. So gedenken wir heute der Weihe der Lateranbasilika und denken dankbar an unsere eigene Kirche, als Teil der weltweiten Kirche.
Was Kirche zu einer Kirche macht
Das Wort über Gott, in der Bibel, begleitet auch das Fest heute und hilft zur Deutung. Ezechiel, der Prophet des Exils, erfährt in einer Vision den Tempel als Ort der Gegenwart Gottes. Gott lässt daraus das gute Wasser fließen, dieses dringt bis in das Salzmeer vor, verwandelt es und stellt das „Paradies“ wieder her. Das Haus Gottes ist der Ort, von dem aus die heilende Kraft Gottes auf die Menschen überfließt. Diese Schau des Ezechiel hat immer Gültigkeit, auch hier und jetzt.
Das gleiche gilt bei Paulus: Er erklärt seiner jungen Gemeinde in Korinth, weshalb sie überhaupt eine Gemeinde ist. Gott selbst hat durch Jesus Christus bei ihr den Grund gelegt und darauf ihre Gemeinde errichtet. Auf diesem Grund darf sie wie eine Pflanze wachsen, zugleich ist und bleibt sie eine Baustelle, an der ständig gearbeitet werden muss. Paulus und andere nach ihm und die Gemeinde selbst, sind an dieser Baustelle beschäftigt. Gemeinsam errichten sie das geistliche Haus der Gemeinde. Ob alle Beteiligten gut gearbeitet haben, wird sich herausstellen, wenn einmal Gott das Haus durch Feuer prüft. Es ist ein Ruf, ein lebendiges Glied der Gemeinde zu sein, und zugleich eine Warnung, dass niemand nur äußerlich zu ihr gehören kann.
Im Johannesevangelium bereitet Jesus, im Unterschied zu den Synoptikern, schon am Beginn seines Wirkens sein Haus, den Tempel, zu einem Haus des Gebetes für alle Völker. Darum reinigt er den Tempel. Johannes entwirft ein wunderbares Bild: Der irdische Tempel in Jerusalem ist prachtvoll, doch der wirkliche Tempel ist der Leib Jesu. Dieser Tempel, Jesus, kann nicht wie der irdische Tempel zerstört werden, denn Gott erweckt ihn. Am Schluss heißt es: Nach Ostern erinnerten sich die Jünger daran, dass Jesus von seiner Auferweckung gesprochen hatte, und sie glaubten.
Unsere irdische Kirche ist an jedem Ort ein Ort der Erinnerung an Jesus von Nazaret, den Gott nicht im Tode beließ, sondern erweckt hat. Sein Gedenken feiern wir beim Gottesdienst an den Sonntagen zur Bestärkung unseres Glaubens, dass Gott auch uns erwecken wird.
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