28. Sonntag im Jahreskreis (B)

Predigtimpuls

Die Geschichte vom Reichen Jüngling

1. Lesung: Weish 7,7-11
Zwischengesang: www.antwortpsalm.de
2. Lesung: _Hebr 4,12-13
Evangelium: Mk 10,17-30 [Mk 10,17-27]

Die Geschichte vom Reichen Jüngling rückt die radikale Forderung, die Jesus von seinen Jüngern abverlangt, in aller Schärfe ins Visier: “Wenn du das Heil erlangen willst, dann verkaufe alles was du hast, gib es den Armen und folge mir”. Mit diesen Worten beantwortet Jesus die Frage des jungen Mannes, was er tun muss, um das ewige Heil zu erben. Wie der Text uns sagt: Mit Ehrfurcht und tiefem Respekt geht der junge Mann vor Jesus auf die Knie und stellt seine ihn scheinbar tief bedrückende Frage: Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erwerben? 

Jesu Antwort ist zunächst die des Alten Testamentes: Halte die Gebote! Genau das verlangte das Gesetz von jedem Juden. Die Antwort des jungen Mannes, dass er das alles getan hat, lässt darauf schließen, dass er damit aber nicht ganz zufrieden ist, irgendetwas fehlt. Vielleicht war es die Botschaft Jesu, die ihn unsicher machte, dass das Halten der Gebote ihm den Erbteil am ewigen Leben nicht allein sichern konnte.

Jesus erkennt sogleich, was dem Mann fehlt. Er hat ihm zunächst nur sechs der zehn Gebote aufgezählt, die sich auf ihn und seinen Mitmenschen beziehen. Offenbar hat der unbekannte Mann ganz vergessen, dass es noch andere Gebote gibt, die drei wichtigsten: (1) Du sollst keine anderen Götter neben mir haben; (2) Du sollst den Tag des Herrn heiligen; (3)Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren. Diese Gebote, zuerst an Gott zu denken, hat der junge Mann durch seinen ganzen Reichtum anscheinend einfach vergessen.

Jesu Reaktion ist dennoch erstaunlich, als der junge Mann auf die Aufzählung von sechs der zehn Gebote, die Jesus ihm aufzählt, antwortet: “Meister, diese habe ich von Kindheit an alle gehalten”. Der Text sagt: “Darauf hin schaute Jesus ihn voll Liebe an”. (“Jesus liebte ihn” oder wie einige Übersetzungen sagen: Jesus “umarmte ihn wie einen Freund”). 

Dann wagt Jesus seinen Vorstoß: Dir fehlt nur noch eines: Verkaufe alles was du hast, d. h. alles, was du angehäuft hast, und gib es den Armen zurück, denn im Alten Testament galt die Forderung in Bezug auf Besitz: jeder Überschuss, den der Mensch angehäuft hat, gehört nicht ihm, sondern den Armen. 

Genau hier überschreitet Jesus die allgemeine Vorstellung, als ob der Mensch sich das Heil erkaufen könnte durch genaues Halten der Gebote. Heil und damit ewiges Leben kann der Mensch nur erhalten, indem er alles, was er hat, weggibt und sich vorbehaltlos der Liebe Gottes ausliefert, die ihn erschaffen, ihn am Leben erhalten hat und ihm daher allein das ewige Leben schenken kann. Das berühmte Zitat aus dem Buch Ijob drückt das pointiert so aus: »Nackt kam ich aus dem Schoß meiner Mutter hervor, und nackt kehre ich dahin zurück« 

Um seine Forderung noch genauer zu verstehen, fordert Jesus den jungen Mann auf, noch einen Schritt weiter zu gehen: er soll sich in totaler Hingabe an ihn, Jesus, binden, d.h. ihm nachfolgen. Er, Jesus, ist die lebendige Tora, er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben, die zum Heile führen können.

Das Halten der Gebote ist schon ein “gottgefälliges” Leben, aber die Nachfolge Jesu fordert die radikale Aufgabe von allem, was vom Reich Gotte abhält. Der Hinweis auf den “Schatz im Himmel” entspricht der jüdischen Vorstellung, das Gutes-Tun an den Armen seinen himmlischen Lohn findet. Wer Jesus nachfolgt, kann gar nichts verlieren, nur alles gewinnen.

Für den unbekannten Mann ist diese Antwort schwer zu verstehen. All das, was ihm so wichtig geworden ist und wofür er jeden Tag so hart gearbeitet hat, soll er jetzt verkaufen? Ja? Jesus hat erkannt, dass es der ganze Reichtum und Besitz ist, der dem Mann im Weg steht, das ewige Leben zu gewinnen. Und Jesus sagt das nicht, um ihn zu ärgern, sondern gerade deshalb, weil er ihn gerne hat. Er möchte, dass dieser Suchende den entscheidenden Augenblick seines Lebens nicht verpasst.

Wie mit einem Schlag fühlt der Reiche, dass Jesu Antwort ihm das Fundament seines religiösen Strebens entzieht. Sein gesamter Besitz und alles, was er bis jetzt vor Gott geleistet hat (Mk 10,20), verliert plötzlich seinen Kurswert. Die einzigartige Härte dieser Konfrontation wird verständlich, wenn man erkennt, dass hier zwei grundverschiedene Lebenseinstellungen aufeinander stoßen. 

Kommentatoren zu diesem Text meinen, dass Markus in diesem reichen Mann einen aufs Haben orientierten Menschen sieht, der selbst seine Beziehung zu Gott noch in den Griff bekommen möchte, „um das ewige Leben als Erbe zu erlangen." 

Jesus aber macht ihm klar: Wer glaubt, mit eigenen religiösen Anstrengungen den Durchbruch zum Leben zu schaffen, wird es verfehlen. Vor Gott kommt es nicht darauf an, etwas Besonderes zu leisten, sondern sich von ihm beschenken zu lassen. Das ist der einzige „Schatz", der uns die Angst vor der Unsicherheit unseres Daseins nehmen kann. Jesus möchte den Suchenden für seine Nachfolge gewinnen, aber er sieht, wie tief die Mentalität des Habens schon in ihn eingedrungen ist. Und darum auch die Radikalität seiner Forderung: An der Wurzel muss dieser Mensch befreit werden. Loslassen soll er alles, was ihn dann hindert, zu der unverwechselbaren Gestalt unterwegs zu bleiben, auf die hin er von Gott angelegt ist. Aber es können sich im Leben eines Menschen Verhärtungen gebildet haben, die es ihm faktisch unmöglich machen, einen solchen Wandel zu vollziehen. Wortlos wendet er sich von Jesus ab und geht enttäuscht und traurig weg. Er bringt es nicht übers Herz, sich von seinem Besitz zu trennen und an Gott genug zu haben. -

Selbst die Jünger sind über Jesu Worte bestürzt. Jesus gibt nicht klein bei, er verschärft seine Worte noch einmal mit dem Bild von dem Kamel und dem Nadelöhr, um die Unmöglichkeit des Heiles durch Besitz und menschliches Tun zu erreichen. Die Jünger sind noch tiefer erschrocken: “Wer kann dann noch gerettet werden?” Jesu Antwort: ”Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich.” Diesen letzten Satz sollte man nicht überlesen. Was Jesus sagen will, bedeutet: Gott kann jeden retten, er hat Wege, den Menschen zum endgültigen Loslassen seiner eigenen Leistung vor Gott und damit zum ewigen Heil zu führen, Wege, die wir nicht kennen noch verstehen. 


Gott will das Heil aller Menschen und er kann das möglich machen.

Zum Schluss noch ein Wort zum “Heilsuniversalismus”, den Jesus hier offen lässt. Der “Unmöglichkeit” des Menschen, aus eigener Kraft das Heil zu erwirken, hält Jesus in dieser Geschichte die “Unbegrenzte Möglichkeit” der grenzenlosen Barmherzigkeit Gottes entgegen. Viele Heilige und Theologen haben in diesem Wort Jesu die Hoffnung gesehen, dass Gott am Ende doch noch alle Menschen durch seine mitleidende Liebe zum Ewigen Heil führen kann. Diese Sicht hat unter anderen namhaften Theologen insbesondere Hans Urs von Balthasar in seinen Schriften immer wieder vertreten, in ausführlicher Weise jedoch in seinem Buch Was dürfen wir hoffen? (Johannes Verlag 1986). 

Die russisch-orthodoxe Kirche hat auf dieses Wort hin immer daran festgehalten, dass am Ende kein Mensch der unendlichen Liebe Gottes praktisch widerstehen kann. Der Kreuzestod Christi ist nicht nur die Konsequenz seines solidarischen Lebens, sondern offenbart die Universalität seiner Gnade. Denn vom Kreuz her ist das Reich Gottes nicht nur, wie im bisherigen Leben Jesu, denen geschenkt, die das Reich Gottes annehmen, sondern auch denen, die es ablehnen. Im Scheitern scheitert das Erlösungswerk gerade nicht, sondern offenbart darin erst die äußerste Radikalität der unbedingten Liebe Gottes auch denen gegenüber, die ihn zum Scheitern bringen, den Tätern, den Sündern und Sünderinnen, und das sind auch immer wieder die Gläubigen selbst. Gottes Liebe zum Menschen geht bis zur letzten Möglichkeit: den Tod aus reiner Liebe. Der Mensch ist bestimmt zur Liebe mit Gott und Gott wird aber auch alles tun, um den Menschen davon zu überzeugen und ihn dorthin zu führen, wo er sein endgültiges Heil finden kann. Es geht Gott um jeden Preis darum, dass das Wagnis Mensch gelingt, dafür hat er alles eingesetzt, selbst das Leben seines Sohnes. 

Daher wird Gottes Liebe, wie Papst Benedikt es in seiner Ersten Enzyklika (Deus Caritas es) ausdrückte, über seine Gerechtigkeit siegen. Gott wird das “Unmögliche möglich machen können”, wie Jesus es in der Geschichte vom Reichen Jüngling bezüglich der Rettung des Menschen ausdrückte. 

Edith Stein hat das einmal so ausgedrückt: Gott kann die Freiheit des Menschen nie vergewaltigen oder zwingen, aber er kann sie mit seiner unendlich mitleidenden Liebe so umwerben, das der Mensch im letzten doch jeden Widerstand “freiwillig” aufgibt. Die Hölle ist eine reale Möglichkeit, ob sie aber eine existentielle Wirklichkeit für einen Menschen wird, das kann nur Gott entscheiden und nicht wir Menschen (Hans Urs von Balthasar). In den Worten von Edith Stein:


“Denn die allerbarmende Liebe kann sich zu jedem herab neigen. Wir glauben, dass sie es tut. Und nun sollt es Seelen geben, die sich dauernd verschließen? Als prinzipielle Möglichkeit ist das nicht abzulehnen. Faktisch kann es unendlich unwahrscheinlich werden” (Edith Stein).

Wissen können wir das nicht, aber die Hoffnung ist groß, dass am Ende - wie es die große Seherin Juliana von Norwich immer wieder ausgedrückt hat, “alles gut wird und alles gut sein wird”.

 

P. Dr. Johannes Füllenbach SVD