11. Sonntag im Jahreskreis (B)

Predigtimpuls

Es ist Gott, der Leben und Wachstum schenkt

1. Lesung: Ez 17,22-24
Zwischengesang: www.antwortpsalm.de
2. Lesung: 2Kor 5,6-10
Evangelium: Mk 4,26-34

 Es ist Gott, der Leben und Wachstum schenkt

In unserer konsumorientierten Gesellschaft scheint der Schwerpunkt des Bemühens um Fortschritt durchaus wahrnehmbar auf der Verbesserung der Methoden zu einer qualitativ besseren Produktion von Konsumgütern zu liegen. Leistung und Erfolg diktieren das Verhalten. Dementsprechend werden Hindernisse ausgeschaltet, wird bedenkenlos, was dem Fortschritt dient, eingesetzt und auch das Personal entsprechend weitergebildet oder ausgetauscht. Im wirtschaftlichen Bereich wird da konsequent, zielstrebig und kompromisslos vorgegangen. Die Konkurrenz ist stark, die Ansprüche sind groß, und wenn man diesen Ansprüchen nicht gerecht wird, ist man weg vom Fenster. Alles scheint von unserem Planen und Handeln abhängig zu sein.

Die Versuchung auch im spirituellen Bereich, in diesen Kategorien von Machbarkeit, Entwicklungsfähigkeit und spürbarem Erfolg Maß zu nehmen und die entsprechenden Schritte zu tun, liegt nahe. Tatsächlich ist der Aufbau einer christlichen Gemeinde wohl auch nur im Rahmen kluger, situationsgerechter pastoraler Methoden möglich. Das Ziel bleibt ein gesundes Wachstum der Gemeinde auf der Grundlage eines zeitnahen christlichen Glaubenslebens, genährt aus dem Glaubensschatz der Kirche und einer reichen christlichen Tradition. Der Gläubige versteht sich darin nicht mehr nur als passiver Mitläufer und Empfänger, sondern als aktives Mitglied und Mitgestalter. Wie schwierig und frustrierend es aber auch sein kann, auf dieses Ziel einer aktiven, zeugnisbereiten Pfarrgemeinschaft erfolgreich hinzuarbeiten, wird aus den zahllosen Konferenzen und Sitzungen, die in dem Zusammenhang gehalten werden, allzu deutlich erkennbar. Die spirituelle Dynamik, die dem christlichen Glauben innewohnt und ein gesundes Wachstum garantiert, scheint vielfach nicht greifen zu wollen. Vieles bleibt im puren Wunschdenken hängen. Der konkrete Beschluss erschöpft sich in taktischen Überlegungen, die in ihrer Machbarkeit und Effizienz überschätzt wurden und früher oder später im Versuch, sie umzusetzen, zum Stillstand führen. Irgendetwas scheint zu fehlen.

Viel wird in letzter Zeit von Aufbruch geredet, auch fehlt es nicht an Anregungen, die diesem Aufbruch unter dem attraktiven Terminus „Neuevangelisierung“ die Tür öffnen und den Weg weisen. „Einer trage des andern Last!“ wurde neulich bei einer Großveranstaltung des Seelsorgebereichs Sankt Augustin als tragende Losung ausgegeben. Das anspruchsvolle Wort des heiligen Paulus aus dem Galaterbrief kann durchaus Aufbruchsstimmung vermitteln. Wo das Wort ernst genommen und auf der Grundlage christlicher Solidarität und Liebe umgesetzt wird, kann es gewiss zu einem spirituellen Impuls führen, der das Wachstum der Gemeinde fördert und sie dem Reich Gottes, von dem Jesus so gerne als Ziel der Verkündigung des Evangeliums sprach, näher bringt.

Heute begegnet uns dieser Gedanke vom Reiche Gottes in einer Rede Jesu an das Volk in Form zweier Gleichnisse. Hier wird der aufmerksame Hörer sofort spüren, worum es bei aller Spekulation über Erfolg, Wachstum und Leben als fruchtbringendem Ereignis gehen muss und was als eigentliches Strukturelement nicht übergangen werden darf. Es ist allein Gott, der Wachstum und Leben schenkt. Die aufmerksame Beobachtung der Natur, in der wir leben, sagt uns dies schon, und übertragen auf das Ziel des menschlichen Lebens im Reiche Gottes sollte diese Entdeckung zu einer wahren Offenbarung werden. Das Reich Gottes ist ein Wunder von unglaublicher Attraktivität, das in seiner Schönheit bereits in der Natur im Bilde wahrgenommen werden kann. „Mit dem Reich Gottes ist es wie mit dem Samen, den jemand auf den Acker gesät hat“, heißt es im ersten Gleichnis, er keimt und wächst bei Tag und bei Nacht, ohne dass der Mensch etwas dazutut. Es ist die von Gott hineingelegte Lebenskraft, die den Samen zu Wachstum und Reife drängt und den Menschen mit reicher Ernte beschenkt. „Das Reich Gottes gleicht einem Senfkorn“, heißt es im zweiten Gleichnis. Es ist ganz klein und unscheinbar. Wenn es aber in die Erde gesenkt wird und Wurzeln treiben und wachsen kann, drängt es nach oben und wird zu einem Baum, in dem selbst die Vögel Schutz und Wohnstatt finden. Auch hier ist es das Leben mit seiner unvorstellbaren Dynamik, die Gott in diesen kleinen Samen gelegt hat und die ihn zum Baume werden lässt und zum Zeugnis für die Weisheit und Macht Gottes. Es wird zum Bild für das noch viel größere Wunder um den Menschen, der sich zur Vollreife nach Gottes Bild entfaltet und im Reiche Gottes Vollendung und endgültige Heimat finden wird.

Es ist die große Tragödie, dass die geheimnisvolle Wahrheit, die in diesem Bild der Natur, die uns umgibt, oder durch den verlängerten Arm der Wissenschaft, als ein laut sprechendes Zeugnis für Gott und sein Reich zu uns spricht, nicht mehr wahrgenommen, geschweige denn verstanden wird. Die Versuchung, sich vom Gedanken an Gott als Herrn der Schöpfung frei zu machen und unabhängig von seiner Führung die Schöpfung zu deuten und zu manipulieren, ist unwiderstehlich. Die Grenzen aber, die den Menschen hindern sollten, Leben und Wachstum eigenwillig zu vernichten, werden nicht mehr respektiert. Es ist mir kalt über den Rücken gelaufen, als ich vor einiger Zeit unter der Überschrift „Du bist ich, ich bin Du“ die Nachricht las, dass es chinesischen Forschern in Shanghai gelungen ist, erstmals Affen zu klonen. Die beiden Tiere seien die einzigen Überlebenden aus insgesamt 109 Embryonen. Auf diese Nachricht hatten viele Menschen das ungute Gefühl, die „rote Linie“ sei überschritten. Hier ist ein offener Dialog angesagt über Sinn und Folgen eines fraglichen Fortschritts, der grundsätzlich alle Menschen betrifft. Der Schritt zum Klonmenschen ist offenbar nicht mehr weit. Aber wer bestimmt dann, welche Qualitätskriterien, welche Ziele und Mittel gelten sollen? Geht es darum, für fehlenden oder kranken Nachwuchs Ersatzlösungen zu finden? Für uns Christen kann es auf diesem gewagten Weg nur einen Kompass geben: die unantastbare und unverfügbare Würde eines jeden Menschen, seine Einzigartigkeit, seine Gottebenbildlichkeit und die Verantwortung des Geschöpfes gegenüber seinem göttlichen Schöpfer.

„Durch viele solche Gleichnisse verkündete Jesus den Menschen das Wort“, heißt es im Anschluss an die erwähnten Gleichnisse. Damit erreichte er sie, war es doch ihr Lebensbereich. Damit aber gewannen diese Wunder in der Natur und die Ereignisse im Leben der Menschen Offenbarungscharakter und Offenbarungswert. Bäume, Pflanzen, Vögel, Fische und Schafe beginnen durch ihre Existenz, ihr Wachstum, ihre von Gott geschenkte Lebensform (als Produkt seiner Weisheit, mag das auch über den Prozess einer langen Evolution geschehen) zu uns zu sprechen. Das offene Herz erkennt den Hinweis auf Gottes Gegenwart und Liebe. Das ist es, worauf Jesus hinauswill. Was in der Natur in einem unbewussten Lebensprozess für die Gegenwart und das Wirken Gottes sprach, sollte für den Menschen eine bewusste, vom Glauben erleuchtete Erkenntnis seiner Gegenwart, Macht und Liebe werden und das Vertrauen wecken, sich als Teil in diesem Prozess auf das Reich Gottes hin zu verstehen. Es ist aber ein Prozess, bei dem der Mensch nicht nur Beobachter oder gar Instrument ist, sondern aktiver Teil in Einstimmung auf Gottes Willen und Wirken. Das Ganze kann auf die einfache Formel gebracht werden: Gott mit uns und wir mit Gott.

 

P. Anton Weber SVD