2. Fastensonntag (C)

Predigtimpuls

Nebel, der die Sicht versperrt

1. Lesung: Gen 15,5-12.17-18
Zwischengesang: www.antwortpsalm.de
2. Lesung: Phil 3,17-4,1
Evangelium: Lk 9,28b-36
Zum Kantillieren des Evangeliums: www.stuerber.de

Nebel, der die Sicht versperrt
Dichter Nebel auf der Autobahn mit Sichtweiten unter 50 Metern; um äußerste Vorsicht wird gebeten – so ertönte gerade in den letzten Wochen mehr als einmal die warnende Stimme des Ansagers aus dem Verkehrsfunk. Und häufig sah man am gleichen Abend in der Tagesschau die Folgen eines zu schnellen Fahrens. Es gehört zu den heikelsten Situationen beim Autofahren, wenn die Scheinwerfer die dichte graue Wand nicht mehr durchdringen können und man das Gefühl bekommt, die Hand nicht mehr vor dem Auge zu sehen. In solchen Augenblicken wissen wir den strahlend blauen Himmel zu schätzen.

Auch die drei Jünger, die Jesus mit sich auf den Berg genommen hatte, sind vorübergehend in eine „Nebelbank“ hineingeraten. „Eine Wolke überschattet und umhüllt sie“. Prompt bekommen auch sie es mit der Angst zu tun. Die soeben erlebte Verklärungsszene entschwindet ihrem Blick, sie verlieren Jesus aus den Augen. Aber wie am Berg Sinai im AT, wie beim Wüstenzug Israels ist diese Wolke ein Zeichen für die verborgene Nähe Gottes. Deshalb werden die Jünger von der Dunkelheit nicht bedroht, sondern sie finden mitten darin Orientierung, die wegweisend sein wird für ihr Leben. Eine Stimme sagt ihnen: Schaut auf Jesus, hört auf ihn! Sogleich sehen sie Jesus wieder, weil der Nebel sich lichtet. Sie sehen ihn wieder wie früher, allein, so, wie sie ihn aus dem Alltag kennen.

Was ging voraus und was bedeutet der ganze Ablauf?
Jesus geht mit dreien seiner Jünger, die persönlich genannt werden, auf den Berg. Der Berg ist auch diesmal ein Zeichen der Gottesnähe. Dort will er beten. Und dabei verändert sich sein Aussehen, seine Kleider beginnen zu leuchten. Beginnt hier eine Ahnung, dass Gottes Nähe einen ganz erfasst?

Und in diesem Glanz erscheinen Moses und Elias. Das ist für die drei äußerst wichtig, denn mit den beiden großen Gestalten tritt das ganze AT in Beziehung zu Christus, vor allem zu seinem Ende. Die Aussagen über den leidenden Gottesknecht, die den Jüngern als Juden so bekannt sind, die sie aber nie begriffen haben, werden hier deutlich herausgestellt. „Und sie sprachen von seinem Ende, das sich in Jerusalem erfüllen sollte.“ Und der Vorgriff auf die österliche Herrlichkeit des Auferstandenen ist der Grund für das strahlende Licht, das die Szene erfüllt. So ähnlich machen wir es bisweilen bei der Lesung eines spannenden Buches: mittendrin schlagen wir die letzten Seiten auf und lesen nach, wie es ausgeht. Lukas nimmt hier auch mitten in seinem Evangelium ein Stück vom Ende vorweg, ein Stück vom tröstlichen Ende, und lässt seine Leser daran teilnehmen. Doch die Begleiter Jesu sind geblendet, eingeschlafen. Sie sind weggetreten. Und sie werden bei anderen wichtigen Gelegenheiten wieder einschlafen; dabei erinnern wir uns an die Ölbergstunde, wo Jesus unbedingt wache Freunde gebraucht hätte! Sie erweisen sich als würdige Vertreter einer schlafenden Kirche. Und unter dem Kreuz ist auch keiner von ihnen. Das bedeutet wohl in unserem Zusammenhang: Die Begegnung mit dem österlichen Herrn überfordert sie noch, sie müssen sich erst in der Nachfolge des Gekreuzigten bewähren. Petrus bestätigt das unfreiwillig mit seiner Bemerkung: „Hier ist gut sein.“ Wer möchte nicht gern solche Momente festhalten! Hütten bauen, bleiben, nicht wieder ins Tal müssen. Nichts ist schöner als das „Gelobte Land“ ohne Marsch durch die Wüste. So heißt es schon bei Goethes Faust: „Werd ich zum Augenblick sagen: Verweile doch. Du bist so schön. Dann magst du mich in Fesseln schlagen!“

Mit Jesus auf dem Wege
Nun spricht der Vater aus der Wolke: „Dieser ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören!“ (s. Taufe Jesu). Vom Hören geht der Weg dann zum Erfahren und Verstehen, aber auch zum Horchen und Gehorchen – d.h. zum Tun.

Und dieser Jesus macht sich auf den Weg. Er wollte nicht drei Hütten. „Die Füchse haben ihre Höhlen, die Vögel des Himmels ihre Nester, des Menschen Sohn aber hat nichts, wohin er sein Haupt legen könnte.“ So erwartete er von seinen Nachfolgern, dass sie ihn begleiteten in die Niederungen des Alltags. Und wenn sich von der anderen Seite einer verlaufen hatte, dann wurde er nicht aus der Kirche ausgeschlossen, sondern Jesus lief hinterher – hinter einem einzigen; auch in seiner Nähe hatten sich einige verlaufen. Seinen Nachfolgern gab er genaue Anweisungen, wie sie sich auf den Weg machen sollten. Nichts sollten sie mitnehmen, keine Häuser und Hütten sollten sie bauen. Er versprach ihnen seine Nähe. Schließlich hatte er so viele Wege erschlossen, dass er es sagen konnte. „Ich bin der Weg!“

Und nun kam, was kommen musste, was Moses und Elias vorhergesagt hatten: Viele nämlich konnten sein bewegtes Leben nicht ausstehen, konnten ihn nicht ausstehen und sie legten ihn am Ende fest. So wurde sein Weg ein Kreuzweg. Sie konnten ihn aber nur körperlich festnageln, doch er ging ihnen dadurch, ging mitten durch den Tod ins Leben. So war er dann nach seinem Weggang so frei, immer und überall aufzutauchen, wo er wollte, am besten zwischen Weggefährten. Ihnen – d.h. uns allen – gab er den Auftrag, uns auf den Weg zu machen, zu den Menschen, zu allen Völkern. Es entstand eine Bewegung. Wanderndes Volk Gottes ist auch ein Name dafür.

Wir alle brauchen Weggefährten
Wir alle brauchen Wegfährten, die uns begleiten. Die Vermittlung von sogenannten Glaubenswahrheiten erwärmt selten einen Menschen. Wem jedoch eine zutiefst berührende persönliche Begegnung mit glaubenden Menschen geschenkt wird, der kann darin erfahren, dass er in solchen Begegnungen sogar den „Berg des Glaubens“ um eine weitere Stufe erklimmt. Unser Glaube bekommt so ein Gesicht. Erinnern wir uns heute mal wieder an jene guten Gesichter, die uns das Beten und Singen lehrten. In gläubigen Eltern, Geschwistern oder Nachbarn nimmt Gott uns an der Hand, um uns das Licht des Glaubens zu erschließen, wie er es bei den drei Jüngern tat.

Auf Tabor schlafen die Jünger. Auf dem Ölberg ebenso. In der Nähe des Kreuzes fliehen sie. Erst Ostern gehen ihnen die Augen auf. Pfingsten werden sie endgültig mündig sein und sagen können, was sie gehört und gesehen haben. In unseren Wohnungen haben wir – so hoffe ich doch – ein Kreuz; das hat seinen Grund in unseren menschlichen Erfahrungen. Es macht keinen Bogen um unser Leben. Es ist dort, wo wir wohnen und leben. Im Verlauf des Lebens gibt es so manche durchkreuzten Pläne, Sehnsüchte und Hoffnungen. Da tut die Botschaft des Kreuzes gut, die uns sagt: Gott ist größer als alles Leid. Seine Liebe hält durch. Ich schließe mit einem Lied von P. Gerhard:

„Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt, der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn; der wird auch Wege finden, die dein Fuß gehen kann.

Dem Herren musst du trauen, wenn dir’s soll Wohlergehen; auf sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll bestehen; mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein lässt Gott sich gar nichts nehmen, es muss erbeten sein.

Dein ewig Treu und Gnade, o Vater, weiß und sieht, was gut sei oder schade dem sterblichen Gemüt; und was du dann erlesen, das treibst du, starker Held, und bringst zu Stand und Wesen, was deinem Rat gefällt.

Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt. Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt, mit großen Gnaden rücken; erwarte nur die Zeit, so wirst du schon erblicken die Sonn‘ der schönsten Freud.“

Liebe Mitchristen! Vergessen wir nicht den ständigen Kontakt mit Gott durch das Gebet, durch die Schrift und durch die Sakramente. Ansonsten wird er ein Gott ohne Gesicht bleiben. Natürlich kann man ihm überall begegnen, auch im Wald – wie es oft heißt. Aber wir sind im Glauben sehr auf Gemeinschaft angewiesen. Kommen wir deshalb immer wieder dorthin, wo die Gemeinde Christi IHM begegnet und damit sich gegenseitig stärken kann in einer vielfach weglosen und ziellosen Gesellschaft. Lasst uns also füreinander beten um einen lebendigen Glauben, der auch bisweilen Berge versetzen kann, Nebel verscheuchen kann.

[Anmerkung der Redaktion: Die von P. Schmitz verfasste Predigt wurde bereits veröffentlicht in: DIE ANREGUNG, Nettetal 1998; S. 99-101]

 

P. Josef Schmitz SVD
 
 
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