6. Sonntag im Jahreskreis (C)

Predigtimpuls

Hunger des Leibes und Hunger der Seele

1. Lesung: Jer 17,5-8
Zwischengesang: www.antwortpsalm.de
2. Lesung: 1Kor 15,12.16-20
Evangelium: Lk 6,27-38

Hunger des Leibes und Hunger der Seele
Ist es nicht ein wenig verrückt, was wir da gerade im Evangelium gehört haben? Ist, mit Verlaub gesagt, Jesus nicht ein wenig verrückt, uns solche Sachen zuzumuten? Stellt er nicht alles auf den Kopf? Das, was wir und irgendwie jeder Mensch unter Glück versteht: Reichtum, Satt-Sein, also Befriedigung unserer Bedürfnisse, lachen können, von allen gelobt werden, usw. – all das versieht er mit einem negativen Vorzeichen. Und was niemand will: Armut, Hunger, Weinen, Trauer, ja sogar gehasst und beschimpft werden um seinetwillen, um Jesu willen, das preist er selig! Haben wir es da nicht wieder einmal – das Christentum, ja Jesus selbst als Spaß- und Spielverderber unseres Lebens: Was Spaß macht, wird abgelehnt, was niemand für erstrebenswert hält, wird empfohlen? Sagt man da nicht besser gleich: Nein, danke?

Vielleicht können wir das Ganze besser verstehen, wenn wir uns die Lage der Menschen von damals vergegenwärtigen. Unter den Zuhörern Jesu waren ohne Zweifel viele wirklich Arme. Hohe Steuern, Abgaben und Zölle der römischen Besatzungsmacht und der herodianischen Provinzkönige und manch anderes verursachten viel Elend unter der Bevölkerung. Und gerade zu ihnen spricht Jesus. Zu ihnen spricht er das Wort, dass sie selig sind.

Warum aber? Der Grund ist: Weil ihnen, gerade ihnen, das Gottesreich gehört. Mit anderen Worten: Ihnen ist Gott in besonderer Weise nahe, denn gerade sie haben, wie die Erfahrung lehrt, eine viel größere Offenheit für die Botschaft Jesu als die Satten.

Hinzu kommt: Diese Sätze sagt nicht ein Reicher, der salbungsvolle Worte und billigen Trost, der nichts kostet, irgendwie von oben herab an ein paar Arme richtet, sondern es ist selbst ein Armer. Jesus spricht hier von gleich zu gleich, als Armer zu Armen, und das spüren seine Zuhörer. Er theoretisiert nicht über die Armut, sondern er kennt sie aus eigener Erfahrung. Und das macht seine Worte glaubwürdig; tröstend für die Armen, aber geradezu bedrohlich für die Reichen.

Warum aber schleudert er so harte Worte gegen die Reichen und die mit den satten Bäuchen? Hat er etwas gegen sie? Bevorzugt nun auch er eine bestimmte Menschengruppe und grenzt andere, hier eben die Reichen, einfach aus? Nein, sicher hat Jesus nichts gegen die Reichen als solche. Wohl aber sieht er die Gefahr, in der sie stehen: nämlich für Besitz, Geld, Macht, Prestige usw. ihr Leben zu verplempern, ja ihre Seele zu verkaufen.

Und so will ich einmal versuchen durchzubuchstabieren, was Jesus mit seinen Seligpreisungen und Weherufen in einem tieferen Sinn wohl gemeint hat.
Da ist zunächst einmal die Frage: Welche Reichen, welche Art von Reichen meint Jesus überhaupt? Müssen auch wir uns angesprochen fühlen?

Ohne Zweifel leben wir alle im Vergleich zu mehr als vier Fünftel der Erdbevölkerung geradezu im Luxus. Es fängt mit Kinderarbeit an. In weiten Teilen der Erde müssen schon Kinder und Jugendliche für den Unterhalt der Familie härteste Arbeit leisten, um für sich und die Familie auch nur das Lebensnotwendigste zu verdienen. Das raubt ihnen jede Chance, eine ganz normale Kindheit haben zu dürfen, geschweige denn eine gute Schulbildung für eine aussichtsreiche Zukunft. Unzählige wissen nicht, ob sie am nächsten Tag überhaupt etwas zu essen haben werden. Der gerade in den Kinos anlaufende Film „Capernaum – Stadt der Hoffnung“, der in den Elendsvierteln Beiruts spielt und in dem die libanesische Regisseurin Nadine Labakis die Armut und Verlorenheit unzähliger Kinder am Beispiel des 12-jährigen Zain beschreibt, führt eindrücklich die herzzerreißende Not von Millionen von Kindern, Jugendlichen, aber auch der in diesem Film angeklagten Erwachsenen vor Augen. Auch durchs Fernsehen wird die unsägliche Not überall in der Welt täglich bis in unsere Wohnzimmer getragen.

Aber wir? Wie gehen wir oft auch nur mit Lebensmitteln um? Millionen von Tonnen, die täglich in den Mülleimern unserer Wohlstandsgesellschaft landen. Für welchen Plunder werden Unsummen ausgegeben? Und mancher kommt sich vielleicht noch großzügig vor, wenn er gelegentlich ein paar Euro spendet.

Mit Sicherheit missgönnt es Jesus uns nicht, wenn wir Geld für uns selbst ausgeben, für etwas, das uns Freude bereitet. Aber wenn es in keinem Verhältnis mehr steht zum Elend in der Welt und der Not, die wir damit lindern könnten – und es nicht tun, weil wir keine Augen und kein Herz, kein mit vollen Händen austeilendes Herz für die Amen haben, dann trifft auch uns das Wehe des heutigen Evangeliums. Ich denke, ein ernstes, ein bedenkenswertes Wort für einen jeden von uns.

Nun zu den Satten. Wir alle sind satt, leiden keinen Hunger, kennen es nicht einmal, was es heißt, wirklich Hunger zu haben. Wer einen satten Bauch hat, wessen Bedürfnisse befriedigt sind, der verliert nicht nur leicht den Blick für die Armen, sondern oft auch den Auf-Blick zu Gott. Wozu benötige ich noch Gott? Ich habe doch alles! Gott ist etwas für die, die ihr Leben nicht wirklich auf die Reihe bringen. Ich komme selber klar. Gott kann abdanken.

Doch die Erfahrung lehrt: Wo der Hunger des Leibes gesättigt ist, ist noch lange nicht der Hunger unserer Seele gestillt. Wie recht hat Jesus: Wehe euch, ihr Satten, denn ihr werdet hungern – hungern an eurer Seele. Die Sattheit in unserem Land und die Gottvergessenheit so vieler unter uns gehen Hand in Hand. Viele hungern nach Gott – und wissen es gar nicht, betäuben daher diesen Hunger mit allen möglichen Ersatzbefriedigungen, die leicht zu Ersatzreligionen werden.

Der Weheruf Jesu über die Satten will eine Mahnung an uns alle sein, eine Mahnung, den Hunger, die Sehnsucht nach Gott in uns wachzuhalten und ihm, Jesus, daher auch entsprechenden Raum in unserem Leben zu gewähren.

Damit sind wir nun aber schon bei einer der Seligpreisungen. Selig sind in den Augen Jesu eben die, die – vielleicht gerade, weil sie Entbehrungen erleiden müssen – diesen Hunger nach Gott, nach einem Leben mit Gott in sich lebendig erhalten.

In selig zu preisender Armut kann dabei durchaus auch der Reiche leben, der sich freiwillig arm macht: dem das Geld nicht wie Pech an den Händen klebt, um es hauptsächlich für sich auszugeben, sondern der es teilen und austeilen kann, um damit oft himmelschreiende Not zu lindern. Selig ist der, der Zeit und anderes herzugeben vermag für andere. Selig ist der, der sich vor allem vor Gott arm weiß. Der weiß: ein Leben ohne Gott droht armselig zu werden, weil verglichen mit ihm alles andere wertlose Billigware ist. Aber durch Gott gewinnt mein Leben und alles, was dazugehört, erst seinen wahren Reichtum.

„Selig die Armen, denn ihnen gehört das Reich Gottes. Selig die Hungernden, denn sie werden gesättigt werden.“ Das Lebensprogramm Jesu ist nichts für Mitläufer, Angepasste, Feiglinge, nur auf ihr eigenes Wohl Bedachte. Es erfordert Mut und die Bereitschaft zu einem alternativen Leben, zu einem Leben, bei dem der Maßstab eben nicht ist, zu tun, was „man“ tut oder was alle tun und haben, sondern wo jemand bereit ist, auch gegen den Strom zu schwimmen, mit Gott, für die Mitmenschen.

Das wünsche ich uns allen: dass uns die Frage nach Gott und nach Jesus nicht mehr loslässt und dass auch zu uns Gott einmal wird sagen können: Selig seid ihr durch euer Leben, durch die Art eures Lebens; euch gehört das Reich Gottes, jenes Reich, in dem aller Hunger einst gestillt sein wird.

 

Pfr. Bodo Windolf
 
 
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