15. Sonntag im Jahreskreis (C)

Predigtimpuls

Mitgefühl kultivieren

1. Lesung: Dtn 30,10-14
Zwischengesang: www.antwortpsalm.de
2. Lesung: Kol 1,15-20
Evangelium: Lk 10,25-37

Mitgefühl
Menschen haben eine wunderbare Eigenschaft, nämlich Mitgefühl. Unser Mitgefühl wirkt am stärksten gegenüber Menschen, die uns nahe stehen. So empfinden Eltern zum Beispiel einen großen Schmerz, wenn eines ihrer Kinder einen Arm gebrochen hat. Würde sich dagegen ein entfernt Verwandter den Arm brechen, wäre der Schmerz geringer. Heute kann man dies sogar wissenschaftlich nachweisen. Beim Beobachten von Schmerzen anderer werden im Gehirn die gleichen Bereiche aktiviert, die für die eigenen Schmerzen verantwortlich sind. Das heißt: beobachten wir Schmerzen bei anderen, empfinden wir fast so, als würden wir selber Schmerz empfinden. Ähnliches gilt nicht nur für Schmerzen, sondern auch für Freude. Andere können uns mit ihrer Freude anstecken. Entwaffnend und aufmunternd wirkt das Lachen von Kindern auf uns – es ist einfach ansteckend. Auch andere Gefühle wie Angst oder Wut können so übertragen werden.

Trifft man auf einen Menschen, der Mitgefühl für einen hat, wirkt er sympathisch, und man vertraut ihm leichter. So ist das Mitgefühl Grundlage aller menschlichen Beziehungen. Durch das Mitgefühl knüpfen wir Beziehungen aller Art. Ohne dieses Mitgefühl gäbe es keine Familien, keine Ehepaare, keine Freunde.

Zu dem Mitgefühl kommt noch eine zweite wunderbare Eigenschaft der Menschen. Sie können sich gedanklich in andere hineinversetzen. Wir fragen uns: „Was bewegt den anderen gerade? Was möchte er sagen?“ Manchmal irren wir uns dabei, aber nicht selten liegen wir richtig, vor allem bei Menschen, die wir gut kennen. Auch diese Eigenschaft ist sehr wichtig, vor allem für Eltern, die ihre Kinder verstehen wollen, und für Ehepartner, die Verständnis füreinander haben möchten.

Barmherzigkeit
Diese beiden Eigenschaften: Mitgefühl und Verständnis, verbinden uns mit anderen Menschen. Und gleichzeitig sind sie die Grundlage für Barmherzigkeit, die uns heute das Evangelium nahebringt. Der Samariter hatte Mitgefühl und konnte sich denken, wie es dem Schwerverletzten am Wegrand ging. Das war der Ausgangspunkt, ihm zu helfen. Dazu hatte er auch Mut, dem Verletzten zu helfen, und er war großzügig, denn er opferte seine Zeit und zahlte für den Verletzten die Unterkunft.

Sich von Not berühren lassen
Bevor der Samariter vorbeikam, gingen ein Priester und Levit vorbei und halfen nicht! Wie kam es dazu? Hatten sie kein Mitgefühl? Konnten sie sich nicht denken, wie es dem Verletzten ging? Die Zuhörer Jesu wussten damals, dass der Priester sich entweiht hätte, wenn er den Schwerverletzten berührt hätte und dieser gestorben wäre. Denn jüdische Priester dürfen keine fremden Toten berühren. Offenbar war ihm die eigene kultische Reinheit wichtiger, als dem Menschen in Not zu helfen. Er ging vorbei, um rein zu bleiben. Für Jesus ist jeder Mensch in Not der Nächste. Und ein Mensch, der „halbtot“ am Wegrand liegt, braucht Hilfe. Das alleine zählt. Das ist die eine Aussage, die Jesus im Beispiel an alle richtet.

Blockiertes Mitgefühl
Die zweite Aussage ist, dass Mitgefühl sehr leicht blockiert werden kann. Einfach an einem Menschen, der halbtot daliegt, vorbeigehen, kommt einer Missachtung gleich. Und dies ist ein sehr aktuelles Thema. Bei Autounfällen auf der Straße beklagen die Hilfskräfte, dass Gaffer mit ihrem Handy filmen. Das Motiv für das Filmen scheint zu sein: sich selbst mit dem Unfall in Szene zu setzen und sich wichtig zu machen. Und man fragt sich: „Haben die Gaffer kein Mitleid mit den Verletzten?“

Das Mitgefühl für andere wird leicht durch Gier, Angst oder Wut blockiert. Deshalb haben wir eine große Verantwortung dafür, dass wir unser Mitgefühl für andere bewahren. Manchmal scheint es erst gar nicht entwickelt worden zu sein. Es wäre wichtig, Mitgefühl schon in der Schule zu trainieren. Denn wird das Mitgefühl nicht entwickelt oder blockiert, kommt es durch Wut oder Angst zu üblem Streit. Letztlich führt es auch zum Krieg.

Es ist ein weltweites tägliches Drama, dass Mitgefühl auf vielfältige Weise blockiert wird. Es beginnt oft recht harmlos und populistische Parteien zum Beispiel nutzen dies aus. Sie schüren in den Menschen natürliche Unsicherheiten vor Fremden. Man baut Feindbilder auf und macht so Flüchtlinge zu gefährlichen Feinden, mit denen man nichts mehr zu tun haben will. Durch die so erzeugten Ängste empfindet man nicht mehr den Schmerz und das Elend, das diese Menschen durchmachen. Auf diese Weise werden Menschen manipuliert: mit Feindbildern, Ängsten und Wut.

Auch die Gier nach mehr betäubt das Mitgefühl für andere. So nutzen skrupellose Reiche Arme hemmungslos aus, weil sie sich von ihrer Gier nach mehr Macht und Besitz bestimmen lassen und kein Mitgefühl mehr haben. Das gilt für jede Art von Gier. Die Gier nach sexueller Befriedigung treibt Menschen dazu, andere zu versklaven und nichts für sie zu empfinden. Die Gier nach immer mehr Ansehen schneidet die Menschen ab vom Mitgefühl für ihre Konkurrenten und macht sie zu rücksichtslosen Kämpfern.

So könnte man eine fast endlose Liste von Problemen in unserem menschlichen Zusammenleben aufzählen. Sie zeigt, wie leicht das Mitgefühl für andere blockiert wird und wie sehr wir eine Kultur des Mitgefühls benötigen; das heißt, wie wichtig es ist, Mitgefühl und Verständnis zu trainieren.

Egozentrische Gefühle wie Angst, Wut, Ekel oder Gier blockieren das Mitgefühl für andere Menschen. Deshalb ist es so wichtig, das Mitgefühl zu bewahren, es zu kultivieren und es wieder aufzubauen, wo es verloren ging. Davon hängt die Zukunft eines menschenwürdigen Zusammenlebens ab.

 

P. Oliver Heck SVD
 
 
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