11. Sonntag im Jahreskreis (B)

Predigtimpuls

Beharrlich Hoffnung säen

Erste Lesung: Ez 17,22-24
Zweite Lesung: 2Kor 5,6-10
Evangelium: Mk 4,26-34

Ganz schön doof – der Mann aus der Geschichte, die wir eingangs gehört haben.
Ganz schön doof – vielleicht auch der Sämann aus dem Evangelium?
Ganz schön doof, dass der Mann Senfkörner sät, so kleine Dinger, die noch dazu nicht allzu schnell wachsen. So wirklich schnell stellt sich da kein sichtbarer Erfolg ein. Da muss man ganz schön geduldig sein.

Gar nicht doof ist auf jeden Fall Markus, der uns die Geschichte vom Sämann erzählt – im Gegenteil. Neuere Untersuchungen laden uns ein, mit neuen Augen auf das kürzeste der Evangelien zu schauen. Mein erster Chef war ein toller Pfarrer und Seelsorger, aber – und daraus machte er kein Geheimnis – nicht unbedingt ein Meister des Wortes. Und so pflegte er immer wieder zu sagen: „Der Markus ist mein Lieblingsevangelist. Der hätte auch eine Fünf in Deutsch bekommen.“ In der Tat kann man beim ersten Hinschauen oder Hinhören den Eindruck gewinnen, dass Markus nicht der große Schreiber war im Vergleich mit den anderen synoptischen Evangelisten Matthäus und Lukas. Die neuen Erkenntnisse besagen aber, dass Markus ganz schön gewieft und eben gar nicht doof war. Denn er ist in seinem Evangelium ganz schön geschickt mit Sprache und Formulierungen umgegangen. Er hat mit weniger Worten als Matthäus und erst recht als Lukas klar und kompromisslos die Frohe Botschaft verkündet. Man geht davon aus, dass Markus sein Evangelium in Rom verfasst hat. Stellen wir uns das nur einmal vor: Umgeben von römischem Götter- und Kaiserkult, die beide ja eng miteinander verbunden waren, schreibt Markus. Eigentlich waren das ja für christliches Leben und christliche Verkündigung denkbar schlechte Rahmenbedingungen. Markus lässt sich davon aber nicht abschrecken. Er schreibt sein Evangelium. Und irgendwie kommt er mir vor wie der Sämann, von dem er schreibt. Er sät das Wort vom Reich Gottes. Und er tut das ganz zuversichtlich. Und dann wartet er. Er muss sich gedulden. Es sind nicht viele, die sich interessieren für das Saatgut des Markus. Zwölf, vielleicht zwanzig Menschen gehörten zu einer christlichen Urgemeinde. Bis da was Großes werden konnte aus der Botschaft vom Reich Gottes, brauchte es viel Zeit und viel Geduld. Markus war wirklich nicht doof – er wusste das und er wusste, dass es keinen Sinn hatte, mit der Brechstange vorzugehen – genauso wenig wie es Sinn gehabt hätte, gar nicht zu säen, weil es eh zu lange dauern würde, bis sich das Evangelium „auf breiter Front“ durchsetzen würde. Und noch etwas wusste er: Gott, der Herr, ist mit ihm im Bund.

Rufen wir uns noch einmal die Worte des Propheten Ezechiel in Erinnerung, die wir in der ersten Lesung gehört haben. Israel ist ein Volk ohne Hoffnung – Jerusalem erobert, der Tempel zerstört, die meisten in Babylonischer Gefangenschaft. Aber Gott kann und wird das Schicksal seines Volkes wenden: Ein Zedernspross, gepflanzt von seiner Hand, wächst auf Israels Bergen. Vögel nisten in seinen Zweigen. Kleines wird groß und Hohes niedrig. Der Herr hat gesprochen und der Herr führt es aus. Denn er ist verlässlich.

Mitten in der Fremde, in Rom, weiß das auch Markus. Er muss das Seine tun – das Wort Gottes, die Botschaft vom Reich Gottes aussäen, ganz geduldig und ohne sich verwirren zu lassen. Aus Kleinem kann was Großes werden. Gar nicht doof, dieser Plan, oder? Kann er auch gar nicht sein, denn es ist ein göttlicher Plan, der Heilsplan Gottes. Alle Gleichnisse im Markusevangelium haben nur das eine Thema: das Kommen des Reiches Gottes. In ihm und mit ihm erwartet uns das Heil in Vollendung.

Das aber ist eben der entscheidende Punkt: Im Reich Gottes erwartet uns das Heil in Vollendung, eine Ahnung davon gilt es bereits im Hier und Heute zu vermitteln, quasi das Heil im Kleinen. Immer wieder singen wir vom „kleinen Senfkorn Hoffnung“, das uns geschenkt ist – Sinnbild für das Heil, das uns geschenkt ist. An uns ist es, es zu verbreiten, zu teilen, mitzuteilen, ganz geduldig und beharrlich. Mag sein, dass der eine oder die andere jetzt denkt: Einen besseren Plan gibt es nicht? Was ist denn in zweitausend Jahren geworden, was hat sich denn getan durch uns, dadurch, dass Du und Sie, Ihr und wir das Evangelium verkünden? Noch immer leben Menschen in Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit, leben Menschen in Streit und Hass, haben Menschen Angst vor der Zukunft, sind Menschen einsam, verzweifelt, krank an Leib und Seele. Das ist sicher nicht zu leugnen, in diesen Zeiten vielleicht weniger als Jahrzehnte lang zuvor. Es gibt halt noch viele Senfkörner, die gesät und gepflanzt werden müssen, geduldig und beharrlich. Da ist noch ein Lied, an das ich in diesem Zusammenhang denken muss. Darin heißt es:

Gott gab uns Atem, damit wir leben. Er gab uns Augen, dass wir uns sehn. Gott hat uns diese Erde gegeben, dass wir auf ihr die Zeit bestehn. Gott hat uns diese Erde gegeben, dass wir auf ihr die Zeit bestehn.
Gott gab uns Ohren, damit wir hören. Er gab uns Worte, dass wir verstehn. Gott will nicht diese Erde zerstören. Er schuf sie gut, er schuf sie schön. Gott will nicht diese Erde zerstören. Er schuf sie gut, er schuf sie schön.
Gott gab uns Hände, damit wir handeln. Er gab uns Füße, dass wir fest stehn. Gott will mit uns die Erde verwandeln. Wir können neu ins Leben gehn. Gott will mit uns die Erde verwandeln. Wir können neu ins Leben gehn.

So poetisch hätte es Markus wohl nicht ausgedrückt, aber seine Botschaft und die Lieddichters ist die gleiche: Schaut drauf und tut, was Euch möglich ist, damit das Reich Gottes immer mehr Raum gewinnt. Für mich klingt das alles andere als doof. Ich halte das für eine wirklich gute Idee.
Und deshalb wünsche ich Ihnen und uns, dass wir uns nicht irre machen lassen, gerade wenn wir das Gefühl, dass es nur sehr zäh, zu zäh vorangeht mit dem Reich Gottes.

Ich wünsche uns, dass wir weiter mutig, zuversichtlich und beharrlich Hoffnung säen, Hoffnung pflanzen als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Heilsplan Gottes.

Und ich wünsche uns bei alledem das Vertrauen, dass das schon wird mit dem Reich Gottes, so sicher, wie aus dem kleinen Senfkorn ein großer Baum wird. Der Herr hat es versprochen und der Herr führt es aus.

 

Maria Gleißl, Pastoralreferentin
 
 
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