17. Sonntag im Jahreskreis (B)

Predigtimpuls

Brotvermehrung und Teilung

1. Lesung: 2Kön 4,42-44
2. Lesung: Eph 4,1-6
Evangelium: Joh 6,1-15

Die Geschichten der Brotvermehrung machen heute bei uns keinen großen Eindruck. Gott sei Dank, wir haben genug zu essen und seit langer Zeit haben wir keinen Hunger erfahren müssen. Für viele junge Leute ist Essensmangel vermutlich unvorstellbar – es gibt immer etwas zu essen; dazu die große Auswahl – ich kann entscheiden, was ich heute essen möchte.

Für viele Leute auf der Erde ist die Lage ganz anders. Die Frage: finde ich heute und morgen etwas zu essen?, ist fast die wichtigste Frage.

Unsere Nahrungssicherheit hat das Hungerproblem für viele Menschen in der westlichen Hemisphäre gelöst, hat aber auch neue Probleme gebracht: */ zunehmend ist unsere Nahrung künstlich und genetisch modifiziert trotz des „Bio“-Booms; **/ wir werfen unglaubliche Mengen an Nahrungsmitteln weg; ***/ wir sind weniger dankbar für das Essen, weil wir „um genug zu essen zu haben“ als unser selbstverständliches Recht ansehen.

Dazu haben wir den Eindruck, dass wir das Essen für uns selbst besorgt haben – wir haben dafür gearbeitet und bezahlt. Also: wem sollte ich dafür dankbar sein? „Die Menschheit“ hat es geschafft.

Nachdem wir die Nahrungssicherheit in den Industrienationen erfolgreich erreichen haben, haben wir mit dem Gefühl der Dankbarkeit auch Gott aus dem Blick verloren (manchmal auch eliminiert). Die Gedanken, dass uns alles möglich ist und dass wir unsere Welt kontrollieren, sind uns nicht fremd.
Dann kommen Katastrophen und Missernten in verschiedenen Regionen der Welt, aus denen wir Nahrungsmittel importieren, und wir merken, dass so viele Sachen nicht selbstverständlich sind und die Preise steigen.

Der Geist (oder die Haltung) der Dankbarkeit bedeutet nicht, dass ich mich komplett auf Gott verlassen soll.

Das heutige Evangelium spricht von der Balance – „ich tue meinen Teil und dann verlasse ich mich auf Gott“.

Bei den Jüngern Jesu sehen wir auch unterschiedliche Haltungen:
Philippus nimmt nur die menschliche Perspektive ein: „Was wir haben (oder haben könnten), ist nicht genug für alle. Es reicht nicht. Wir können nichts machen, um den anderen zu helfen. Punkt.“

Andreas vertritt ebenfalls die menschliche Sicht, aber begrenzt sie nicht so radikal, er lässt sie offen: „Wir haben ein bisschen, aber es ist zu wenig für diese Menge, die hier versammelt ist.“

Dann kommt die göttliche Perspektive: „Verteilt was ihr habt…“
„Teilen“ bedeutet nicht unbedingt „abgeben“.

In ihrem Buch Wie ein Gebet sei mein Leben (Patmos Verlag 2020, S. 148-150) hat Andrea Schwarz einem Text über „Teilung“ geschrieben. Dort lesen wir
„Das, was ich habe, davon kann ich abgeben, das kann ich teilen. Teilen aber heißt: Ich gebe nicht alles her. Ich behalte etwas für mich. Und das darf so sein.
Der heilige Martin hat es uns vorgemacht. Er hat seinen Mantel geteilt, hat die eine Hälfte dem Bettler gegeben, aber die andere für sich behalten. Und auch Jesus sagt: ‚Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat‘ [Lk 3, 11].
Das gilt übrigens nicht nur für Geld oder materielle Dinge, sondern auch für die Zeit. Ich brauche nicht alle meine Zeit anderen und anderem zu geben, sondern darf auch etwas davon für mich behalten. Und was ich damit tue, darüber bin ich niemandem Rechenschaft schuldig. Es ist einfach ‚meine Zeit‘. […] Manchmal vergesse ich, dass ich auch Zeit für mich brauche.
Eigentlich
ist es
ganz anders
Gott will nichts von uns
was wir nicht können
nicht haben
nicht sind
er will dass wir das
was er uns gegeben hat
im Überfluss gegeben hat
weitergeben
dass wir von dem abgeben
was wir können
was wir haben
was wir sind.
Wir brauchen nicht alles herzugeben, aber wir sollen auch nicht alles nur für uns selbst behalten. Wichtig und entscheidend ist wohl die Haltung, aus der heraus ich etwas gebe oder behalte. Besitze ich etwas – oder besitzt es mich? Brauche ich das „Haben“, um mich abzusichern? Und wie teile ich – aus Pflichtgefühl? Und gebe ich mit dem Brot auch die Rosen? […]
[Denken] Sie doch einfach mal [an] Ihre „Reichtümer“: Woran sind Sie reich? Zeit, Liebe, Sehnsucht, Humor, Optimismus? Was können Sie gut? Backen, organisieren, zuhören, tanzen, schreinern? Und glauben Sie sich selbst nicht, wenn Sie meinen, Sie hätten keine Reichtümer… Und wie könnten Sie andere daran teilhaben lassen?“

 

P. Dr. Stanislaus Grodź SVD
 
 
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