Merkmale der Religionen

Glaubensserie

Alle Religionen haben bei aller Verschiedenheit doch viel und mehr gemein,

Alle Religionen haben bei aller Verschiedenheit doch viel und mehr gemein, als man gemeinhin meint. Alle Religionen kennen heilige Orte: Mekka, Rom, Jerusalem, an denen Gläubige zusammenkommen, um ihren Glauben zu erneuern, zu vertiefen und ihr Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken. Eine Religion, die sich nicht verwurzelt, ist nicht lebensfähig. Alle Religionen kennen heilige Schriften: die Bibel, die Bagvagita, den Koran, in denen ihre Erfahrungen, ihre Einsichten und Verirrungen, auf ihrem Weg zu Gott festgehalten sind, damit alle Suchenden Orientierung finden. Alle Religionen verehren heilige Personen: Jesus, Buddha oder Mohamed, und die Menschen, die in einer besonderen Nähe zu Gott standen und durch ihre Lebensweise überzeugten. Alle Religionen kennen heilige Zeichen: sich umarmen, sich bekreuzigen, sich verbeugen, niederknien, weil der Mensch seine Ehrfurcht, seine Bußgesinnung, seine Opfer- und Versöhnungsbereitschaft zum Ausdruck bringen möchte. Alle Religionen kennen heilige Zeiten: Zeiten des Fastens und Gebetes, damit die Beziehung zu Gott lebendig bleibt und die Erinnerung an die Geschichte ihrer Glaubensgemeinschaft nicht in Vergessenheit gerät. 

Die Religionen gleichen Flüssen, die alle dem Meer zuströmen. Sie verfolgen letztlich das eine große Ziel: Wege aufzuzeigen, wie der Mensch Gott erkennen, finden und ihm näher kommen kann. Aber die Religionen sind auch so verschieden wie eben Flüsse verschieden sind. Es gibt die Flüsse, die sich in vielen Windungen und träge durch die Landschaft schlängeln; die Flüsse mit vielen Nebenarmen und die Flüsse, die über die Ufer treten oder irgendwo versanden. Es gibt die fischreichen, die verschmutzten und die flachen Wasser ohne Tiefgang, in denen man sich kaum fortbewegen kann, die Flüsse mit den Strudelbildungen, die reißenden Ströme und die Flüsse, die erst nach dem Zusammenfluss mit einem anderen Fluss ins Meer einmünden. Die Frage nach der besten Religion ist so schwer beantwortbar wie die Frage nach dem besten Fluss. Ist es der Fluss, an dessen Ufern sich die meisten Wasservögel niederlassen; der Fluss mit den größten Wassermassen; mit der stärksten Strömung; dem reichsten Fischbestand oder der Fluss, den man mit den schwersten Lastschiffen befahren kann? Und welche ist die beste Religion? Die mit den strengsten Vorschriften, die die ausgefeilteste Theologie vorweisen kann, in der man die meisten Opfer bringt? – Es ist wohl die Religion, die den Menschen auf seinem Weg zu Gott voranbringt und aus ihm auch einen besseren Menschen macht. 


P. Walter Rupp, SJ