Umfrageergebnis

Glaubensserie

Bei einer Umfrage, bei der zwanzig namhafte deutsche Schriftsteller gefragt wurden, was sie vom Christentum halten,...

Bei einer Umfrage, bei der zwanzig namhafte deutsche Schriftsteller gefragt wurden, was sie vom Christentum halten, ging Heinrich Böll, der sich gern als kritischer Katholik bezeichnete, dem Gedanken nach, wie diese Welt aussähe, hätte sich die nackte Walze einer Geschichte ohne Christus über sie hinweg geschoben. Er nennt die Vorstellung einer heidnischen Welt, in der konsequent Gottlosigkeit praktiziert würde, einen Alptraum und äußert den kühnen Satz: „Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen.“ Als Begründung fügte er bei: „weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache, und mehr noch als Raum gab es für sie Liebe, für die, die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen.“

Böll wollte mit dieser Äußerung die nichtchristlichen Religionen gewiss nicht abwerten und auch nicht zum Ausdruck bringen, dass er die Heiden für die schlechteren und die Christen für die besseren Menschen hält. Es geht nicht um einen Vergleich von Menschen. Man kann nicht leugnen, dass die Christen im Laufe der Geschichte oft versagten. Aber man muss dennoch anerkennen, dass das Christentum eine neue Weltsicht brachte und bis heute eine neue Einstellung zum Menschen verlangt. Während in allen nichtchristlichen Religionen Leid als Folge einer Schuld, ja letztlich als Strafe Gottes gedeutet wird, macht das Christentum – gerade am Leben Jesu – deutlich, dass Leid auch Schuldlose treffen kann. Wo der Leidende als ein von Gott Gezeichneter gesehen wird, wird sich der Mensch das Recht nehmen, ihn aus der menschlichen Gemeinschaft auszustoßen. 

Das Christentum hat mit dieser Denkweise Schluss gemacht und ein für alle Mal klargestellt, dass der Mensch in jedem, auch dem leidenden oder schuldig gewordenen Menschen Gott sehen und sich an ihm bewähren soll. Diese Sichtweise macht Hilfsbereitschaft und Barmherzigkeit erst möglich und gibt für die Hinwendung zum Nächsten ein starkes und wichtiges Motiv.


P. Walter Rupp, SJ