Das Menschenbild

Glaubensserie

Noch immer weiß der Mensch - trotz einer hoch entwickelten Psychologie - nicht viel vom Menschen.

Die Philosophie des Altertums war pessimistisch. Die Ilias stellt fest, dass es nichts Elenderes gibt als den Menschen. Und Hesiod: Es sei das Beste, nicht geboren zu sein, oder, wenn schon geboren, dann bald wieder von hinnen zu gehen. Thales von Milet erklärte, dass er aus Liebe zu den Kindern unverheiratet bleibe. Der Komödiendichter Meander hielt den am glücklichsten, wer den Jahrmarkt des Lebens verlässt. Er riet seinen Mitbürgern: Wenn ein Gott dir nach dem Tod ein neues Leben verspräche, solltest du dir wünschen, selbst ein Esel zu werden, nur nicht wieder ein Mensch. 

Noch immer weiß der Mensch - trotz einer hoch entwickelten Psychologie - nicht viel vom Menschen. Die Chemiker sehen in ihm das Produkt aus einem Dutzend Chemikalien, die Biologen - wegen seiner verkümmerten Instinkte – das hilfloseste aller Lebewesen, und die Nationalökonomen schätzen sein Werteschaffen im Laufe seines Lebens - abzüglich der hohen Aufzuchtkosten – auf circa 100.000 Euro. 

Der Mensch ist ‘weder Tier noch Engel’, oder beides zugleich; das einzige Wesen mit der Fähigkeit zu lachen - von der er allerdings kaum Gebrauch macht – oder ein ‘durch Geist wahnsinnig gewordener Raub-Affe’. Mancher postmoderne Denker meint, dass eine Neuschöpfung für Gott leichter sei als der Versuch, ihn von seinen Mängeln zu befreien. 

Die modernen Romane kennen den Helden, der das Leben gegen alle Widerstände meistert, nicht mehr, nur den Schlafzimmerhelden, der mit seinen Amouren protzt. Die modernen Medien halten ihn für einen Schuft, der etwas zu verbergen hat. Und die Spötter betrachten ihn als das Wirbeltier mit dem biegsamsten Rückgrat, als das genügsamste Lebewesen, das ein Leben lang mit nur wenigen Gedanken auskommt. Die Politiker schätzen ihn vor allem, weil er sich vorzüglich als Wählerstimme eignet.

Kaum einer ist noch von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen überzeugt. Dieses Bild wurde ausgetauscht gegen das Bild vom mühsam domestizierten Wilden, dem es noch immer nicht gelingen will, seine animalischen Züge abzustreifen. Der Mensch hält nicht viel vom Menschen. Nur die Bibel hält an der Aussage, dass er ein Tempel des Heiligen Geistes ist, unverdrossen fest.


P. Walter Rupp, SJ