29.01.2019 | zu Jesaja 7,9

„Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht“

Wird es der Mensch schaffen, nicht mehr seine Ängste zu bedienen, sondern im Vertrauen auf das Größere Ganze das Wohl der Gemeinschaft in den Blick zu nehmen?

Arbeitsdruck und Stress legen sich in Verspannungen an Schultern und Nacken ab. 
Arbeitsdruck und Stress legen sich in Verspannungen an Schultern und Nacken ab.

Wer hier immer einmal wieder vorbeischaut und das Bibelwort liest, wird festgestellt haben, das in letzter Zeit kein Neues zu finden war. Wie soll man sagen, ich habe vielleicht gerade eine Inspirationspause. Und wie ich auch hin- und herüberlege, ich kann mir keines aus den Fingern ziehen, wenn nicht ein klarer Impuls, eine spannende Idee da ist. Vielleicht ist es einfach auch einmal gut, zu dieser Tatsache zu stehen und Demut zu üben. Das ist ja, was mir und sicher den meisten Menschen immer am schwersten fällt, die Begrenzung und die Schwachheit auszuhalten, sie nicht zu überspielen, zu vertuschen oder auf Situationen abzuwälzen.

Wenn dem also gerade so ist, so möchte ich doch mit Ihnen zwei Texte teilen, die mir dieser Tage zugeflogen sind. Der eine kam mir über eine Whatsapp-Nachricht von einem Mitbruder zu, den anderen habe ich in dem Buch gefunden, das ich gerade am Morgen oder am Abend lese. 

Hier der erste Text: 

„Der Dalai Lama wurde gefragt, was ihn am meisten überrascht.
Er sagte: Der Mensch, denn er opfert seine Gesundheit, um Geld zu machen.
Dann opfert er sein Geld, um seine Gesundheit wieder zu erlangen.
Und dann ist er so ängstlich wegen der Zukunft, dass er die Gegenwart nicht genießt;
das Resultat ist, dass er nicht in der Gegenwart lebt;
er lebt, als würde er nie sterben, und dann stirbt er, und hat nie wirklich gelebt.“

Ich finde, das ist eine sehr weise und zugleich überraschende Antwort auf die gestellte Frage. Was würden Sie auf die Frage antworten, wenn jemand Sie fragen würde, was Sie am meisten überrascht? Ich würde antworten: Mich überrascht sehr, dass Gott diese Welt geschaffen hat und dass es trotzdem für den Menschen so schwierig ist, zu ihm zu finden. Natürlich kann man auch viel banalere Sachen antworten, z.B.: Mich überrascht, wie ein Präsident, der nachgewiesenermaßen am Tag mehrere Lügen verbreitet, weiter Präsident bleiben kann. Oder: Mich überrascht immer wieder, wie Mütter das hinbekommen, wenn sie mit Kinderwagen und ein, zwei weiteren Kindern einkaufen gehen, mit der U-Bahn fahren und das alles, ohne die Nerven zu verlieren.

Zurück zur Antwort vom Dalai Lama. Da steckt eine gehörige Portion Gesellschaftskritik an unserem ganzen westlichen Lebensstil drin. Unter dem Aspekt der Achtsamkeit, der ja zumindest als spirituelle Modeerscheinung vom Buddhismus in unsere Sphären Eingang gefunden hat, leben wir Westler wohl die meiste Zeit nicht im Hier und Jetzt. Wir lassen uns ständig antreiben von Zielen, die uns zu Mehr, zu Besser und Weiter führen sollen. Ja, und deshalb leben wir wohl wirklich wenig in der Gegenwart. 

Gravierend sichtbar wird das an der Umwelt, die wir für unsere Ziele ausbeuten. Sie meldet es uns inzwischen immer deutlicher zurück. Doch wir haben offensichtlich immer noch nicht verstanden, dass dieser für uns gestaltete Lebensraum auch geachtet werden will und unseren Respekt braucht. Das setzt sich fort in der Ausbeutung und Instrumentalisierung des Menschen selbst. In immer schneller getakteten Arbeitszyklen muss der Mensch volle Leistung geben, sonst ist er für die Wirtschaft nichts mehr wert. So greifen Menschen immer häufiger zu Aufputschmitteln und leistungssteigernden Stoffen, damit sie liefern können, was gefordert ist. Doch das hat seinen Preis. Auch der Mensch ist ein Stück Natur, und die Natur lässt sich nicht einfach nach den Erfordernissen von Wirtschaftswachstum und Profilierungsdruck in Form pressen.

Tolles Plakat bei einer Demonstration: „Wenn das Klima eine Bank wäre, wäre es schon gerettet worden.“ 
Tolles Plakat bei einer Demonstration: „Wenn das Klima eine Bank wäre, wäre es schon gerettet worden.“

Und hier passt wunderbar der zweite Text, auf den ich stieß:
Der ehemalige Vorsitzende des Weltrats für erneuerbare Energien Hermann Scheer vergleicht in einem Vortrag „das gängige Ausnutzungsverhalten seiner Zeitgenossen mit einem Menschen, der in ein sehr teures Restaurant geht und dort ohne einen Cent in der Tasche, mit längst überzogenem Konto, ohne Kreditwürdigkeit und daher auch ohne Kreditkarte Austern und Champagner bestellt. Nach dem ersten Gang bestellt er einen zweiten und dann einen dritten Gang. Er hat nicht vor, die Zeche zu prellen, er verfolgt eine andere Strategie: Er hofft auf einen Ausweg aus dem Zahlungsdilemma, indem er in irgendeinem der nächsten Gänge in einer der Austern die Perle findet, mit der er das alles bezahlen wird können.“ (zit. nach: Arnold Mettnitzer. Das Kind in mir. Wien, styria premium, 2012: 56)

Das finde ich einen gelungenen Vergleich, der uns widerspiegelt, wie blauäugig und hilflos wir der Ideologie des Wirtschaftsliberalismus anhängen und uns auch von den deutlichen und immer gefährlicheren Zeichen des Klimawandels nicht zu einer Verhaltensänderung bewegen lassen. Vielleicht finden wir ja doch noch, wenn wir einfach weitermachen, die Auster mit der wertvollen Perle, die unsere ganze Schuld mit einem Mal begleichen kann.

Vom christlichen Standpunkt aus gesehen können wir sagen, diese Perle ist schon lange gefunden: Jesus Christus. Ja, er begleicht unsere Schuld und macht uns frei. Allerdings - und das entspricht natürlich nicht den Erwartungen, des im Nobelrestaurant Sitzenden, der einen Gang nach dem anderen verschlingt - Jesus ruft zur Umkehr auf und führt uns mit seiner Auferstehung zu unserer wirklichen Eigenverantwortung in der Freiheit von Menschenfurcht und falschen Gesellschaftszwängen.

In der Computersprache würde man sagen, der Mensch hat ein Software-Problem. Er braucht dringend ein grundlegendes Update in seiner Programmierung, sonst rennt er sehenden Auges in den selbst herbeigeführten Untergang. Vielleicht ist doch etwas dran an der Botschaft, die Jesus bereits vor 2000 Jahren gepredigt hat. Vielleicht wäre sie die Rettung auch für unser 21. Jahrhundert: Mich weniger um die Absicherung des eigenen kleinen Egos kümmern und mich mehr engagieren für die Menschen um mich herum. Weniger mein Glück von Reichtum und immer neuen Genüssen erwarten und mehr mitbauen am Wohlstand anderer; im dankbaren Lächeln des Gegenübers Glücksmomente verspüren. Nicht mehr den Versprechungen des immer Mehr und immer Besser hinterherlaufen und im Augenblick wahrnehmen, was mir geschenkt wird, es in Dankbarkeit annehmen. 

Papst Franziskus sagt in der Enzyklika Laudato Si (208): „Die Grundhaltung des Sich-selbst-Überschreitens, indem man das abgeschottete Bewusstsein und die Selbstbezogenheit durchbricht, ist die Wurzel aller Achtsamkeit gegenüber den anderen und der Umwelt.“ Unsere Zukunft wird davon abhängen, ob wir diese Botschaft ernst nehmen und den Mut haben, uns dem Mainstream entgegen zu stellen. „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht.“ (Jes 7,9)

Pater Thomas Heck SVD