12.02.2012 | zu Lukas 22,27

Die Sünde des Vergessens

Oder wie ist es sonst zu nennen, wenn die kirchliche Leitung Geist-gewirkte Ereignisse wie das Zweite Vatikanische Konzil der Vergessenheit anheim fallen lässt?

<big>Blick in die vollbesetzte Konzilsaula (Okt. 1962)</big><br>Foto: Life-Archiv auf google.de 
<big>Blick in die vollbesetzte Konzilsaula (Okt. 1962)</big><br>Foto: Life-Archiv auf google.de

Dieser Tage bin ich bei einem Gebetstreffen mit einer Frau ins Gespräch gekommen, die mir von ihren Schwierigkeiten in der Pfarrgemeinde erzählte. Schon seit einigen Jahren hat sie den Vorsitz im Pfarrgemeinderat inne, doch mit dem neuen Pfarrer muss sie erleben, wie der Handlungsspielraum mehr und mehr eingeschränkt wird. Da heißt es immer wieder: „Dazu haben Sie nicht die nötige Kompetenz.“ Einmal kam mehrheitlich der Vorschlag auf, dass bei Messen für Verstorbene deren Namen im Gottesdienst genannt werden sollte. Der Pfarrer hörte sich das an, ohne jedoch Stellung zu beziehen. Als die Vorsitzende nachhakte und meinte, dass er es doch einmal ausprobieren könnte, um dann die Reaktion der Leute zu hören, da sagte er nur: „In der Liturgie ist es nicht erlaubt, etwas ‚auszuprobieren’.“ Umgesetzt hat er den Vorschlag nie.


Ein andermal, als er wieder meinte, dass der Pfarrgemeinderat in einer Sache nicht die nötige Kompetenz hätte, wurde er gefragt, was denn dann die Aufgabe des Rates überhaupt wäre. Darauf konnte er nicht wirklich eine Antwort geben, stammelte nur etwas vor sich hin. Ein nächstes Mal wollte er die Aufgaben des Rates auf die Organisation des Pfarrfestes und die Sammlung der Caritas beschneiden. Das Pfarrfest wäre ja schließlich eine wichtige Veranstaltung im kirchlichen Leben, meinte er.


Diese Erfahrung ist beleibe kein Einzelfall. Ich kann sehr gut verstehen, wenn sich Gläubige in der Kirche nicht ernst genommen fühlen und ihr den Rücken kehren. Hohe Achtung habe ich vor der Pfarrgemeinderatsvorsitzenden, mit der ich gesprochen habe. Trotz aller Versuche des Pfarrers, das gewählte höchste Gremium zur Vertretung der Gläubigen auf Pfarrebene aus der Mitverantwortung für die Seelsorge herauszuhalten und auf Nebenschauplätze zu verbannen, hat sie nicht den Mut sinken lassen und versucht weiter, die Interessen der Gläubigen so einzubringen, wie es eben geht.


In der Diözese Augsburg ist kürzlich bekannt gegeben worden, wie die so genannte „Pastorale Raumplanung 2025“ vor sich gehen soll. Dass etliche Pfarreien zusammengelegt werden, kennt man ja schon. Im gleichen Zug werden aber auch alle von Laien geleiteten Gottesdienste am Wochenende untersagt, damit der Eucharistiefeier die uneingeschränkte Zentralrolle eingeräumt werde. Man kann mithören: …und damit den Priestern. Außerdem soll es statt der Pfarrgemeinderäte künftig einen die zusammengeschlossenen Pfarreien übergreifenden Pastoralrat geben. Der „kleine“ Unterschied ist: Hatte in der bisherigen Struktur der Pfarrgemeinderäte der gewählte Laie den Vorsitz, so steht in der neuen Form des Pastoralrates selbstverständlich der Pfarrer vor. Der Laienvertreter darf jetzt gerade noch die Sitzung moderieren, aber nicht mehr leiten. Die Entscheidung, ob die Laienvertreter wie bisher gewählt werden können oder aber vom Bischof bzw. Pfarrer bestimmt werden, das behält sich der Diözesanrat noch vor. Unter der Hand werden mit der Umstrukturierung also die Möglichkeiten der Laien zur Mitwirkung entscheidend beschnitten.


Man kann sich mit Recht fragen, wohin diese Kirche mit ihren Maßnahmen steuert? Sicher nicht in die Richtung des 2. Vatikanischen Konzils. Vielmehr wird deutlich, dass die dort gewonnene Aufwertung und Mitwirkung von Laien Zug um Zug zurückgeschnitten wird. Dazu zwei Ausschnitte aus Dokumenten, die von 2.498 Konzilsvätern, den repräsentativen Vertretern der ganzen damaligen Kirche, in mehrheitlicher Abstimmung autorisiert wurden:


Aus der Dogmatischen Konstitution über die Kirche (Lumen Gentium, 1964): „37. Die Laien haben wie alle Christgläubigen das Recht, aus den geistlichen Gütern der Kirche, vor allem die Hilfe des Wortes Gottes und der Sakramente, von den geweihten Hirten reichlich zu empfangen. Und ihnen sollen sie ihre Bedürfnisse und Wünsche mit der Freiheit und dem Vertrauen, wie es den Kindern Gottes und den Brüdern in Christus ansteht, eröffnen. Entsprechend dem Wissen, der Zuständigkeit und hervorragenden Stellung, die sie einnehmen, haben sie die Möglichkeit, bisweilen auch die Pflicht, ihre Meinung in dem, was das Wohl der Kirche angeht, zu erklären. Gegebenenfalls soll das durch die dazu von der Kirche festgesetzten Einrichtungen geschehen, immer in Wahrhaftigkeit, Mut und Klugheit, mit Ehrfurcht und Liebe gegenüber denen, die aufgrund ihres geweihten Amtes die Stelle Christi vertreten. …


Die geweihten Hirten aber sollen die Würde und Verantwortung der Laien in der Kirche anerkennen und fördern. Sie sollen gern deren klugen Rat benutzen, ihnen vertrauensvoll Aufgaben im Dienst der Kirche übertragen und ihnen Freiheit und Raum im Handeln lassen, ihnen auch Mut machen, aus eigener Initiative Werke in Angriff zu nehmen. Mit väterlicher Liebe sollen sie Vorhaben, Eingaben und Wünsche, die die Laien vorlegen, aufmerksam in Christus in Erwägung ziehen.“


Aus dem Dekret über das Laienapostolat (Apostolicam actuositatem, 1965): „10. Als Teilnehmer am Amt Christi, des Priesters, Propheten und Königs, haben die Laien ihren aktiven Anteil am Leben und Tun der Kirche. Innerhalb der Gemeinschaften der Kirche ist ihr Tun so notwendig, daß ohne dieses auch das Apostolat der Hirten meist nicht zu seiner vollen Wirkung kommen kann. Denn wie jene Männer und Frauen, die Paulus in der Verkündigung des Evangeliums unterstützt haben (vgl. Apg 18,18.26; Röm 16,3), ergänzen Laien von wahrhaft apostolischer Einstellung, was ihren Brüdern fehlt; sie stärken geistig die Hirten und das übrige gläubige Volk (vgl. 1 Kor 16,17-18). …


Die Laien mögen sich daran gewöhnen, aufs engste mit ihren Priestern vereint in der Pfarrei zu arbeiten; die eigenen Probleme und die der Welt, sowie die Fragen, die das Heil der Menschen angehen, in die Gemeinschaft der Kirche einzubringen, um sie dann in gemeinsamer Beratung zu prüfen und zu lösen; endlich jede apostolische und missionarische Initiative der eigenen kirchlichen Familie nach Kräften zu unterstützen.“


Die Laien, deren Würde und Aufgaben hier mit deutlichen Worten beschrieben werden, haben ja gar keine Schwierigkeiten, sich an die enge Mitarbeit mit den Priestern zu gewöhnen - wenn diese sie nur ließen. Leider fehlt im Dokument folgender Satz: „Die Priester mögen sich daran gewöhnen, aufs engste mit ihren Laien vereint in der Pfarrei zu arbeiten.“ 


Übrigens: Jesus gehörte nicht zum Priesterstand, genauso wenig wie die Apostel; sie alle waren Laien. Jesus sagte beim letzten Abendmahl: „Welcher von beiden ist größer: wer bei Tisch sitzt oder wer bedient? Natürlich der, der bei Tisch sitzt. Ich aber bin unter euch wie der, der bedient.“ (Lk 22,27)

Pater Thomas Heck SVD