25.08.2018 | zu Apg 1,11

Abschied von einem lang gehegten Traum

Ach, wie schön wäre es... Was sind Ihre Träume, die Sie sehnsüchtig werden lassen? Es ist gut, wenn man den einen oder anderen Traum verwirklichen kann. Von anderen muss man sich wahrscheinlich irgendwann verabschieden.

Du hast eine Melodie in dir. Du legst die Hände aufs Keyboard und Tausende hören sie, hören dich.  
Du hast eine Melodie in dir. Du legst die Hände aufs Keyboard und Tausende hören sie, hören dich.

Es wäre schön, Klavier spielen zu können. Ja, wie phantastisch wäre es, einfach mal in die Tasten eines Keyboards hauen zu können und es würden ihm wunderbar harmonische Melodien entspringen, die einen ganzen Saal verzaubern oder Leute auf der Straße zum Stehenbleiben und Mitschwingen einladen würden. Das war schon immer ein Traum von mir. 

Während meine älteren Schwestern Klavier und Gitarre lernten, war ich schon als kleiner Junge von der Geige fasziniert. Ich muss meine Eltern wohl mit sehr lebendigen Augen angeschaut haben, dass sie mir erlaubten, dieses nicht ganz einfache Instrument zu erlernen und vor allem, dass sie bereit waren, die teuren Unterrichtsstunden zu bezahlen. Waren die Anfänge noch ziemlich quietschend, so entwickelte ich mit den Jahren und den Auftritten eine gewisse Kunst in diesem ausdrucksstarken Instrument. Manche sagen, dass die Töne der Violine der menschlichen Stimme am nächsten seien und kein anderes Instrument eine so große Bandbreite an emotionalem Ausdruck böte. Auf jeden Fall hat es Spaß gemacht, als wir während unserer Studienzeit in einem Quintett mit zwei Geigen, Bratsche, Cello und Cembalo frühbarocke Werke spielten und damit auch immer wieder festliche Anlässe verschönerten. 

Ein Traum jedoch ist dabei nie in Erfüllung gegangen: einfach drauf losspielen und eine wunderbare Musik zum Klingen bringen. Immerhin habe ich einmal ein eigenes Stück geschrieben, zu dem ein Freund dann auch eine Klavierbegleitung komponierte. Ich fand es phantastisch und tief. Für die Zuhörer war es vielleicht auch ein wenig schwierig. Und dann sah ich immer wieder junge Leute, die sich ans Keyboard setzten und mit einer Lässigkeit entweder bekannte Schlager hervorzauberten oder auch eigene Variationen spielten, dass es mich ganz wehmütig erreichte. Ach wie gerne würde ich das auch können.

Auf jeden Fall hatte ich diesen Wunsch auch einmal ausgedrückt und bekam daraufhin ein Keyboard geschenkt. Nachdem ich früher als Autodidakt schon auf dem geschwisterlichen Klavier das „Für Elise“ hinbekommen hatte, sollte es doch jetzt nicht so schwer werden. Ich übte mit der mitgelieferten Anleitung und bekam es nach einiger Zeit auch hin, mit den Fingern eine kleine Melodie auf den Tasten zu bewerkstelligen. Nur, dabei ist es dann auch geblieben.

Seither stand das Keyboard in seinem Karton verpackt in einer Ecke meines Zimmers. Symbol für einen noch unerfüllten Traum. Wenn ich es sah, schwang ein bisschen Wehmut mit. Inzwischen habe ich aber unter Anleitung eines Instrumentenbauers einen Klangbaum bauen dürfen und bin seither begeisterter Monochordspieler. Klangbaum ist ein großer stehender Resonanzkasten, auf den 54 Saiten aufgespannt sind. Die eine Seite gestimmt auf das hohe Cis, die andere auf das tiefe. Alle Saiten schwingen also auf dem gleichen Ton und bringen so eine ganze Fülle von Obertönen und Harmonien mit. Wenn mich Leute ansprechen, nachdem sie mich mit dem Instrument gehört haben, sind sie ganz erstaunt, dass die Saiten nicht wie z.B. bei der Harfe nach der Tonleiter gestimmt sind, sondern nur einen einzigen Ton hervorbringen. Mit der Zeit habe ich auch gelernt dazu zu singen. Es brauchte eine gewisse Lernphase, in der ich mehr und mehr in Beziehung mit meiner Kreativität und mit der eigenen Stimme gekommen bin. Inzwischen habe ich viel Freude daran. Die Zuhörer übrigens auch. Es ist ein Instrument, das nicht große Stimmung macht, das aber auf einer tieferen Ebene die Hörer und Hörerinnen zu erreichen, ja gewissermaßen zu verzaubern vermag.

P. Thomas und Sr. Maria am Klangbaum. Ein sehr kreatives und intuitives Spielen. 
P. Thomas und Sr. Maria am Klangbaum. Ein sehr kreatives und intuitives Spielen.

Jetzt steht für unsere Gemeinschaft wieder ein Umzug an. Inzwischen geht das offensichtlich im Drei-Jahres-Rhythmus. Eindeutig zu viel für meinen Geschmack. Aber manchmal wird man nicht nach den eigenen Vorlieben gefragt. Da die neue Wohnung um einiges kleiner sein wird als unser Studentenwohnheim, das wir gerade auflösen, heißt es auch, sich auf das Wesentliche beschränken und Vieles weggeben. Also habe ich nochmal den Karton mit dem Keyboard in die Hand genommen. Ich fragte mich, ob ich diesen Traum noch irgendwann einmal würde verwirklichen können? Es fiel mir nicht leicht, aber ich entschied mich, das Keyboard wegzugeben und damit auch, mit dem Traum abzuschließen. Er hatte sich ja auf eine andere Weise erfüllt. Nicht so, wie ich es mir ausgemalt hatte. Aber vielleicht war es so die für mich geeignetere Weise. 

Es fasziniert mich weiterhin, wenn ich einen Künstler mit seinen Fingern über die Tasten hinwegfegen sehe und eine Melodie berührt mein Herz. Ich bin dankbar für diese Gabe, an der ich über die Musik Anteil nehmen darf. Und ich freue mich an der Weise, wie ich die Herzen mit dem Klangbaum berühren kann. Ja, vielleicht ist es wichtig, sich im Leben von manchen Träumen zu verabschieden und die Wirklichkeit lieben zu lernen, so wie sie ist.

Im Französischen gibt es einen schönen Ausdruck: „avoir la tête dans les nuages“ (dt.: den Kopf in den Wolken haben), was man übersetzen kann mit: „zerstreut sein, in höheren Sphären schweben“. Manche Träume bewirken vielleicht wirklich, dass wir zerstreut sind und nicht auf dem Boden der Realität stehen. Als Jesus nach Tod und Auferstehung in den Himmel aufgefahren ist, stehen seine Jünger ratlos da und „haben die Köpfe in den Wolken“. Da holt sie die Stimme zweier Engel wieder auf den Boden der Wirklichkeit zurück: „‘Ihr Galiläer’, sprachen die beiden Engel die Jünger an, ‘was steht ihr hier und starrt nach oben? Gott hat Jesus aus eurer Mitte zu sich in den Himmel genommen; aber eines Tages wird er genauso zurückkehren, wie ihr ihn gerade habt gehen sehen.’ (Apg 1,11)

Mit anderen Worten: Bleibt nicht an Jesus und eurem Bild von ihm hängen. Was ihr mit ihm erlebt habt, das lebt in euch weiter. Ihr seid es jetzt, die mit den Füßen auf der Erde stehen. Nehmt euren Auftrag wahr. So wie Jesus gelebt und gehandelt hat, so handelt und lebt auch ihr! Auch wenn ihr noch davon träumt, wie Jesus menschlich in eurer Mitte war, jetzt seid ihr dran. Wacht auf zur Wirklichkeit und nehmt sie als die, die sie ist. Lasst in euch und um euch herum das Reich Gottes aufleuchten.

Pater Thomas Heck SVD