20.04.2018 | zu Johannes 20,19-23

Der Auferstandene in unserer Mitte

Jesus Christus als Auferstandenen zu erleben, das ist gar nicht so unmöglich, abgehoben oder fern, wie man vielleicht meinen könnte. Vielleicht braucht es nur ein waches Hinschauen auf unsere Lebenswirklichkeit, um ihn dort zu erkennen, wo er schon auf uns wartet.

Ein Kind braucht Wurzeln.  
Ein Kind braucht Wurzeln.

Wir schauten uns in der Gemeinschaft einen sehr interessanten Film zum Thema Integration an. Eine türkische Familie hatte das Sorgerecht für die Freundin ihrer Tochter erhalten. Die Mutter des deutschen Mädchens war in einem Verkehrsunfall zu Tode gekommen. Doch die Aufnahme des Mädchens in die türkische Familie stellte sich mehr und mehr als Herausforderung dar. Es gab Widerstand bei den Schwiegereltern, die eigene Tochter entwickelte Eifersucht, die leiblichen Großeltern meldeten ihr Recht auf das Kind an, obwohl sie früher den Kontakt verweigert hatten. Nach vielem Hin und Her, einigen Krisen und Gerichtsverhandlungen, schweißte schließlich die Angst um das weggelaufene Mädchen die gegnerischen Parteien zusammen. Am Ende wurde das Kind mit einem Fest in die türkische Familie aufgenommen, und auch die Großeltern feierten mit.

Nach dem Abspann des Filmes herrschte zunächst Schweigen im Raum, wie ich es oft nach dem Anschauen eines Filmes in Gemeinschaft erlebe. Jeder begutachtete die eigenen Eindrücke und versuchte einzuordnen, was der Film ihm als Botschaft mitgeben wollte. Ich fand den Film jedenfalls spannend gemacht und fand interessant, dass hier das Thema Integration einmal von der Seite einer ausländischen Familie in Bezug auf ein deutsches Kind beleuchtet wurde, also umgekehrt wie sonst meistens.

Als wir noch so unsere Eindrücke von dem Gesehenen austauschten, brachte Rudi das Thema Eucharistie vor, zu dem er in einer christlichen Publikation einen kritischen Artikel gelesen hatte. Einige von uns hatten ihn auch gelesen, ich jedoch noch nicht. Es setzte sich auf einmal eine sehr angeregte Diskussion in Gang. Weil die Messfeier unseren konkreten Alltag berührt, wollte und konnte jede und jeder etwas dazu sagen. Die eine betonte besonders den gemeinschaftlichen Charakter, dass Eucharistie eine starke Verbundenheit unter uns schafft und nährt, die andere sprach von der Nächstenliebe, die sie als große Aufgabe sah und für die die Messe eine Quelle ist. Für den anderen war eher wichtig, wie diese Feier im Auftrag Jesu uns über den priesterlichen Auftrag mit den Wurzeln der Kirche verknüpft. Ich nahm mit Freude wahr, wie lebendig es auf einmal zwischen uns herging. Ich wurde hellwach und erfuhr mich aus dem ruhigen TV-Konsummodus herauskatapultiert. Ich sprach davon, dass wir uns in meiner Glaubensbewegung Gedanken darüber machten, wie wir Gedenkfeiern gestalten konnten, in denen wir uns an Leben und Hingabe Jesu erinnerten und Essen miteinander teilten, ohne dass es dabei um eine sakramentale Eucharistie ginge. Darauf bekam ich die Anfrage, wie das denn zusammen passen würde mit meiner Begeisterung für den Weg des eher traditionellen „Mission Manifest“ (zehn Thesen einer missionarischen Aufbruchbewegung aus dem Umkreis des Augsburger Gebetshauses). Es wurde eine sehr lebendige Unterhaltung, bei der ich spürte, wie aufgeweckt und energievoll die Atmosphäre im Raum auf einmal wurde. Mit der Weise, wie sich alle beteiligten, trat ein Leben im Raum zutage, das vorher nicht zu spüren war. 

Nicht gegeneinander spielen, den Ball vielmehr im Miteinander balancieren. 
Nicht gegeneinander spielen, den Ball vielmehr im Miteinander balancieren.

Vor dem Zu-Bett-Gehen kam mir der Gedanke, dass das ja so eine ähnliche Erfahrung war, wie sie die Jünger mit dem auferstandenen Herrn gemacht hatten, als er plötzlich in ihrer Mitte auftauchte. Als wir den Film anschauten und uns danach Rückmeldungen gaben, da ging es um nicht viel. Wir brauchten ja nur passiv zuzuschauen und ein bisschen Kommentar zu geben. Aber als das Thema „Eucharistie“ ins Spiel kam, da regte sich in uns allen die Lebendigkeit, weil es für jede und jeden von uns wichtig wurde. Weil es um ein heiliges Thema ging, das uns in unserem Ordensleben einfach viel bedeutet, das mit unserer Beziehung zu Gott und zu Jesus zu tun hatte. Während zuvor eher eine geschützte Atmosphäre herrschte, weil man sich vielleicht unbewusst auf einen entspannten Abend geeinigt hatte und Auseindersetzung vermeiden wollte – die Türen waren verschlossen -, da änderte sich dies schlagartig mit dem Thema Messfeier, weil plötzlich jeder persönlich berührt war und sich auch mit seiner eigenen Überzeugung zeigen wollte – die Türen gingen auf und der Herr trat in unsere Mitte. Dabei wurden, wenn auch nicht ausgesprochen, die eigene Sehnsucht und die persönlichen wunden Stellen deutlich – der Herr zeigte ihnen seine Hände, seine Füße und die Seite.

Wenn ich das so reflektiere, entsteht ein tiefes Glück in mir über dieses Geschenk. Ja, der Friede des Auferstandenen, den er seinen Jüngern wünschte, wird erfahrbar. Für mich ist es immer wieder das größte Geschenk, wenn in Begegnung zwischen Menschen eine Verbundenheit entsteht, in der wir uns trauen, die Schutzzäune herunterzufahren und offen und ehrlich einander mitzuteilen, was uns bewegt. Wenn wir es dann sogar wagen, von unserem Scheitern, unserer Ohnmacht oder von unseren Wunden zu erzählen, dann beginnt für mich, neues Leben und Hoffnung zu wachsen. Ja, da gibt es einen neuen Geist und eine Sendung, nämlich die, mit der Erfahrung des Angenommenseins in diesem Miteinander hinauszugehen und andere Menschen mit ihren Brüchen und Fehlern genauso anzunehmen – Jesus hauchte sie an und sagte: Empfangt Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden erlasst, dem sind sie wirklich erlassen.

Ja, diese Erfahrung schenkt mir eine Freude und einen Frieden, der mich motiviert, meine Aufgabe in der Nachfolge Jesu weiterzuführen. Sie schenkt mir Dankbarkeit für meine Gemeinschaft, in der solche Augenblicke möglich sind. Sie schenkt mir Mut, Brücken zu bauen zu Menschen, die sich ausgeschlossen fühlen, damit auch sie erfahren können, sie gehören dazu, Gott steht zu ihnen und der Glaube daran kann sie heilen und ihr Leben verwandeln – dann ist die Sünde, die Trennung, wirklich überwunden und Gemeinschaft wächst.

Im Film übrigens, den ich anfangs erwähnte, ist auch erst dann der Friede im Miteinander möglich geworden, als alle Beteiligten an ihre Grenzen stießen und so gezwungen wurden, ihre tieferen Beweggründe offenzulegen. Wandlung ist geschehen, indem sie gelernt haben, die Situationen anzuschauen und miteinander auf neue Weise damit umzugehen.

„Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.“ (Joh 20,19-23)

Pater Thomas Heck SVD