03.07.2018 | zu Lukas 1,5-25

Wie, Gott straft nicht?

Manche Menschen treten aus der Kirche aus, weil sie an keinen strafenden Gott mehr glauben wollen. Sie haben Recht, aber sie schütten das Kind mit dem Bade aus. Denn Jesus lädt zu einem Weg und zu einer Entwicklung im Glauben ein, und die Kirche sollte der geeignete Raum sein, in dem sich die Nachfolge-Gemeinschaft dabei gegenseitig unterstützt.

Da ist Einiges verdreht: Aus dem Schöpfungsakt in Liebe wurde ein gegenseitiges Sich-Anschuldigen. 
Da ist Einiges verdreht: Aus dem Schöpfungsakt in Liebe wurde ein gegenseitiges Sich-Anschuldigen.

Immer wieder begegne ich Stellen in der Bibel, sei es aus dem Alten oder aus dem Neuen Testament, in denen entweder ausdrücklich die Rede davon ist, dass der Mensch für ein schlechtes Verhalten bestraft wird oder es legt sich zumindest als logischer Schluss nahe. Wenn ich dann in der Runde mit einer Gruppe bin, versuche ich immer wieder andere Verstehensmöglichkeiten zu eröffnen. 

Letztens ist es wieder so vorgekommen bei einem Bibliodrama-Nachmittag. Wir beschäftigten uns intensiv mit dem Text aus Lukas 1,5-25: „Die Ankündigung der Geburt Johannes’ des Täufers“. Es wird erzählt, dass dem Priester Zacharias im Tempel ein Engel begegnet, der ihm die Geburt eines Sohnes verheißt. Zacharias aber fällt es schwer, daran zu glauben, denn er hat mit seiner Frau bisher keine Kinder bekommen und inzwischen sind sie auch schon alt geworden. Darauf antwortet der Engel: „Ich bin Gabriel, der vor Gott steht, und ich bin gesandt worden, um mit dir zu reden und dir diese frohe Botschaft zu bringen. Und siehe, du sollst stumm sein und nicht mehr reden können bis zu dem Tag, an dem dies geschieht, weil du meinen Worten nicht geglaubt hast, die in Erfüllung gehen, wenn die Zeit dafür da ist.“ (V. 19-20) 

Es scheint für den Hörer ganz klar zu sein, dass Zacharias für seinen Unglauben bestraft wird, indem ihm die Stimme genommen wird. So kam auch in unserer Runde die Frage nach dem strafenden Gott auf, weil es ja hier doch deutlich stünde. Ich versuche dann immer, für eine andere Perspektive zu werben. Zunächst einmal wende ich mich von der einzelnen Bibelstelle der Person Jesus zu, denn in ihm finden wir doch die ganze Offenbarung Gottes. Wenn Gott also strafen sollte, dann müssten wir das auch im Handeln Jesu wiederfinden können.

Aber genau das können wir nicht! Ich kenne keine einzige Stelle, in der davon berichtet wird, dass Jesus einen Menschen für irgendetwas, was er getan hat, bestraft. Und selbst da, wo er am ehesten Grund gehabt hätte und wo manchmal unser eigener Gerechtigkeitssinn dahin drängt, eine Strafe zu verhängen, da tut Jesus es nicht. Nehmen wir als Beispiel, wo Jesus in seiner Heimatsynagoge die Antrittsrede hält und damit überraschend auf starke Ablehnung stößt. Ja, seine Landsleute drängen ihn sogar zum Abgrund hin und wollen ihn hinunterstürzen. Da heißt es abschließend: „Er aber schritt mitten durch sie hindurch und ging weg.“ (Lk 4,16-30) Wäre hier nicht ein wirkliches Gericht über die Bewohner angebracht, hätten sie nach unserem Ermessen nicht Strafe verdient, wenn sie den, den wir als unseren Retter und Heiland verehren, so missachten und misshandeln? Aber Jesus straft sie weder mit Worten noch mit Verwünschungen, weder mit irgendwelchen Androhungen noch mit Akten. Damit hält er sich an seine eigene Predigt, in der er sagt: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen.“ (Mt 5,44; vgl. 5,10-12)

Eine weitere Stelle: Petrus, der eifrige Apostel, der nach eigenen Worten dazu bereit war, mit Jesus zu sterben, der es dann aber nicht einmal fertig brachte, sich zu ihm zu bekennen, als ihn eine gewöhnliche Dienstmagd danach fragte. Vielmehr hat er sich von Jesus losgesagt, beim dritten Nachfragen sogar unter Fluchen und Schwören. Als nun der auferstandene Jesus dem Petrus wieder begegnet, wäre es da nicht angezeigt gewesen, ihn seine Verleugnung durch eine gerechte Strafe spüren zu lassen? Hätte Jesus ihn nicht vielleicht sogar aus dem Zwölferkreis ausschließen sollen, weil er sich als unwürdig gezeigt hat? Aber Jesus verhängt keinerlei Strafe. Im Gegenteil, indem er ihn dreimal nach seiner Liebe befragt, konfrontiert er ihn zwar mit seiner dreimaligen Verleugnung, setzt ihn aber damit auch zum Hirten der Schafe ein. (vgl. Mk 14,26-31; 14,53-72; Joh 21,15-19)

Wie Gott die Bäume nährt, damit sie gedeihen, so auch uns, die Menschen. 
Wie Gott die Bäume nährt, damit sie gedeihen, so auch uns, die Menschen.

Jesus hat seine Jünger dazu beauftragt, die Botschaft vom Reich Gottes zu verkünden, Frieden zu bringen, Dämonen auszutreiben und Erkrankte zu heilen. Wenn sie auf Ablehnung stoßen würden, dann sollten sie den Staub von ihren Füßen schütteln, aber nichts weiter! Niemals dürften sie über andere richten und schon gar nicht Strafen verhängen. (vgl. Mt 10,5-15; Lk 10,1-16; Mt 7,1-5) Als zwei Apostel doch einmal die Bewohner eines Dorfes für ihre Weigerung Jesus aufzunehmen mit Feuer vom Himmel bestrafen wollen, da weist Jesus sie mit klaren Worten zurecht und sie ziehen in den nächsten Ort. (Lk 9,51-62)

„Ja, aber es steht doch hier im Text, dass Zacharias bestraft wird“, wandte eine Teilnehmerin ein. Ich sagte: „Das ist eine Interpretation und sagt vielleicht mehr darüber aus, welches Gottesbild in mir steckt. Es gibt auch andere Deutungsmöglichkeiten.“ Und ich legte dar, dass ich dieses Verstummen des Zacharias als eine heilsame Maßnahme sehe, die dem Zacharias ermöglicht, von seinem Zweifel zum Glauben zu kommen, von seinem Widerstand zu einer Öffnung für Gottes Wirken. Ein Priester ist es ja gewohnt, etwas zu sagen zu haben. Die Leute hören auf ihn und er ist ausgebildet und hat einen gewissen Stand. Wenn also Zacharias hier verstummen muss, dann geht es offensichtlich darum, dass er lernen soll zu schweigen, zu hören und nach innen zu schauen. Vielleicht empfangen seine Frau und er deshalb auch keine Kinder, weil sie zu stark auf ihr eigenes gerechtes Tun setzen und zu wenig empfangsbereit sind. Was passiert mit jemand, der es gewohnt ist, allen zu sagen, wo es lang geht und der plötzlich nicht mehr reden kann? Das Verstummen ist keine Bestrafung für ein Fehlverhalten, es ist vielmehr die Einladung und die Aufforderung zur Bekehrung. Es ist ein notwendiger Reifungsschritt, den Gott dem Zacharias zumutet, damit sich das angekündigte Heil durch ihn doch noch verwirklichen kann.

Zacharias erhält seine Sprache wieder, als er bestätigt, dass das Kind heißen soll, wie es seine Frau gesagt hat. Die Verwandten beschwerten sich nämlich und wollten den Namen nicht akzeptieren. Erst als Zacharias seine Frau unterstützt und „Johannes“ auf ein Täfelchen schreibt, da kann er wieder sprechen und bricht auch gleich in einen Lob auf Gottes Gnade aus. 

„Aha, so kann man es auch sehen“, sagte die Teilnehmerin nun nachdenklich. Und ich erklärte weiter, dass durch die Geschichte der biblischen Überlieferung hindurch auch eine große Entwicklung im Gottesbild stattfindet. Natürlich gibt es Texte im Alten Testament, in denen unmissverständlich davon die Rede ist, dass Gott straft. Aber wir wissen ja, dass die Bibel nicht vom Himmel gefallen ist, sondern dass sie Gottes Wort im Menschenwort ist. Wir Menschen verstehen und beschreiben Gott aus unserem eigenen Denkhorizont heraus und dieser unterliegt einer Fortentwicklung. Auch wenn manche Ereignisse des Lebens als Bestrafung durch Gott verstanden worden sind, so lädt Jesus uns zu einer neuen Perspektive ein. Und ich vermute, dass das viel mit der grundlegenden Aufforderung zur Umkehr zu tun, die Jesus zu Beginn seines Wirkens ausruft. Gott ist demnach immer an unserer positiven Entwicklung interessiert und mutet uns dafür auch schmerzvolle Erfahrungen zu. Sie sind aber nicht Strafe, sondern vielmehr Herausforderung zum Reifen. Sie wollen mich nicht klein machen, sondern, indem ich sie im Vertrauen auf Gott nehmen lerne, mir zur Entfaltung zum größeren Leben verhelfen.

Pater Thomas Heck SVD