13.11.2018 | zu Lukas 17,6

Neue Chance zu vertrauen

Es gibt im Leben Erfahrungen, die mich zu der Entscheidung bringen können, dass ich lieber niemandem mehr vertraue als nur mir selbst. Damit schütze ich mich. Aber damit schneide ich mich auch von ganz viel Leben ab.

Wenn dein Glaube auch nur so groß ist wie ein Senfkorn. 
Wenn dein Glaube auch nur so groß ist wie ein Senfkorn.

Krankenbesuche sind nicht meine Spezialität. Sie sind immer auch in einer Weise unangenehm, sind ein Wagnis, weil ich nicht weiß, wie ich die Person, die erkrankt ist, antreffen werde, in welchem Gesundheits- oder Bewusstheitszustand und in welcher Weise ich gerade damit umgehen kann. Am Sonntag war es wieder so weit. Wir waren auf dem Weg ins Marienhospital, das ich bisher nicht kannte, doch das Rote-Kreuz-Symbol mit dem Dach darüber führte uns sicher durch die Stadt zum Ziel. Nachdem wir die Auskunft über die Station erhalten hatten, betätigten wir den Knopf am Aufzug. Es gab sogar drei Aufzüge dort, doch alle ließen sich Zeit. Schließlich öffneten sich dann doch auf einer Seite die Türen und wir stiegen ein, um uns in den 2. Stock befördern zu lassen. Wie ich es häufig in Krankenhäusern erlebe, mussten wir das Zimmer dann noch durch labyrinthartige Gänge hindurch suchen gehen. Wir klopften an und hörten ein leises „Herein“. Ich hatte die Dame bisher nur einmal gesehen, nämlich bei einem Besuch bei ihr zuhause vor etwa zwei Monaten.

Damals hatte sie den Wunsch geäußert, Kontakt mit einer Organisation zu bekommen, die ihr ermöglichen würde, selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden, wenn sie den Eindruck hätte, das Heft aus der Hand zu verlieren. Im Gespräch erfuhr ich, dass sie Erfahrungen von Abhängigkeit und Angewiesensein aus der Kindheit als so negativ erlebt hatte, dass sie sich entschieden hatte, sie wollte lieber unabhängig bleiben und nicht die Hilfe von anderen in Anspruch nehmen müssen. Trotzdem war sie eine Ehe eingegangen und hatte mit ihrem Mann einer Tochter das Leben geschenkt, die inzwischen erwachsen war. Wie sie mir sagte, ist sie im Glauben groß geworden, hat aber mit den Jahren den Kontakt zu Gott und zur Kirche verloren. Es fiel ihr allgemein schwer, jemandem Vertrauen zu schenken. 

Ich machte ihr bewusst und dankte ihr dafür, dass sie mir gerade ihr Vertrauen schenkte, wo wir uns über ihr Leben unterhielten. Sie zeigte keine deutliche Reaktion, aber ich glaube, diese Bemerkung hat sie berührt. Ich fragte, ob sie bereit wäre, mit mir zu beten. Das verneinte sie zuerst und wollte lieber über ihre Zweifel sprechen. Ich hörte ihrer Geschichte und ihren Erfahrungen aufmerksam zu und zeigte Verständnis für ihre Entscheidung, sich Menschen nicht mehr anzuvertrauen. Gleichzeitig machte ich aber auch deutlich, dass diese Entscheidung einen großen Preis kostete, denn wenn ich mich Menschen gegenüber nicht mehr anvertraute, mich ihnen gegenüber nicht mehr öffnete, beschnitte ich mich auch all der positiven Erfahrungen und Gefühle, die eine Begegnung mit Menschen bereithielte. Ich fragte noch einmal, ob ich mit ihr beten dürfe. Nun zeigte sie Bereitschaft und wollte dann schließlich auch die Krankensalbung empfangen. Ich freute mich, denn sie hatte offensichtlich Vertrauen zu mir gefasst, obwohl ich ihr vor zwei Stunden noch völlig fremd gewesen war. 

In der Zeit nach diesem ersten Kontakt ist sie, durch ihre schwere Krankheit bedingt, dreimal im Haus gestürzt und verspürte große Schmerzen. Vor einer Woche wurde sie dann ins Krankenhaus aufgenommen und hatte einige Untersuchungen hinter sich bringen müssen. Sie beschwerte sich über die Behandlung dort und dass weder die Pflegekräfte noch die Ärzte ihr wirklich zuhörten. Bevor sie nämlich hinweisen konnte auf ihre besondere Ausprägung der Krankheit, waren die immer schon aus ihrem Krankenzimmer verschwunden. Dazu verursachten die Untersuchungen ihr starke Schmerzen. Sie fühlte sich nicht gut behandelt und auch nicht gut aufgehoben. 

Wir kamen ins Gespräch miteinander. Ich fragte sie, ob ich ihr vom Sonntagsevangelium erzählen dürfe. Auch jetzt bekam ich wieder ein klares Nein zu hören. Nein, sie wolle lieber über ihre verpasste Chance sprechen. Ja, sie bedauerte im Blick auf die schmerzlichen Erfahrungen, die sie in der vergangenen Woche hat machen müssen, dass sie nicht schon vorher den selbstbestimmten Schritt in den Tod gegangen war. Gleichzeitig sagte sie jedoch, dass sie wohl wüsste, dass es nicht der Wille Jesu gewesen wäre. Ich versuchte ihr Verständnis zu zeigen für diese beiden Wünsche, die sie in einen inneren Zwiespalt führten. 

Persönliche Zuwendung ist ein ganz wichtiges Heilmittel! 
Persönliche Zuwendung ist ein ganz wichtiges Heilmittel!

Schließlich durfte ich dann doch vom Evangelium erzählen. Ich sprach von der armen Witwe, die zwei kleine Münzen in den Opferstock warf und dafür von Jesus den höchsten Respekt erhielt (Mk 12,41-44). Genauso, so sagte ich ihr, komme es nicht auf die Größe des Glaubens an Gott an. Auch wenn der Glaube nur so groß sei wie ein Senfkorn, werde Gott damit etwas Wundervolles bewirken können. (Lk 17,6) Ich fragte sie, ob sie Jesus ihre Ängste und Schmerzen abgeben wolle. Sie atmete tief, kam erst in ein Schluchzen, dann ins Weinen. Ich bat Jesus, dass er alle Schmerzen und Verwundungen, alle Zweifel und Ängste von ihr nehmen wolle. Alsbald wurde ihr Atem freier und weiter. Schließlich fragte ich sie, ob sie Jesus neu ihr Vertrauen schenken wolle. Sie überlegte eine Weile und sagte dann: „Ich kann es versuchen.“ Auch ich überlegte eine Weile und sagte ihr dann: „Ja, das ist gut. Wenn Sie es versuchen, dann werden Sie erfahren, wie Gott Ihnen entgegen kommt.“ Jetzt spendete ich ihr noch einmal die Krankensalbung. Ich legte ihr in Stille die Hände auf den Kopf und bezeichnete sie mit dem Öl auf Stirn und Händen. Das ließ sie in aufmerksamer Haltung geschehen. Schließlich empfing sie auch ein Stückchen der Kommunion, welche sie allerdings nur mit etwas Wasser schlucken konnte. 

Wir ließen Stille einkehren. Nach einer guten Minute sagte sie: „Es war nicht alles schlecht in der vergangenen Woche. An einem Tag kam eine Krankenschwester, die sich wirklich Zeit genommen hat, mich zu waschen. Das war die reinste Wellness“, sagte sie mit einem Lächeln auf ihren Lippen. Und dann war da ein junger arabischer Arzt, der sie zur Endoskopie abholen wollte. Sie widersprach und sagte, dass sie niemand darüber informiert hätte. Schließlich ist man ihren Bedürfnissen nach Schonung nachgekommen und es wurde nur eine Ultraschalluntersuchung durchgeführt. Erstaunlich war das Gesicht, mit dem sie diese Erfahrungen erzählte. Ihre Augen wurden klarer, der ganze Ausdruck des Gesichtes offener. 

Der Besuch, der über eine Stunde gedauert hatte, hatte sie nun doch ermüdet und so verabschiedeten wir uns. Ich war sehr froh über die offensichtliche Wende von der Klage hin zur Dankbarkeit, vom negativen Blick zum positiven. Ich versprach ihr beim Abschied, weiter für sie zu beten. So ließen wir sie zurück.

Am Nachmittag erhielten wir eine Whatsapp-Nachricht von der Dame. Sie schrieb: „Da bekam ich doch eine Lavendelduftlampe von einer meiner Quälgeister. Wer sagt es denn! Ich habe heute Mittag gedacht: vielleicht fängst du mal mit verzeihen an.“ Offensichtlich hatte sie ihre inneren Vorwürfe gegen das Pflegepersonal überwunden und es mit einer positiven Einstellung versucht. Prompt hat ihr eine Krankenschwester eine Duftlampe ins Zimmer gestellt, die wohl gerade für Schmerzpatienten eine beruhigende Wirkung entfaltet. Sie hat ein Senfkorn Vertrauen in Jesus investiert und durfte so deutlich erfahren, dass es eine wunderbare Wirkung zeigt. 

Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung, die die Dame machen durfte und bitte für sie, dass sie es weiter mit dem Vertrauen versucht und erlebt, dass Jesus ihr dabei entgegenkommt. Vielleicht findet sie sogar den Mut, das Schicksal ihrer Krankheit anzunehmen und im Zugehen auf den Tod daran zu glauben, dass Gott es ist, der sie führt und auf sie wartet.

Pater Thomas Heck SVD