20.09.2018 | zu Markus 7,1-23

Unwetter

Ist es das Wetterleuchten nach dem großen Sturm oder deutet sich das nächste Gewitter an?

Missbrauch - zerrissen zwischen Scham und Angst, Ohnmacht und Wut. 
Missbrauch - zerrissen zwischen Scham und Angst, Ohnmacht und Wut.

Nachdem die große und lange Welle der Missbrauchs-Debatte in den Medien mehr und mehr zu verebben schien, zeigte der Besuch des Papstes in Irland und zeigen die Dimensionen von Missbrauch in den USA, dass wir mit dem Thema noch lange nicht durch sind. Losgetreten wurde die große Welle Anfang 2010, als dem Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin einige Missbrauchsfälle an Kindern und Jugendlichen in seiner Einrichtung bekannt geworden waren und er daraufhin in einem Brief aufforderte, dass sich alle betroffenen Schüler melden sollten. Ausschnitte dieses Briefes gelangten durch einen Artikel einer Berliner Zeitung an die Öffentlichkeit, wodurch sich dann die Debatte über Missbrauchsfälle in christlichen Einrichtungen entfachte.

Fast neun Jahre später ist viel passiert: Verantwortliche wurden verurteilt und verbüßen ihre Strafe. Opfer wurden angehört, psychologische Begleitung gewährt, Entschädigungen gezahlt. Schulungen und viel Aufklärungsarbeit wurden organisiert, Präventionsprogramme und Leitlinien erstellt. Bei der Anstellung kirchlicher Mitarbeiter schauen die Diözesen inzwischen ganz genau hin und beauftragen Psychologen mit der Begutachtung der Bewerber. In allen Einrichtungen sind Verantwortliche für Missbrauch ernannt und es gibt die Verpflichtung, jeden Verdachtsfall zu melden.

Die Frage ist, ob damit die beste Lösung gefunden ist, dass junge Menschen nie mehr emotionaler oder sexueller Gewalt ausgesetzt werden. Es ist schrecklich zu bedenken, wie stark jede einzelne Person durch einen Missbrauch in ihrer Würde herabgesetzt und für die ganze Lebensentwicklung belastet wird. Deshalb ist es unerträglich, wenn es offensichtlich bis in höchste Ebenen des Vatikan hinein immer noch Widerstände gibt, schonungslos hinzuschauen, im Namen derer, die gelitten haben, dafür zu sorgen, dass wirklich reiner Tisch gemacht wird.

Die römisch-katholische Kirche hatte sich erst um die Jahrtausendwende allmählich für das Thema sensibilisiert. Die Haltung des Wegschauens war sehr weit verbreitet, nach dem Motto: „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“. Man glaubte häufig, der Kirche einen Dienst zu tun, wenn man Vorfälle verschwieg und die Verursacher an einen anderen Ort versetzte. Die Hoffnung, der Betreffende würde sich am neuen Ort am Riemen reißen, war jedoch allzu oft eine trügerische. Aus falscher Rücksicht wurden die Dienstvorgesetzten oft nicht einmal informiert, so dass der Täter im Verborgenen nach neuen Opfern Ausschau halten konnte.

Ich finde die Taten unsäglich und erlebe in therapeutischen Gesprächen auch von der Seite der Opfer her, wie unglaublich stark sich eine solche Missbrauchserfahrung in die Seele als traumatischer Schmerz einbrennt. Alle Täter müssen zur Rechenschaft gezogen werden und alles muss getan werden, damit Missbrauch so gut wie möglich verhindert wird. Ich will aber nicht auf andere mit dem Finger zeigen, denn ich bin ja selbst Teil des Systems. Auch ich selbst muss mich prüfen mit meinen Motivationen und Sehnsüchten.

Dieser Tage ist mir eine Bibelstelle untergekommen, die für mich diesen Auftrag ausdrückt: 

„Die Pharisäer und einige Schriftgelehrte, die aus Jerusalem gekommen waren, versammelten sich bei Jesus. Sie sahen, dass einige seiner Jünger ihr Brot mit unreinen, das heißt mit ungewaschenen Händen aßen. ... Die Pharisäer und die Schriftgelehrten fragten ihn also: Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten, sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen? Er antwortete ihnen: Der Prophet Jesaja hatte Recht mit dem, was er über euch Heuchler sagte, wie geschrieben steht: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir. Vergeblich verehren sie mich; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen. ... Dann rief er die Leute wieder zu sich und sagte: Hört mir alle zu und begreift, was ich sage! Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. Er verließ die Menge und ging in ein Haus. Da fragten ihn seine Jünger nach dem Sinn dieses rätselhaften Wortes. Er antwortete ihnen: Begreift auch ihr nicht? Versteht ihr nicht, dass das, was von außen in den Menschen hineinkommt, ihn nicht unrein machen kann? Denn es gelangt ja nicht in sein Herz, sondern in den Magen und wird wieder ausgeschieden. Weiter sagte er: Was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Lästerung, Hochmut und Unvernunft. All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein.“ (Mk 7,1-23)

Das Vertrauen auf den Geist Gottes habe ich erst allmählich in der Überwindung meiner Ängste gelernt.  
Das Vertrauen auf den Geist Gottes habe ich erst allmählich in der Überwindung meiner Ängste gelernt.

Pharisäer und Schriftgelehrte sind offensichtlich sehr auf die äußerliche Reinheit bedacht. Und so machen wir es in der Kirche ja auch, wir bemühen uns, dass kein Fleck und kein Makel an die heilige Institution kommt. Wir pflegen eine glanzvolle Liturgie, geben uns als moralische Instanz und mühen uns, etwas von der himmlischen Wirklichkeit in unseren Gemeinden umzusetzen. Das Problem ist, dass uns das davon abhalten kann, die ungeschminkte und manchmal hässliche Wirklichkeit zu sehen und zu akzeptieren. Jesus legt den Finger in die Wunde und spricht davon, dass im Herzen eines jeden Menschen auch die Motivationen liegen, die zum Bösen verführen können. 

Es kann also nicht ausreichen, nach außen hin möglichst vorbildlich alle Gebote und Vorschriften zu erfüllen. Es braucht dringend eine eigene Herzensbildung. Es hilft nichts, das Ungeliebte oder Unerlaubte einfach wegzudrängen und damit zu meinen, ich wäre auf der guten und sicheren Seite. Die Tatsache so vieler Missbrauchsfälle lehrt uns, dass wir unsere dunklen Seiten wirklich anschauen und kennenlernen müssen. Erst wenn wir sie wirklich sehen und verstehen, können wir auch gesunde Formen des Umgangs mit ihnen erlernen. Es braucht eine große Ehrlichkeit gegenüber uns selbst.

Eine wichtige Frage hierbei ist die nach der wirklichen Motivation. Warum tue ich, was ich tue? Ich muss zugeben, dass mein Weg in einen Missionsorden auch mit einer selbstbezogenen Motivation zu tun hatte. Ich bin sehr dankbar für eine sehr deutliche Berufungserfahrung und dennoch war ein Antrieb für den Eintritt auch der, dass ich von zuhause wegkommen wollte, und am besten ganz weit. Wenn ich mir dessen nicht bewusst werde und mein Motiv ehrlich anschaue, werde ich vielleicht mein ganzes Leben lang immer nur weiter vor etwas weglaufen. Damit stehe ich aber nur bedingt im Dienst für die Menschen. Zu einem Teil diene ich mir selbst und das ist unfrei und behindert meinen Auftrag, für die Menschen da zu sein.

Bei meiner Bildungsarbeit ist mir mehr und mehr klar geworden, wie wichtig es war, dass den Menschen meine Angebote gefallen und ich dafür gelobt werde. Ich nahm wahr, wie intensiv ich mich vorbereitete, um eine möglichst perfekte Darbietung abliefern zu können. Warum?, so fragte ich mich. Ich möchte mich nicht blamieren, ich suche Bestätigung, ich brauche Sicherheit. All das kommt aus meinem Herzen und behindert meinen wirklichen Auftrag. Denn anstatt dass ich ganz für die Teilnehmenden da bin, bin ich beschäftigt mit dem, was ich eigentlich für mich suche. Also musste ich allmählich lernen, meine Ängste zu überwinden, Vorstellungen von Perfektion hinter mir zu lassen und Unvollkommenheiten mit Humor zu nehmen. Es geht mir heute viel besser, wenn ich vor einer Gruppe stehe und ich spüre auch, wie der Heilige Geist lebendiger und kreativer durch mich wirken kann.

Pater Thomas Heck SVD