08.03.2018 | zu Psalm 62,11

Unterwegs zur Einfachheit

Was eine Pilgerreise nach Mallorca mich lehrt.

Wunderbare Landschaften auf Mallorca 
Wunderbare Landschaften auf Mallorca

Ich durfte vor kurzem eine Pilgerreise nach Mallorca begleiten. 14 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten sich angemeldet und waren auch komplett zum Vortreffen gekommen, bei dem uns die Pilgerbegleiterin die Wanderrouten erklärte und viele Tipps gab zur Ausrüstung und vor allem, wie man Gewicht sparen konnte. Da wir nämlich von einem Ort zum nächsten wandern wollten, hieß es, alles Gepäck im Rucksack mitzutragen.


Warum aber ausgerechnet nach Mallorca pilgern? Nun, ich bin Cursillo-Seelsorger, und alle Teilnehmer hatten auch schon ihren Cursillo-Glaubenskurs gemacht. Cursillo ist eine kirchliche Bewegung zur Erneuerung und Glaubensvertiefung, die vor 70 Jahren entstanden ist im Zuge einer großangelegten Jugendwallfahrt nach Santiago de Compostela. Im Zentrum der Katholischen Aktion auf Mallorca haben sich Laien, Priester und Bischöfe zusammengetan, um den Begleitern dieser Wallfahrt Rüstzeug mitgeben zu können. Sie haben einen drei Tage dauernden kleinen Glaubenskurs (span. cursillo = kleiner Kurs) konzipiert, der das Wesentliche des Glaubens an Jesus Christus vermitteln sollte. Dieser Kurs hat bei den Teilnehmenden derart eingeschlagen, dass man sehr schnell gemerkt hat, da ist mehr Potential drin. Rasch hat sich der Kurs, der immer von einem Team von Laien mit einem Priester gestaltet wird, auf das Festland Spaniens, nach Südamerika und in die USA ausgebreitet, ab 1960 dann auch nach Österreich und Deutschland.


Ziel unserer Pilgerwanderung war neben dem Gehen durch die wunderbare Natur Mallorcas besonders der Klosterberg Randa mit dem Kloster Sant Honorat. Dort haben nämlich die ersten Cursillo-Glaubenskurse stattgefunden. In der dritten Fassung der „Ideas Funadamentales“, so zu sagen den Grundlagen für unsere Bewegung, ist die Rede von „der kreativen Treue“ zu den Wurzeln, die nötig ist, um das Wesen und den Geist des Cursillos in die heutige Zeit und Gesellschaft zu transportieren. Damals war im Cursillo revolutionär, dass Gläubige ohne theologische Bildung (Laien) Zeugnis von ihrem Glauben an Christus gaben, dass der Priester sich nicht über die anderen stellte, sondern brüderlicher Teil der Gemeinschaft war, dass alle Teilnehmenden mehr und mehr Sprache und Worte fanden, von ihrer eigenen Situation zu sprechen und den Glauben zu teilen. So führte der Kurs viele Menschen zu ihrer persönlichen Begegnung mit Christus, zur Erfahrung der Freude im gemeinschaftlichen Singen und Beten, zur Bewusstwerdung ihrer eigenen Würde und Berufung als von Christus in die Welt Gesendete.


In Palma angekommen
, nahmen wir den Bus nach Deià, von wo wir auf dem alten Piratenweg der Küste entlang unsere erste Wanderung erlebten bis nach Moleta. Obwohl Februar, waren die Temperaturen doch noch reichlich kühl, dicke Wolken ließen nur ab und zu mal einen Sonnenstrahl durch. Aber eine herrliche Landschaft eröffnete sich vor uns mit immer neuen Perspektiven, mal zu den beschneiten Bergen hin, mal zum weiten Meer. Als wir in der Herberge ankamen, brannten zwei dicke Scheite im offenen Kamin und wir bestellten heißen Kaffee. Das war eine Wohltat. Zur Übernachtung gab es einen großen Schlafsaal mit 30 Plätzen. Wir verteilten die Betten und lernten eine Schülergruppe kennen, mit denen wir uns das Lager teilen sollten.


Dann lockte uns der Sonnenuntergang nach draußen. Für einen Stadtbewohner wie mich ist es ein Erlebnis, die Sonne am Horizont in das endlose Wasser eintauchen zu sehen. Ein Moment von Andacht umgab mich. Da wir noch auf das Abendessen warten mussten, machten wir Dehnübungen für Arme und Beine und hörten einen Impuls der Pilgerbegleiterin. Dann war es so weit, Maria, die Hüttenwärtin, stellte auf den großen Tisch, um den wir alle saßen, eine große Ofenform mit Kartoffeln und Hähnchen darin. Dazu gab es Salat. Wir alle hatten auch guten Hunger und aßen uns satt. Allen hat es geschmeckt und alles wurde leer.


Am nächsten Tag forderte eine lange Wanderung alles von uns ab, es ging über viele Höhenmeter zur nächsten Herberge. Auf dem Pass schritten wir sogar durch Schnee und eisiger Wind pfiff uns um die Ohren. Bald kamen wir an einen Parkplatz, der überfüllt war bis auf die Straße hinaus. Für die Mallorquiner war der Schnee offensichtlich ein seltenes Ereignis, Kinder bauten Schneemänner und lieferten sich mit den Eltern schreiend und quiekend eine Schneeballschlacht. Am Abend bekamen wir auch wieder einen großen Topf vorgesetzt, aus dem wir alle aßen und dankbar satt wurden.


Hüttenessen: einfach und schmackhaft. 
Hüttenessen: einfach und schmackhaft.

Unser weiterer Weg führte uns dann zum Marienheiligtum Santuari de Lluc. Dort wanderten wir durch eine bizarre Karstlandschaft, immer wieder durchsetzt mit Olivenhainen, die Sonne begleitete uns. Schließlich kamen wir zu unserem Ziel, dem Kloster Sant Honorat. Dort legten wir einen Besinnungstag ein. Mit atemberaubender Sicht über die ganze Ebene der Insel bis zum Meer hin meditierten wir über unser Leben, über die Geschenke Gottes an uns, tauschten uns darüber aus und feierten Dank im Gottesdienst. Das Essen war vegetarisch und einfach, aber sehr schmackhaft. Dann ging es vom Berg Randa wieder hinunter. Von Llucmajor nahmen wir den Bus, der uns wieder nach Palma führte.


Mit jedem Kilometer mehr verließen wir die Stille der Berge und des Klosters, unaufhörlich näherten wir uns wieder dem Großstadtgewimmel von Palma. Irgendwie brachte uns das aus dem Takt des Pilgerns. Den Vormittag waren wir meist im Schweigen gegangen, um ganz bei uns und mit den Sinnen in der Natur zu sein. Nun aber war kein Schweigen mehr, schade, denn damit ging viel an Atmosphäre verloren. Wir zogen uns in unsere Zimmer im Drei-Sterne-Hotel zurück, um uns frisch zu machen.


Schließlich schwärmten wir wieder aus zu einem Lokal, das uns wegen seiner guten mallorquinischen Küche empfohlen worden war. Beim Lesen der Speisekarte taten wir uns schwer, obwohl jeweils auch die deutsche Übersetzung darunter stand. Vielleicht war auch einfach das Angebot plötzlich so groß, wo wir doch bisher immer alle so zu sagen aus einem Topf gegessen hatten. Nun bestellte der eine vegetarisch, die andere diskutierte mit dem Ober über die Qualität der Weine, ein anderer wollte statt der angegebenen Beilage lieber Kartoffel haben, wieder eine andere versuchte deutlich zu machen, dass sie Bier ohne Alkohol wollte, doch der Ober verstand sie nicht. Ach, was für ein Durcheinander, dachte ich. Doch es ging erst richtig los, als wir die Rechnung bestellten, die - wohl typisch für dort - alles auf einem Zettel auflistete. Nun begann das lustige Rätselraten, wer denn was zu bezahlen hatte. Wie hieß nochmal mein Essen? Wo ist der Wein zu finden, den ich bestellt habe? Was sollte mit „Divers“ gemeint sein. Ein ewiges Hin und Her, doch die gesammelten Scheine und Münzen reichten nicht aus für den Rechnungsbetrag. Wer hatte etwas übersehen oder zu wenig hingelegt? Zu guter Letzt hat einer dann einfach einen Schein dazu gegeben, damit es stimmte.


Ach, dachte ich, wie schön war es doch, als wir in der Herberge alle aus einem Topf gegessen haben. Es war einfach, aber alle waren zufrieden und es hat für alle gereicht. Wie schön war es in Kloster Honorat, wo jede und jeder eine gefüllte Zucchini vorgesetzt bekam und glücklich damit war. Die große Auswahl im Restaurant hat diese Einheit irgendwie auseinander fallen lassen, das komplizierte Bestellen und Abrechnen hat meinen Genuss beim Essen beeinträchtigt.


Vielleicht eine gute Lektion in der Fastenzeit: Das Leben in Einfachheit kann mehr Zufriedenheit schenken und größere Verbundenheit. Das Leben im Überfluss und in der Vielfalt trägt die Gefahr der Zerstreuung und der Unzufriedenheit in sich. So möchte ich mich in der Fastenzeit darin üben, achtsam zu sein und das Einfache zu wählen, Zufriedenheit zu pflegen und Dankbarkeit.


Der Beter in Psalm 62 sagt: „Wenn der Reichtum wächst, verliert nicht euer Herz an ihn!“ (Vers 11c)

Pater Thomas Heck SVD