27.05.2018 | zu Röm 8,28

Das Befremdliche muss nicht befremdlich bleiben

Das Leben schickt mir immer wieder Herausforderungen über den Weg. Ob ich sie nehme oder nicht, das ist meine Entscheidung!

Beim Gebet in einer Moschee in Istanbul.  
Beim Gebet in einer Moschee in Istanbul.

Ich lebe mit Muslimen unter einem Dach. Gerade ist wieder Ramadan, die Zeit des großen Fastens. Das ist eine der Säulen, die neben dem öffentlichen Glaubensbekenntnis, dem täglichen rituellen Gebet, der sozialen Spende und der Wallfahrt nach Mekka für jeden gläubigen Moslem zu ihrer Religion dazu gehören. Wenn wir mit unserer Gemeinschaft abends zusammen sitzen und uns über die Erfahrungen des Tages und manche Neuigkeit austauschen, dann können wir sie nebenan in der Studentenküche hören. Während sie von Sonnenaufgang an nichts gegessen und nichts getrunken haben, kommen sie abends zusammen, um miteinander ein gutes Essen für das Fastenbrechen zu kochen. Dann, gegen 21 Uhr, lassen sie vom Handy die arabischen Rufe und Gebete erklingen, die vermelden, dass die Sonne untergegangen ist. Dann wird zuerst eine Dattel gegessen und ein Schluck Wasser genommen, so ist das Fasten gebrochen. Es folgt das Abendgebet und erst danach wird das Mahl eingenommen. Der Ramadan ist eine besondere Einladung an die Gläubigen, in den Dialog mit Allah zu treten, den Koran zu lesen, die Seele zu reinigen und die Gemeinschaft mit den Mitmenschen zu pflegen.

Ich habe Hochachtung vor der Treue der Muslime zu ihrem Glauben und ihren Traditionen, vor der konsequenten Haltung, diese auch fern der Heimat zu praktizieren. Aber gerade da werden sie wahrscheinlich noch viel wichtiger, weil sie ja auch die Identität stärken und die Verbundenheit spüren lassen, wenn um sie herum mehrheitlich kein oder ein anderer Glaube gelebt wird. Und natürlich mache ich mir so meine Gedanken über die Verträglichkeit und die gesundheitlichen Auswirkungen, wenn man 15 ½ Stunden lang nichts zu sich nimmt. Aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass wenn man sich zum Fasten entschieden hat, man das gut durchhalten kann. Und es bringt - neben mancher Müdigkeit und Mattheit - dann auch eine neue Achtsamkeit und Entschiedenheit, ein wacheres Gefühl für den eigenen Körper.

Im früheren Studentenwohnheim sind wir als Gemeinschaft auch zum großen Fastenbrechen am Ende des Ramadan eingeladen worden und durften mitfeiern. Solche Begegnungen haben für mich dann immer zuerst etwas Fremdes, vielleicht auch weil ich nicht weiß, wie man sich dabei zu verhalten hat. Ich nähere mich mit einer gewissen Scheu und beobachte die anderen. Ich lasse mich grundsätzlich aber auch gerne ein, etwas Neues kennenzulernen. Das fällt dann umso leichter, wenn man schon den einen oder die andere gut kennt, nett miteinander ins Gespräch kommt und natürlich auch die leckeren Speisen genießen darf, die in einer Fülle und Buntheit von den muslimischen StudentInnen vorbereitet wurden.

Ich bin immer wieder froh über solche Gelegenheiten, weil damit etwas von der Fremdheit zwischen den Kulturen und Religionen genommen wird und mehr Vertrautheit und Selbstverständlichkeit in der Begegnung wächst. Ich selber habe für acht Jahre in anderen Ländern gelebt und weiß, was es bedeutet, Ausländer zu sein. War das in Paris noch kein wirkliches Problem, weil es unser Nachbarland ist, so habe ich das im Kongo schon anders wahrgenommen. Solange die politische Situation dort einigermaßen stabil war, gab es für Weiße einen Vertrauensvorschuss. Sie waren eben die Geschäftsleute und Arbeitgeber, die viele Waren und Verdienstmöglichkeiten ins Land brachten. Als das Land aber dann von Rebellion und Krise durchgeschüttelt wurde, da sind die Ausländer schnell zu Sündenböcken geworden. Wer beutet unser Land aus: die Weißen! Wer sind die Drahtzieher hinter der politischen Misere: die Weißen.

Das sind wohl Mechanismen, die sehr schnell in einer Bevölkerung in Gang kommen, wenn es gerade mal nicht gut läuft. Ich möchte es denen, die auch bei uns so schnell auf die Menschen aus anderen Ländern zeigen oder über sie schimpfen, einmal gönnen, dass sie für längere Zeit in einem fremden Land leben und sich als Ausländer erfahren. Für mich waren meine Zeit in Frankreich und im Kongo unglaublich bereichernd. Aber sie haben mich auch herausgefordert, mich mit meiner eigenen Kultur intensiver auseinander zu setzen, weil ich mich in einem Umfeld erlebt habe, das eine ganz andere Kultur pflegte.

Im Kongo machten es einem die Menschen leicht, ins Gespräch zu kommen. 
Im Kongo machten es einem die Menschen leicht, ins Gespräch zu kommen.

Für mich gab es natürlich den großen Vorteil, dass ich mit den meisten Menschen, mit denen ich im Kongo zu tun hatte, den christlichen Glauben teilte, wenn er sich dort auch in Manchem verschieden ausdrückte. Aber diese große Gemeinsamkeit erlaubte es mir, viel gelassener und mit einem gewissen inneren Halt auch in die Begegnung mit der Fremdheit zu gehen. Diesen Vorteil haben viele Menschen, die nach Deutschland kommen, nicht. Ich weiß durch eigenes Erleben, wie verloren man sich manchmal fühlen kann, wenn man in einem fremden Land lebt. Deshalb gehe ich auch immer freundlich auf Menschen mit anderer Kultur und anderem Glauben zu, versuche Verbindung zu schaffen und eine Kultur des Willkommens zu pflegen.

Ich weiß von meinem spirituellen Weg, dass das Leben mir immer neue Herausforderungen stellt, an denen ich wachsen soll. Manche suche ich mir selbst aus, wie z.B. meine Wahl für den Missionseinsatz im Kongo, andere Herausforderungen wähle ich nicht selbst und sie schmecken mir auch nicht, wie z.B. eine Krankheit, ein Misserfolg, das Aufgeben-Müssen eines Hauses, in dem ich gelebt und gearbeitet habe. Und dennoch habe ich immer die Wahl, mich gegen das, was geschieht, zu versperren und es abzulehnen, oder aber es zu nehmen, als das, was es ist, und zu prüfen, worin dort eine Entwicklungsmöglichkeit für mich liegt. Im Letzteren entwickle ich immer mehr einen Sportsgeist, der mich grundsätzlich in Allem auch etwas Positives entdecken lässt.

Wenn ich von daher noch einmal auf unsere muslimischen Bewohner schaue, so kann ich mich natürlich die Nase rümpfen über ihre Formen des Betens und Fastens. Ich kann in dieser Begegnung aber auch eine gesunde Anfrage für mich als Christ sehen: Wie ernst nehme ich denn unsere Fastenzeit vor dem Osterfest? Eine gewisse Trennung von Staat und Religion ist gut, aber haben wir Christen uns nicht viel zu sehr hinter Kirchenmauern und in den Bereich des Privaten drängen lassen? Haben wir uns nicht viel zu sehr der modernen Welt angepasst und leben kaum noch etwas entschieden Anderes?

Mit verschiedenen StudentInnen muslimischen Glaubens durfte ich schon intensiver ins Gespräch kommen. Vor allem mit einem, der seine Religion auch kritisch hinterfragt, habe ich die Möglichkeit sehr offen zu sprechen. Das gibt mir die Gelegenheit, meinen eigenen Glauben von einer anderen Perspektive zu sehen und mir so im Gemeinsamen wie im Unterscheidenden klarer zu werden. So ist die Begegnung immer wieder Bereicherung und Vertiefung. Sofern ich mich dafür entscheide!

Uwe Böschemeyer, ein bekannter Psychotherapeut, schreibt in seinem Buch Du bist mehr als dein Problem: „...alles, was ich ablehne, entzieht sich mir in seinem Wesen, verschließt mir den Zugang zu sich, bleibt mir fremd, verhindert mein Verstehen, vertieft in mir die Ablehnung. ... Leben will angenommen, will nicht abgelehnt sein. Kein Leben zeigt sich in seinem Wesen, wenn ich es verneine. Deshalb warten Menschen, Tiere, Pflanzen, wartet alles Leben, wartet auch meine eigene Seele auf meine Entscheidung, dass ich sie annehme, aufnehme, Ja zu ihr sage.“

Paulus sagt im Römerbrief und das ist mir zu einem sehr tröstlichen Wort geworden: Bei denen, die Gott lieben, führt alles, wirklich alles, zum Guten. (vgl. Röm 8,28)

Pater Thomas Heck SVD