01.03.2019 | zu Lukas 18,25

Das berühmte Nadelöhr

Manchmal sucht man ja die berühmte Stecknadel im Heuhaufen. Ich möchte mich aber hier mit jenem Sprichwort befassen, welches die Unmöglichkeit für ein Wüstentier beschreibt, durch die Winzigkeit der Öse einer Nähnadel zu schlüpfen.

Der menschliche Traum: Endlich genug Geld, um sich auszuruhen. - Auf Gott bauen und ein gerechtes Miteinander gestalten, das ist die weit bessere Wahl! 
Der menschliche Traum: Endlich genug Geld, um sich auszuruhen. - Auf Gott bauen und ein gerechtes Miteinander gestalten, das ist die weit bessere Wahl!

Es ist eine oft zitierte Redewendung aus der Bibel: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes kommt.“ (Lk 18,25) Jesus bringt dieses Bild ein, als ein wohlhabender Mann zu ihm kommt und wissen will, was er noch tun muss, damit er ewiges Leben sicher hat. Die Antwort Jesu ist so gar nicht nach seinem Geschmack: „Eines fehlt dir noch: Verkauf alles, was du hast, und verteil es an die Armen und du wirst einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“ Der Fragende war ja gerade auf der Suche nach der letzten Sicherheit für seine Person, und was Jesus ihm anbietet, ist die Aufforderung, sich in die totale Unsicherheit zu begeben. Verständlich, dass er sehr traurig wird und von dannen zieht.

Letztens habe ich einen Bibliolog zu dieser Textstelle gestaltet. Das ist eine lebendige Bibel-Methode, bei der man eingeladen ist, sich in eine Person aus der Bibelstelle und ihre Situation einzufühlen. Wer mag, kann dann mitteilen, was ihm dazu in den Sinn kommt. Andere können im Zuhören der Äußerungen im Stillen mitgehen. Dann wird wieder ein Abschnitt weiter gelesen und eine andere Rolle angeboten. So erlebt die Gruppe das, was um Jesus geschieht, in gewisser Weise persönlich mit. Durch Bibliolog wird es möglich, biblisches Geschehen am eigenen Leib zu spüren, z.B. was es bedeutet, von Jesus zur Nachfolge gerufen zu werden oder als leidender Mensch von Jesus die Hände aufgelegt zu bekommen.

In dieser Weise also interviewte ich eine Gruppe von 22 Personen und stellte die Frage: „Du bist dieser führende Mann, der zu Jesus kommt. Du scheinst sehr überzeugt zu sein von deinem guten Lebenswandel. Aber Jesus spricht davon, dass dir noch etwas fehlt. Wie geht es dir mit seiner Aufforderung, dass du alles verkaufen und es an die Armen verteilen sollst, um einen Schatz im Himmel zu haben?“. In den verschiedenen Aussagen, die ich in der Gruppe einsammelte, kam stark zum Ausdruck, wie die TeilnehmerInnen diesen Auftrag Jesu als eine völlige Überforderung sahen und davor zurückschreckten, alles, Besitz, Haus, Verantwortung für Familie usw. hinter sich zu lassen. Nur ein oder zwei aus dem Kreis zeigten eine gewissen Bereitschaft, sich im Ansatz darauf einzulassen.

In der Reflexion zu dieser Einheit drückte ein Teilnehmer aus, wie er diese Stelle schon immer nicht als realistisch hatte ansehen können und wie erleichtert er jetzt war, dass mehrere ihre Schwierigkeiten damit geäußert hatten.
Ich habe dann versucht, das Ganze einzuordnen. Genau deshalb, weil es uns Menschen so schwer fällt und weil wir uns so gerne an unsere selbst aufgebauten Sicherheiten klammern, sagt Jesus im Abschluss: „Was für Menschen unmöglich ist, ist für Gott möglich.“ Das ist keine allgemeingültige philosophische Aussage über die Vollmacht Gottes, sondern es ist ein Angebot. Wir haben im Bibliolog genau das erfahren: Es ist für uns Menschen unmöglich, es ist eine Überforderung. Und eben deshalb dürfen wir es von Gott her erbitten. Es geht hier gar nicht in erster Linie darum, ob reich oder arm, ob viel Besitz oder wenig. Es geht wie bei Jesus sooft zunächst um eine innere Haltung. Und wenn ich die richtige innere Haltung finde, werde ich auch im Umgang mit materiellen Gütern eine angemessene Einstellung einnehmen können.

Diese riesige Nähnadel habe ich vor dem Service-Gebäude eines bekannten Bekleidungsunternehmens gefunden. Endlich einmal ein Nadelöhr, durch das ein Mensch leicht und womöglich sogar ein Kamel gehen kann! 
Diese riesige Nähnadel habe ich vor dem Service-Gebäude
eines bekannten Bekleidungsunternehmens gefunden.
Endlich einmal ein Nadelöhr, durch das ein Mensch leicht
und womöglich sogar ein Kamel gehen kann!

Vielmehr als um das Thema Geld geht es hier um das Vertrauen. Die Einladung Jesu an den Mann ist im Grunde die Frage: Auf was baust du in deinem Leben, wem vertraust du wirklich? Deinem Wohlstand, deiner Lebensversicherung, deinen Kapitalanlagen? Oder bist du bereit, dich in Gottes Hände fallen zu lassen, weil du ihm vertraust? Armselig der Mensch, der nur auf seine eigene Leistungen baut. Sein Herz ist nicht offen, nicht lebendig. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat viele Menschen in den Suizid geführt, weil plötzlich all ihre Sicherheiten dahin geschmolzen waren und sie sich mit leeren Händen dastehen sahen. Selig die Menschen, die gelernt haben, dass sie vor Gott grundsätzlich mit leeren Händen dastehen und dass das keine Schande ist, sondern die beste Voraussetzung dafür, von ihm beschenkt und reich gemacht zu werden. Nur das Herz, das zu vertrauen wagt und das Teilen in Gemeinschaft einübt, bleibt lebendig und wird alle Herausforderungen bestehen.

Hier ist es wieder interessant, den Kontext, in dem unsere Geschichte steht, zu beachten: Im Gleichnis vom Richter und der Witwe bedeutet Jesus seinen Jüngern, dass es wichtig ist, beständig zu sein im Beten vor Gott. Und das heißt ja auch, sich seine eigene Begrenztheit und Bedürftigkeit bewusst zu machen und alles von Gott zu erbitten sowie das Vertrauen auf ihn zu stärken und ihm für alle Gaben zu danken. Im anschließenden Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner erhält nicht derjenige die Erfüllung seiner Gebete, der stolz etwas vor Gott vorzuweisen hat, sondern der, der sich seiner Armut und seiner leeren Hände bewusst ist. Schließlich umarmt Jesus die Kinder, die die Jünger zunächst fernhalten wollten und sagt: „Wer das Reich Gottes nicht so annehmen kann wie ein Kind, der wird keinen Anteil daran haben.“

Vielleicht ist mit dieser Betrachtung das Nadelöhr in unserem Verständnis schon etwas weiter geworden, so dass es gerade groß genug sein könnte, dass wir hindurchschlüpfen und unser Leben fortan mehr auf Gott bauen, als auf unsere eigenen Sicherheiten. Zachäus hat es ja auch geschafft. Nicht, weil er es aus einem moralischem Anspruch irgendwann über sich gebracht hat, sondern weil er in der Begegnung mit Jesus zutiefst erfahren durfte, dass er als Mensch vollkommen angenommen wird. Also gilt auch hier wieder: „Was für Menschen unmöglich ist, ist für Gott möglich.“

Und so versuche ich, mich im Gebet ganz bewusst mit meiner Armut vor Gott zu öffnen. Mit meiner Erschöpfung, mit meiner Enttäuschung, mit meiner Engherzigkeit, mit meiner Angst im Blick auf die Welt. Was ich erfahre ist, dass ich mit der Zeit ruhiger werde. Es braucht schon den Mut, dass ich diese unangenehme Situation ertrage und vor Gott hinhalte. Was dann aber entsteht, ist neue Hoffnung, ist neuer Lebensmut, eine innere Verbundenheit. Es ist fast so, als könnte Gott hingehaltene leere Hände und das Rufen eines wehen Herzens gar nicht unbeantwortet lassen. Er wird sie immer füllen mit seiner Liebe und Barmherzigkeit.

Pater Thomas Heck SVD