31.10.2019 | zu Lukas 18,9-14

Ein Haus für Menschen, bunt wie die Welt

Das Leben in unserer Zeit wird durch den Zuzug von Menschen aus anderen Kulturen und Religionen immer bunter. Wie wir damit umgehen wollen, das liegt in unsrer Hand.

Die eingeladenen VertreterInnen der Häuser der Religionen aus Stuttgart, Berlin, New York, London, Bern und Taiwan bei der Podiumsdiskussion. 
Die eingeladenen VertreterInnen der Häuser der Religionen aus Stuttgart, Berlin, New York, London, Bern und Taiwan bei der Podiumsdiskussion.

Menschen verschiedener Kulturen unter einem Dach, kann das gut gehen? Nun, das ist ja schon lange Wirklichkeit in den Wohnhäusern der großen Städte. Da wohnt die arabische Familie neben der älteren deutschen Frau, das serbische Paar im 1. Stock und darüber eine afrikanische Familie. Aber Menschen verschiedener Religionen unter einem Dach, kann das gut gehen? Vielfach ist es ja so, dass Menschen aus verschiedenen Kulturen oft auch eine andere Religion mitbringen. Nur kommt das im weitgehend anonymen Nebeneinander großer Mietshäuser meist wenig zum Vorschein, wenn nicht gerade die Aufhebung des Ramadan oder Weihnachten gefeiert werden und zu diesen Anlässen fremde Menschen durch das Treppenhaus gehen oder einem exotische Gerüche um die Nase wehen.

In München wollen wir dieser Tatsache, die durch die globale Mobilität der Menschen in den Metropolen gang und gäbe geworden ist, einen Raum geben. Wir haben schon einen Verein gegründet, der sich Haus der Kulturen und Religionen in München e.V. nennt. Im Vorstand sind die Vertreter aller größeren Religionen versammelt, die sich mit Ideen und Zeit für ein Haus der Begegnung von Menschen über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg einsetzen. Es ist großartig, dass vonseiten aller Religionsvertreter die Bereitschaft da ist, aufeinander zuzugehen. Im Anderen nicht den Konkurrenten oder vielleicht sogar den Widersacher zu sehen, sondern im grundsätzlichen Respekt vor jeder Person die verschiedenen religiösen Ausprägungen als Wege der gemeinsamen Suche nach Gott zu verstehen.

Unser Verein hat, um in der Stadt Bekanntheit zu erlangen, eine zweitägige Tagung organisiert, zu der die Vertreter von sechs Häusern der Religionen weltweit eingeladen wurden und ihre Projekte jeweils vorstellen konnten. Die Vertreterin des Museums der Kulturen in Taiwan, das allerdings weit mehr ist als ein Museum, nämlich eine Bildungseinrichtung und ein Lernort für Jung und Alt, hat uns das Konzept ihres Hauses vorgestellt: Beim Eingang wird der Besucher sozusagen auf eine Reise mitgenommen und zwar durch die verschiedenen Religionen hindurch. Er soll sich als Pilger wahrnehmen, der in der Begegnung mit jeder Religion den besonderen Schatz entdecken darf, die sie ihm in Ausdrucksform oder Inhalt mitgeben möchte. So kann sich der Besucher am Ende seines Weges durch das Museum vielfach beschenkt erfahren und Manches mitnehmen als Anregung für seine eigene spirituelle Lebensreise.

Wie unser Haus in München aussehen soll, das wissen wir noch nicht und es hat auch noch Zeit, denn uns fehlt das Grundstück, um das Haus zu realisieren. Die Begegnung mit den LeiterInnen der anderen Häusern der Religionen hat gezeigt, dass wir uns mit unserem Anliegen auf jeden Fall auf eine lange Anlaufphase und viel Geduld einstellen müssen. So ein Haus lässt sich nicht am grünen Tisch planen, es muss wachsen dürfen und möglichst viele Menschen mit einbeziehen. Denn, das ist auch eine Erfahrung, die uns die Gäste mitgebracht haben: ein/e VertreterIn einer Religion kann nie die ganze Glaubensgemeinschaft repräsentieren, dafür gibt es einfach innerhalb der ein uns selben Religion zu viele verschiedene Strömungen und Bedürfnisse. Es braucht das Mitüberlegen, Mitarbeiten, Mittun und Mitbeten so vieler Menschen wie möglich. Bevor aber das physische Haus entstehen kann, muss zuerst schon der ideelle Raum der Begegnung und des Aufeinander-Hörens geschaffen werden. Nur wenn dies gelingt, kann auch später ein Haus aus Mauern tatsächlich zur Heimat werden für Menschen aus verschiedenen Religionen. 

Verschiedene Religionen unter einem Dach: Ein Ort des Kennenlernens, der Verständigung, der gemeinsamen Suche nach Frieden und Gerechtigkeit. 
Verschiedene Religionen unter einem Dach: Ein Ort des Kennenlernens, der Verständigung, der gemeinsamen Suche nach Frieden und Gerechtigkeit.

Es gibt verschiedene Konzepte, wie wir bei den Präsentationen erfahren haben: Häuser, in denen die Religionen jeweils einen eigenen selbstverwalteten Raum für Gottesdienst und Feier haben. Die Türen aller Räume münden dann aber in ein gemeinsames Forum, eine Aula, die miteinander genutzt wird. Andere verstehen sich deutlicher als Bildungs- und Begegnungszentrum, das den Menschen helfen will, ihre Unkenntnis in Bezug auf andere Religionen zu überwinden. Denn die Wurzel aller Vorurteile ist das Nichtwissen. Hier werden dann z.B. in einer Runde heilige Texte aus den Büchern der verschiedenen Religionen gelesen und anschließend tauscht man sich darüber aus. Oder zu bestimmten Themen werden die Aspekte aus den verschiedenen Religionen dargestellt z.B. zum Fasten, zur Männer- und Frauenrolle, zum Gebet usw. Oder in einem Seminar werden angehenden Polizisten die Grundkenntnisse über die verschiedenen Religionen vermittelt, deren Zugehörigen sie bei Einsätzen in der Stadt begegnen können.

Vielleicht wird man einwenden, dass es doch Religionen mit extremistischen Tendenzen gibt. Die Wahrheit ist wohl eher, dass es extremistische und fundamentalistische Tendenzen in allen Religionen gibt. Und umso wichtiger ist das Projekt, denn es soll ein Lernort werden, an dem das gemeinsame Leben eingeübt werden kann, an dem Fragen und Konflikte angesprochen werden dürfen und mit Begleitung angeschaut werden können, um gemeinsam einen Weg des Miteinanders zu suchen. 

Unsere Besonderheit in München ist, dass wir uns ein solches Haus in Verbindung mit einem Wohnheim für Studierende vorstellen. Es soll außerdem ein College geben, dass die Möglichkeit bietet, ein Diplom oder Master in interreligiösen Studien zu machen. Dies wäre dann nicht nur eine akademische Ausbildung, sondern würde das konkrete Leben im Wohnhaus sowie Praktika bei anderen Religionsgemeinschaften mit einbeziehen. Im Miteinander junger Menschen aus verschiedenen Kulturen und Religionen würde das Leben gemeinsam gestaltet: von der Nutzung der Küche bis zur Organisation von Fußballturnieren, von der Mitverantwortung in der Hausleitung bis zur gegenseitigen Begleitung bei Behördengängen und vielem mehr. 

Auch an die breitere Bevölkerungsschicht denken wir. Das Lehrhaus der Religionen bietet interessante Themen interreligiöser Begegnung an in Vorträgen und Events, die Einblicke bieten in das Was und Wie der verschiedenen Traditionen.

Dass wir Menschen zunehmend in bunter Mischung von Kultur und Religion miteinander leben werden, das kann man weder leugnen noch rückgängig machen, so gerne Manche das vielleicht auch wollen. Wir können es aber als Chance begreifen, wie der Pilger im Museum von Taiwan, der die verschiedenen Räume durchwandert und dort eingeladen ist, die Schätze zu entdecken, die andere Religionen zu bieten haben. Mit unserem Haus der Kulturen und Religionen wollen wir einladen, sich bewusst mit der gegebenen Wirklichkeit auseinander zu setzen und ein Miteinander zu schaffen, anstatt im Gegeneinander hängen zu bleiben. 

Dieser Tage hörten wir im Evangelium das Gleichnis vom selbstgerechten Pharisäer und vom schuldbewussten Zöllner, die zusammen in den Tempel gehen. Doch nur der Zöllner wird von Gott erhört. (Lk 18,9-14) Ich habe diesen Text auf dem Hintergrund der interreligiösen Tagung mit anderen Ohren gehört und möchte ihn hier einmal wiedergeben:

Einigen, die von ihrer eigenen Religion überzeugt waren und die anderen verachteten, erzählte Jesus dieses Gleichnis: Drei Männer gingen zum Gebet, der eine in die Moschee, der andere in die Synagoge, der dritte in die Kirche. Alle drei dankten Gott, dass sie der wahren Religion angehörten und nicht wie die anderen waren. Sie feierten ihren Ritus mit voller Überzeugung und waren zufrieden mit sich selbst, als sie ihre religiösen Pflichten erfüllt hatten.
Eine Frau aber blieb zuhause, weil die verschiedenen Religionen ihr vermittelten, dass nur die Männer in der vorderen Reihe zu stehen haben. Sie erhob in gewohnter Unterwürfigkeit ihre Augen zum Himmel und betete: „Gott, schau du mich an und schenke mir Kraft!“

Ich sage euch: Diese fand bei Gott Barmherzigkeit, die anderen nicht. Denn wer sich selbst für gerecht erachtet, kann die Kraft Gottes nicht empfangen, wer aber seine eigene Bedürftigkeit und Begrenztheit sieht, der wird erfüllt mit Gottes Segen.

Das Verbindende in allen Religionen ist das Bemühen um und die Einübung in eine dankbare, liebevolle und dienstbereite Herzenshaltung. Mögen wir miteinander anpacken, diese Welt zu einem friedvollen Ort zu gestalten, mögen wir zusammenwirken, sie zu schützen und zu bewahren.

Pater Thomas Heck SVD