15.07.2019 | zu Markus 3,1-6

Wenn Religion Angst macht

Jesus ist gekommen, damit wir das Leben in Fülle finden. Das Gegenteil wäre der Mensch, der aus Angst vor Fehlern und Sünden gar nicht wagt, das Eigene zu leben.

Leben heißt Geben und Nehmen. Mal kann ich anderen helfen, mal bin ich selber auf Hilfe angewiesen. 
Leben heißt Geben und Nehmen. Mal kann ich anderen helfen, mal bin ich selber auf Hilfe angewiesen.

Manchmal werde ich zornig auf die Religion. Ich stehe am Bett einer älteren Dame, die einen schwierigen Eingriff im Gehirn überstanden hat. Sie ist schwach und schon über Wochen ans Bett gefesselt. Das Sprechen gelingt ihr nur mühsam. Sie formuliert lediglich kurze Aussagen, deren Sinn sich mir manchmal nicht erschließt. Ich kenne sie als eine äußerst engagierte Frau, die immer bereit war, sich für andere einzusetzen mit Zeit und Energie und Liebe. Nie war ihr etwas zu viel, wenn es darum geht, jemanden in Not zu helfen, sei es in ihrem Umkreis oder in Projekten in Afrika.


Nun ist sie selbst in Not geraten. Eine geplatzte Ader im Kopf drohte das Gehirn dauerhaft zu schädigen. Gott sei Dank war sie schnell ins Krankenhaus gebracht worden, wo man sie sofort operierte. Doch die Situation, selbst hilfebedürftig zu sein, scheint ihr sehr zu schaffen zu machen. Ich versuche ihr zu sagen, dass das Leben doch ein Geben und Nehmen ist. Sie hat immer nur anderen gegeben und das mit großem Herzen. Nun aber ist sie selbst auf Hilfe angewiesen und das gehört eben auch zum Leben. Doch sie macht mit ihrem Gesichtsausdruck überdeutlich, dass ihr das nicht behagt. Schließlich bringt sie mühevoll ihren Gedanken zum Ausdruck und sagt: „Aber man darf doch nicht so egoistisch sein.“

 
Ich bin geschockt durch diese Aussage. Wer, um Himmels willen, hat dieser Frau, armselig, wie sie da gerade im Krankenbett liegt, so etwas beigebracht? Wie kommt sie auf die Idee, dass es egoistisch wäre, die notwendige Fürsorge für sich in Anspruch zu nehmen? Und ich erlebe es immer wieder, dass unsere Religion gerade bei älteren Menschen zu einer Sozialisation geführt hat, die sie es als sündhaft ansehen lässt, das eigene Wohl in den Blick zu nehmen. Und wie tief das bei den Menschen sitzt, die durch diese Katechese gegangen sind! Das macht mich traurig und wütend zu gleich.


Denn wenn ich nicht lerne, in guter Weise auch für mich selbst zu sorgen, wie sollte ich mich dann in guter Weise um andere kümmern können? Erst, wenn ich mich selbst annehme und auch auf meine eigenen Bedürfnisse achte, kann ich mich ergebenen Herzens um andere kümmern. Die eingeimpfte Angst, angesichts all des Schönen und Guten, das mir zukommt, meinen Egoismus zu wittern, ist kontraproduktiv und lebensfeindlich. Wenn ich echte Zuwendung und Liebe nicht wirklich für mich als Geschenk annehmen kann, dann verhungere ich und brenne aus. Ich werde dazu getrieben, in ungesunder Weise um mich selbst zu kreisen, werde versuchen, mir durch meinen harten Einsatz die Anerkennung zu verdienen. Das ist weder gesund für mich, noch für die anderen. Wenn also die Religion es mit der Angst vor der Sünde übertreibt, dann führt sie gerade dazu, wovor sie zu schützen vorgibt. 


Ein anderes Feld übertriebener Sündenängste, die letztlich gerade erst zu sündhaftem Verhalten führen, ist die Sexualität. Generationen von Menschen, inklusive auch meiner Eltern noch, wurden von der Kirche mit schweren Ängsten beladen und jedes Mal in die Nähe des Höllenfeuers gerückt, wenn sie sich ihrem Frau- und Mannsein hingaben. Wenn wir in Achtsamkeit auf die Schöpfung blicken, dann ist doch wohl überdeutlich, dass die Fortpflanzung, der Geschlechtsakt und natürlich auch die dabei empfundene Lust zum Programm der Schöpfung gehören. Warum hat es unsere Religion uns dann so unglaublich schwer damit gemacht, warum schärfte sie solche Ängste ein, wenn es um das Einswerden und das Mitschöpfen mit Gott geht? Im Gegenteil wäre es der Auftrag, die wunderbare Gabe zu würdigen, dass wir Menschen fähig sind, in der sinnlichen Begegnung Leben und Liebe zu schenken und zu empfangen und so neuem Leben die Tür zu öffnen. 

Gott hat Freude am Menschen, der seiner Sehnsucht folgt und Leidenschaft entwickelt in seinen Fähigkeiten. 
Gott hat Freude am Menschen, der seiner Sehnsucht folgt und Leidenschaft entwickelt in seinen Fähigkeiten.

Im Namen der Religion ist unglaublich viel Angst gemacht worden. Wenn ich Jesus richtig verstehe, dann ist das aber mitnichten unser Auftrag. Jesus ist im Gegenteil immer der, der unser Vertrauen stärkt, der uns ermutigt, neue Räume zu erobern. Er ist immer auf der Seite, das Leben zu ermöglichen, anstatt es zu verbieten. Dieser verkrampfte Umgang mit Sexualität und dieser angstbesetzte Versuch, jede Gefahr des Egoismus zu vermeiden, zieht am Ende ganz viele Sünden nach sich. Hier liegt sicher auch eine der Wurzeln des Missbrauchsphänomens, das gerade in kirchlichen Organisationen eine erschreckende Verbreitung gefunden hat.


Das Heilmittel ist eine gesunde Selbstliebe. Weder eine narzisstische Selbstverliebtheit, noch eine - vielleicht nur unbewusste - Ablehnung der eigenen Person. Das Evangelium für uns heißt: Gott hat dich aus Liebe als sein eigenes Abbild erschaffen, du bist ein einzigartiger und wertvoller Mensch nach seinem Willen. Er hat dir mit deinem Leben ganz besondere Fähigkeiten und Möglichkeiten mitgegeben, die nur du so einbringen kannst. Jesus macht dir Mut, dich mit diesen Fähigkeiten und Möglichkeiten zu entdecken, zu entfalten und einzubringen - mit Freude und Leidenschaft. Und natürlich wirst du auch deine eigene Begrenztheit erleben und Hinfälligkeit, wirst Fehler machen. Das aber soll dich nicht deprimieren, denn auch mit deinen Schwächen darfst du zu ihm kommen und wirst in seinem Erbarmen aufgehoben und dadurch reifen in deiner Liebe.


Es geht im christlichen Leben nicht darum, möglichst das perfekte, sündenlose und in allem vorbildhafte Leben zu führen, das Stoff für eine Heiligenlegende sein könnte. Es geht vielmehr darum, auf unserer Lebensreise zum vollen Ja dem Leben gegenüber zu finden, mutig seine Leidenschaft und sein Potential zu leben und das Vertrauen zu lernen, dass ich auch mit meinen Schwächen in der liebenden Hand Gottes geborgen bin, die alles zum Segen verwandelt.


Der Mann mit der verdorrten Hand im Markusevangelium (Mk 3,1-6) scheint jemand zu sein, der unter den strikten und engen Vorgaben seiner Religion nicht zu dem Mut gefunden hat, sein Leben anzupacken. Die Hand steht bildlich für das eigene Handeln und das Hand-Anlegen an die Welt. Die Pharisäer stehen für die, die alles richtig machen wollen. Sie passen deshalb auf, dass Jesus nur ja kein Gebot übertritt. Sie finden selber nicht zu einem Leben in selbstverantworteter Freiheit und wollen auch Jesus daran hindern, den Mann von der Lähmung zu befreien. Durch Jesu Unterstützung wagt es dieser Mann aber dann, in die Mitte des Raumes zu kommen und seine Hand auszustrecken. Jesus führt ihn in die Mitte seines Lebens zurück und gibt ihm den Mut, sein Leben in die Hand zu nehmen und zu gestalten. Die Reaktion der Pharisäer? Sie beschließen, Jesus, der einen Menschen zu seinem wirklichen Leben befreit hat, umzubringen. Damit zeigen sie, wie verdorrt es in ihnen aussieht und wie sehr sie sich im vermeintlichen Dienst an Gott und Religion zu Handlangern der Angst gemacht haben, wie sehr sie sich und anderen im Namen der Angst vor Fehlern das Leben verbieten.


Wo möchte Jesus mich von übertriebenen Ängsten befreien? Wo möchte er mir Freiheit und Mut schenken, dass ich mehr ich selber werde und mein Potential lebe? Bei welcher Aufgabe entwickle ich Leidenschaft und fühle mich eins mit mir und der Welt?

Pater Thomas Heck SVD